Frau Hätscher, die Bibliothek der Universität Konstanz ist eine so genannte „offene“ Bibliothek. Ihre Nutzer dürfen die Bücher vor Ort aussuchen und in der Bibliothek arbeiten. Das war Ende der 1960er Jahren, als die Universität mit dem Lehrbetrieb begann, sehr fortschrittlich. Hat sich dieser Modus bewährt und hat er Nachahmer gefunden?
Das Konzept war und ist fortschrittlich. Der freie Zugang zu den Büchern, die Abkehr von dem Konzept, Bücher in Magazinen zu verstecken und vor den Nutzern zu schützen, hat sich bis heute bewährt. Es gibt Nachahmer, zuletzt wurden in Berlin im Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum, dem Neubau der Universitätsbibliothek der Humboldt Universität, große Anteile des Bestandes frei zugänglich und nach fachsystematischer Gliederung aufgestellt.
Als die Konstanzer Bibliothek gegründet wurde, dachte noch niemand ans Internet. Welche Folgen hat die Computerisierung und Digitalisierung der Gesellschaft für wissenschaftliche Bibliotheken!
Wissenschaftliche Bibliotheken sind seit der starken Verbreitung des Internet natürlich großen Veränderungsprozessen unterworfen. Informationsversorgung für Forschung, Lehre und Studium findet heute in zunehmendem Maße in digitaler Form statt, oder wenigstens Teilschritte der Versorgung sind elektronisch. Wissenschaftliche Zeitschriften und zum Teil auch bestimmte Arten von Büchern werden immer mehr digital bereitgestellt. Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen sowie Studierende erwarten einen schnellen Zugriff auf die Informationen, die sie benötigen, möglichst direkt vom eigenen Arbeitsplatz aus, ohne Zeitverzug. Digitale Verfügbarkeit darf aber nicht mit „kostenfrei“ verwechselt werden. Auch für die digitalen Angebote der Verlage zahlen die Bibliotheken erhebliche Summen und investieren Arbeitszeit für die Verwaltung der Zugänge. Über die Lizenzen dürfen dann Wissenschaftler und Studierende von jedem Ort der Welt auf diese Materialien zugreifen. Für nicht-universitäre Nutzer stehen die Angebote in den Räumen der Bibliothek online zur Verfügung.
Und welche Veränderungen registrieren Sie in der Konstanzer Bibliothek?
In den letzten Jahren haben wir große Anstrengungen unternommen, um die Welt der gedruckten Bücher mit der Welt der elektronischen besser zu vernetzen. So haben wir zum Beispiel ein universitätsinternes elektronisches Dokumentliefersystem eingeführt. Lehrende der Universität können einzelne Artikel aus gedruckten Zeitschriften oder aus Büchern bei der Bibliothek bestellen, wir scannen den Aufsatz und schicken ihn als Datei direkt an den Arbeitsplatz des Bestellers. Ein weiteres Beispiel ist die Einführung der Literatursuchmaschine KonSearch. Mit Hilfe dieser Suchmaschine können nicht nur die Bestände der Bibliothek gesucht werden, die sich in unseren Räumen befinden (ca. zwei Millionen Bände), sondern es werden weit über 100 Millionen wissenschaftliche Aufsätze, Bücher und andere elektronische Materialien durchsucht, die die Bibliothek zur Verfügung stellt.
Stichwort elektronisches Buchwesen: Gibt es Unterschiede zwischen den einzelnen Fachbereichen, also Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften?
Ja, definitiv. In den naturwissenschaftlichen Fächern findet die Literatur- und Informationsversorgung seit einigen Jahren fast ausschließlich digital statt. Gedruckte Zeitschriften gibt es kaum noch, gedruckte Bücher werden überwiegend im Lehrbuchbereich nachgefragt. In den Fächern Politik, Recht und Wirtschaft findet ein Umbruch statt. Vor allem in den Wirtschaftswissenschaften und Teilen der Politikwissenschaft ist ein deutlicher Trend hin zu mehr elektronischer Nachfrage zu bemerken. Die traditionell buchorientierten Geisteswissenschaften arbeiten auch jetzt noch in hohem Maße weiter mit gedrucktem Material. Zeitschriften werden zum Teil auf digitale Ausgaben umgestellt, aber Bücher werden gedruckt nachgefragt. Die Unterschiede haben viel mit verschiedenen Arbeitsstilen in den Fachkulturen, mit unterschiedlichem Publikationsverhalten zu tun. Während in den Geisteswissenschaften, zum Beispiel im Fach Geschichte, weiter umfangreiche Bücher publiziert werden, veröffentlichen z. B. Biologen überwiegend Zeitschriftenaufsätze zur Verbreitung ihrer wissenschaftlichen Erkenntnisse.
Sind elektronische Medien in der Anschaffung und in der „Wartung“ kostengünstiger als „physische“ Medien?
Elektronische Zeitschriften und Bücher sind nicht günstiger als gedruckte. Wissenschaftliche Bibliotheken weltweit zahlen hohe Summen für die Rechte, auf die von den Wissenschaftsverlagen bereitgestellten Medien zugreifen zu können. Es gibt Einkaufsgemeinschaften in Baden-Württemberg und auch über das Land hinaus, um günstiger einkaufen zu können. Aber dennoch sind hohe Preise zu bezahlen. Um die Dimensionen zu verdeutlichen: Einzelne Zeitschriften können pro Jahr mehrere Tausend Euro kosten.
Immer wieder geistert das Stichwort „open access“ durch die Medien. Dahinter steckt der Gedanke einer Art Lehrmittelfreiheit für die Hochschulen? Sie gelten als eine Verfechterin dieser Forderung, warum?
Hinter dem Schlagwort Open Access verbirgt sich die Idee, dass Erkenntnisse von Wissenschaftlern möglichst frei und ohne finanzielle Hürden für andere Wissenschaftler wie auch für die Öffentlichkeit verfügbar sein sollen. Wissenschaft lebt unter anderem vom Austausch zwischen Wissenschaftlern. Neue Erkenntnisse müssen verbreitet werden und zirkulieren. Im Internetzeitalter findet diese Wissensverbreitung in vielen Fachdisziplinen elektronisch statt, vor allem in den naturwissenschaftlichen Fächern. Ein schneller und unkomplizierter Zugang zu den Inhalten wird erwartet. Durch die hohen Lizenzgebühren können Bibliotheken nur einen Teil der kursierenden Information ihren jeweiligen Nutzern zugänglich machen, was ein Nachteil im Forschungswettbewerb sein kann. Deshalb gibt es Diskussionen um Änderungen des Urheberrechts hin zu wissenschaftsfreundlicheren Regelungen im Gesetz. Das sogenannte Zweitverwertungsrecht soll es Autoren von wissenschaftlichen Zeitschriftenartikeln ermöglichen, ihre Publikation nach Ablauf einer gewissen Frist ins Netz stellen zu dürfen. Außerdem gibt es mittlerweile Zeitschriften, bei denen die Veröffentlichung des Artikels bezahlt wird, danach aber alle anderen Menschen weltweit freien Zugang darauf haben. Es wird also nicht mehr abonniert, sondern im Vorhinein für alle bezahlt. Solche Modelle des Vorabfinanzierens existieren jetzt schon in der Druckwelt in Form von sogenannten Druckkostenzuschüssen, die Autoren zahlen müssen, damit ein Buch erscheinen kann. Bei hochspezieller Forschungsliteratur ist das nicht unüblich. Autoren wissenschaftlicher Werke verdienen selten an den Publikationen, sondern sie publizieren, damit die Erkenntnisse verbreitet werden. Große Wissenschaftsorganisationen weltweit haben mit der „Berliner Erklärung über den offenen Zugang zu wissenschaftlichem Wissen“ (ein schrecklicher Titel in der deutschen Übersetzung) ein Statement zu Open Access abgegeben. Auch die Universität Konstanz hat diese Erklärung unterzeichnet.
Beobachten Sie eine Veränderung im Studierverhalten? Studierende und Lehrkräfte könnten ja jetzt schon am Laptop zu Hause ihre Lektüren verrichten, theoretisch könnten die Dozenten ihre Vorlesungen auch übers Internet versenden...
Vorab: Lehre wird auch in Zukunft überwiegend an der Universität stattfinden im direkten Kontakt zu den Lehrenden sowie im Austausch der Studierenden untereinander. Aber wir beobachten tatsächlich immer mehr den Bedarf an elektronischer Unterstützung der Lehre durch die Bereitstellung digitalen Begleitmaterials, durch Diskussionsplattformen für spezielle Seminare, durch Vorlesungsmitschnitte, um verpasste oder sehr komplizierte Vorlesungsstunden nacharbeiten zu können und anderes mehr. Das Stichwort dazu ist Blended Learning, also eine Mischung aus Präsenzlehre verbunden mit Anteilen der elektronisch unterstützten Lehre.
Was bedeuten die genannten Veränderungen für die Raumsituation und für das Personal der Bibliothek?
Die Bibliothek der Universität Konstanz wird in den nächsten Jahren in weiten Teilen saniert. Wir werden bei der Sanierung darauf achten, dass neue technische Anforderungen berücksichtigt werden können. Ein flächendeckender kabelfreier Internetzugang via WLAN in guter Qualität wird heute ebenso erwartet wie unterschiedliche Arbeitszonen für Einzel- und Gruppenarbeit, mit und ohne technische Ausstattung. Wir experimentieren mit neuen Arbeitsformen in Zusammenarbeit mit der Arbeitsgruppe Mensch-Maschine-Interaktion von Professor Reiterer, zum Beispiel mit sogenannten Touch Tables, an denen mehrere Menschen gleichzeitig einen Touchscreen bedienen können, um gemeinsam Ergebnisse zu erarbeiten. Aber: Das alles findet in Räumen statt, der Ort Bibliothek wird weiterhin gebraucht. Diese Veränderungen stellen eine Herausforderung für das Personal der Bibliothek dar. Ständige Weiterbildung, vor allem im EDV Bereich, ist ebenso notwendig wie die Bereitschaft, weit über den Tellerrand hinaus zu denken und Veränderungen frühzeitig wahrzunehmen. Jetzt kommt die Generation Internet an die Universitäten, für die der Umgang mit Google, Facebook und Smartphone völlig selbstverständlich ist und die entsprechende berechtigte Erwartungen an Dienste einer Bibliothek mitbringen.
Was machen Sie eigentlich mit den Zeitschriften und Büchern, die Sie durch elektronische Medien ersetzen? Gibt’s dafür einen Markt?
Alte gedruckte Zeitschriftenbände, bei denen wir mittlerweile langfristig gesicherte elektronische Zugänge haben, sondern wir aus. Vor wenigen Jahren haben wir das sehr umfangreich bei den naturwissenschaftlichen Zeitschriften gemacht. Es gab keinen Markt für diese Bände. Auch in ärmeren Ländern wird diese Literatur elektronisch gelesen – das Material landet im Altpapier.
Eine Projektion in die Zukunft: Wie sieht Ihrer Meinung nach die Bibliothek der Universität Konstanz in zehn, fünfzehn Jahren aus?
Schenken Sie mir eine funktionierende Kristallkugel, ich würde mich darüber freuen! Aber im Ernst: Wir beobachten Trends und sich abzeichnende Veränderungen. Der Anteil der elektronischen Literatur- und Informationsversorgung wird weiter zunehmen. Wie schnell diese Entwicklung sich vollziehen wird, vermag ich nicht zu sagen. Die Bibliothek als Ort wird weiter existieren. Studierende schätzen und brauchen die Arbeit in der Bibliothek, das gemeinsame Lernen in Gruppen ebenso wie das stille Arbeiten in der Gesellschaft von anderen Studierenden. Seit der Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge beobachten wir, dass die Frequentierung der Bibliothek zunimmt, nicht nur in Konstanz, sondern auch an anderen Universitäten. In zehn, fünfzehn Jahren werden wir eine lebendige Bibliothek sein.
