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16.02.2013  |  von  |  0 Kommentare

Kultur Wir können vieles nicht

Wir können alles, außer Flughafen, heißt es inzwischen in Berlin. Wir können alles, außer Philharmonie sagt man in Hamburg und Konstanz.
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Ressortleiter Kultur / Kolumnist

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Wir können alles, außer Bahnhof, ist in Stuttgart zu hören. Bisher hatte man sich dort nur bezichtigt, des Hochdeutschen nicht mächtig zu sein. Doch die Liste des Unvermögens wird täglich länger.

Wir können nicht länger Papst. Ausgerechnet der erste deutsche Papst seit Jahrhunderten ist auch der Erste, der vorzeitig aufgibt. Das ist den Italienern und den Polen, noch nie passiert. Made in Germany hinter Italien und Polen. Ob wir noch länger Suhrkamp, Opel oder Formel Eins sein werden, weiß auch nur der liebe Gott. Sprichwörtlich sollte die Welt doch immer am deutschen Wesen genesen. Und jetzt solche Nackenschläge für unser kollektives Selbstbewusstsein.

Oft half wenigstens der Fußball in ähnlichen Situationen aus der depressiven Patsche. Nun gut, das muss noch ein bisschen reifen. Und für ein neues Sommermärchen ist es ohnehin noch zu kalt. Pflegen wir unsere Wunden, ziehen wir uns ins abgedunkelte Kämmerchen zurück und bemitleiden uns. Wir können alles, außer Brüderle. Oder Wowereit. Oder Steinbrück. Oder Mappus. Wir können alles, außer ordentliche Dissertationen. Wir können noch nicht einmal mehr Lasagne. Okay, die kommt aus Großbritannien, wo schon William Shakespeare das ganze Königreich von Richard III. für ein Pferd verscherbeln wollte. Aber daheim ist's auch nicht besser. Wir können alles, außer Familienpolitik. Wir können alles, außer Mindestlohn, alles außer Länderfinanzausgleich, Energiewende oder gebührenfreies Studieren. Wir können eigentlich alles, außer Schwarz-Gelb.

Aber vielleicht ist es ganz gut, wenn wir Weltmeister im Alleskönnen nun etwas schwächeln. Denn so ganz wohl war uns noch nie in dieser fatalen „Deutschland-über-alles-Rolle“. Begreifen wir unsere Formschwäche doch einfach als vertrauensbildende Maßnahme. Die Welt wird wieder lieber gegen uns Fußball spielen. Oder nun auch Eishockey. Bei Staatsbesuchen dürfen sich die Gastgeber künftig über gleiche Augenhöhe mit uns freuen. Üben wir doch einfach die hohe Kunst des Loslassens. Zeigen wir der Welt mit Dschungelcamp, Fernsehfasnacht Castingshows, Philip Rösler und Guido Westerwelle, dass wir auch nur mit Wasser kochen.

Lassen wir getrost Afrika oder Lateinamerika Papst sein, treten wir unseren „Über-alles-in-der-Welt“-Überschmäh einfach an die Chinesen ab. Ja, die können wirklich alles. Alles, außer Menschenrechte und Demokratie. Das lassen wir uns dagegen nicht nehmen.

Also, blicken wir nach Rom. Noch nie wurde diesem Papst so viel Respekt über alle Religionen hinweg entgegengebracht, wie für seine große Geste des Rückzugs. Haben wir Mut zur Lücke, dann wird sie sich am schnellsten schließen. Üben wir uns in Demut und Bescheidenheit, bis es dann vielleicht heißen wird: Wir sind Sympathie.

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