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12.07.2012  |  von  |  0 Kommentare

Kultur „Wir sind keine Abspielstation“

Das Stimmen-Festival in Lörrach geht in seine 19. Saison. Für den Leiter Helmut Bürgel ist es die letzte. Dann übergibt er an Markus Muffler

Helmut Bürgel ist der Gründer und Leiter des Kulturzentrums Burghof in Lörrach und des dortigen Festivals "Simmen"

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Redakteurin Kultur / Kolumnistin

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Nein, wehmütig sei er überhaupt nicht, sagt Helmut Bürgel. So recht weiß man nicht, ob man ihm das glauben soll. Immerhin ist das Stimmen-Festival sein Kind. Vor zwanzig Jahren zog Bürgel von Singen, wo er an der Gründung des Kulturzentrums „Gems“ beteiligt war, nach Lörrach, übernahm das Amt des Kulturreferenten und gründete 1994 „Stimmen“. Das Festival in und um Lörrach hat sich mit bis zu 34 000 Besuchern jährlich längst zu einer Marke entwickelt. Und nun entlässt Bürgel sein Kind sozusagen in die Selbstständigkeit. Die 19. Saison, die gerade begonnen hat, ist die letzte unter seiner Verantwortung. Im November geht er in den Ruhestand. Dann übernimmt Markus Muffler, seit einem Jahr Co-Geschäftsführer, die Leitung.

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Bürgel möchte einen klaren Schnitt machen. Und dabei sollte er so gar nicht wehmütig werden? „Wenn ich Markus Muffler eine halbtote Leiche übergeben würde, hätte ich natürlich ein schlechtes Gewissen. Aber diese Quelle sprudelt“, sagt er. Und im Übrigen wolle er auch selbst nicht als lebende Leiche „aus dem Stimmenprojekt rausgetragen werden“. Er will nicht zu denen gehören, die nicht wissen, wann Zeit ist, aufzuhören.

Bürgel kann mit Stolz auf sein gut gewachsenes Kind blicken. Konzeptuell gesehen ist das Festival mit seinem Fokus auf der menschlichen Stimme einerseits spezialisiert, andererseits aber auch sehr weit gefasst, weil sich Rock- und Popgrößen wie Lenny Kravitz, Bob Dylan oder Neil Young neben einem klassischen Ensemble für Renaissance-Gesang oder keltischem Folk im Programm finden. „Es gibt viele Rockfestivals, es gibt viele Jazzfestivals, es gibt viele Opernfestivals, aber es gibt kein Festival, was sich so stil- und genreübergreifend dem Gesang widmet wie wir“, sagt Bürgel.

Für seinen größten Erfolg hält er aber die Tatsache, „dass Stimmen nicht nur ein Festival ist, sondern dass es all die ‚Satelliten' wie Voicelab, die Stimmen-Stiftung oder ‚Lörrach singt' gibt.“ Dahinter verbergen sich eine Stimmen-Akademie, Projekte zur Gesangsförderung, auch eine Stimmen-Werkstatt mit unterschiedlichen Kursangeboten und das Open-Air-Fest für Amateurgesang, bei dem ganz Lörrach seine Stimme erhebt. Mit all dem hat Bürgel das Festival tief in der Region verankert und es unverwechselbar gemacht. „Wir sind nicht nur eine Abspielstation, sondern wir produzieren selbst“, betont er. Er hat dies immer als einen „Auftrag“ des Stimmen-Festivals betrachtet. „Jeder will aus der Kulturszene irgendwas herausziehen. Keiner will investieren. Und das ist die Krankheit, an der wir leiden. Wir müssen Projekte und Dinge machen, wo wir am Anfang nicht wissen, was am Ende herauskommt. Wir müssen dieses Risiko eingehen.“ Dazu gehört für ihn eben auch, „dass wir nicht immer nur die gleichen bekannten Namen abspielen, sondern dass wir auch dem Gehör Nahrung liefern – mit Musik, die wir sonst nie hören würden.“

Ist es nun ein Zufall, dass Bürgel aus einer Stadt kommend, die den Gesang bereits im Namen trägt, ein Festival rund um die Stimme entwickelt? Jedenfalls, antwortet Bürgel, habe er in Singen die zwei entscheidenden Konzerte organisiert, die in ihm die Idee von einem Stimmen-Festival haben keinem lassen.

Da war zum einen der bulgarische Frauenchor „Le Mystère des voix bulgares“, zum anderen der Saxofonist Jan Garbarek mit dem Hilliard Ensemble. „Es war, als ob die Gesangsmusik plötzlich zu neuen Ufern aufgebrochen wäre. Da hat es mich echt gefroren. Da habe ich gedacht, mit dieser Gänsehaut möchte ich immer zu tun haben“, erinnert sich Bürgel. Dass der bulgarische Frauenchor in diesem Jahr nach Lörrach zurückkehrt, darf man somit auch als Rückblick auf die eigenen Anfänge am Ende einer Ära betrachten.

Nun also wird der 49-jährige Volkswirt und Musikveranstalter Markus Muffler, den seine neue Aufgabe „aufgeregt wie eine kleines Kind“ macht, Bürgels Kind sicher in die Zukunft führen müssen. Auch wenn das Kind gesund ist: Die Festivallandschaft hat sich in den vergangenen zwanzig Jahren verändert, der Markt ist dichter geworden, die Künstler-Gagen sind teilweise exorbitant gestiegen. Doch Muffler ist zuversichtlich. Am Grundkonzept möchte er nichts ändern, wohl aber hier und da neue Schwerpunkte setzen. „Für mich ist es wichtig, dass ich meine eigene Handschrift versuche“, sagt er. Seine Heimat seien Rock, Pop, Soul. Und dann sagt er noch einen Satz, den man vielleicht auch ein wenig programmatisch verstehen kann: „Das, was in Woodstock begonnen wurde, das lebt heute in Festivals wie Stimmen weiter.“


Hier finden Sie alle Informationen und Bilder zu den Festivals der Region
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