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16.05.2013  |  von  |  1 Kommentare

Kultur Historiker Hannes Heer: „Wir müssen den ganzen Wagner sehen“

Der Historiker Hannes Heer zieht eine durchgehend antisemitische Linie vom Komponisten Richard Wagner bis hin zum Nationalsozialismus.

Alles dreht sich um Richard Wagner, dessen 200. Geburtstag am Mittwoch nächster Woche gefeiert wird. Diskutiert wird auch sein antisemitisches Weltbild. Im Bild die Wagner-Büste des Bildhauers Arnold Breker vor dem Bayreuther Festspielhaus.  Bild: dpa / Illustration: Steller

Adolf Hitler im Smoking am Fenster des Bayreuther Festspielhauses.  Bild: imago

Empfang in Bayreuth. (Von links) ein Adjutant Hitlers, Wolfgang Wagner, Winifred Wagner, SA-Obergruppenführer Wilhelm Brückner, Adolf Hitler und Wieland Wagner.  Bild: dpa

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Ressortleiter Kultur / Kolumnist

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Viele Wagner-Freunde trennen das musikalische Werk und die Weltanschauung des Komponisten und tun Wagners Antisemitismus als Marotte ab. Wie sehen Sie das?

 

Ich kenne wenige Künstler, bei denen Leben und Werk so zusammenspielen. Wagners antisemitische Schriften begleiten inhaltlich sein ganzes Werk. Es gibt schon 1850 diese böse Schrift „Das Judentum in der Musik“, in der die Juden generell für „kulturunfähig“ erklärt werden. Dieses Pamphlet ist im Zusammenhang mit Wagners Rückgriff auf die „heimische Sage“ – Tannhäuser, Lohengrin, Nibelungenstoff – und zeitgleich zur Entwicklung seines am griechischen Theater orientierten Modells von Oper als Gesamtkunstwerk entstanden. Dieses Modell setzte sich von der nur am „Effekt“ interessierten und „jüdisch“ dominierten französischen Grande Operá in Person Giacomo Meyerbeers ab. 1865 folgte dann „Was ist deutsch?“ Diese im Zusammenhang mit den „Meistersingern“ entstandene Schrift wollte den angeblich unter jüdischen Einfluss geratenen Deutschen eine „neue Welt deutscher Herrlichkeit“ aufzeigen. 1878 bis 1881, entstanden dann parallel zur Produktion von Parsifal die Regenerationsschriften. In diesen wird die „jüdische Rasse“ als „der geborene Feind der Menschheit“ erklärt, an dem „wir Deutschen zugrunde gehen werden“. Wagner hat seine Schriften dazu benutzt, um sich freizuschreiben. Stoffsammlung und Stoff-Ausscheidung gleichermaßen. Thema war immer Deutschland, die Juden, das Kunstwerk der Zukunft. Das heißt, der Antisemitismus gehört bereits zum Produktionsprozess.

 

Sie meinen, Weltbild und Werk werden eins?

 

Ja, für Wagner hat sich sehr früh ein Welterklärungsmodell herauskristallisiert. Der Beginn der Moderne – Aufklärung, Französische Revolution, Industrialisierung und Herausbildung des Kapitalismus – stehen bei ihm für eine feindliche Welt, der er zunächst mit einer revolutionären Haltung begegnete. Das Kapital, die Bankhäuser und die Juden, das war für Wagner eins. Das war das Böse, gegen das er sich gewehrt hat. Und dieses Welterklärungsmodell ist nicht nur in den Schriften, sondern auch auf der Bühne zu sehen. Daraus sind die „negativen“, d.h. „jüdisch“ definierten Figuren wie Mime und Alberich, Klingsor und Kundry entstanden.

 

Was hat die Nazis an Wagner fasziniert, kannten sie das Werk denn inhaltlich, oder war es mehr das Rauschhafte?

 

Das Gros der Nazis hörte sicher lieber Operetten. Es verehrte Wagner als fanatischen Antisemiten und wegen seiner Rolle in den Kultveranstaltungen der Partei – die Meistersinger bei der Eröffnung des Reichsparteitags, Wach-auf-Chor, Walkürenritt usw. Hitler dagegen kannte alle Opern, kannte die Partituren, er hat wirklich Ahnung gehabt. Er schätzte Wagner als Propagandisten eines rassisch definierten Deutschtums und Schöpfer einer neuen antijüdischen Kultur. Und er brauchte Bayreuth als Kultort.

 

Wie muss man sich den Bogen des Antisemitismus vorstellen, der sich bei den Bayreuther Festspielen von Wagner bis zur Nazizeit spannt?

 

Wagner wollte das Publikum im Gemeinschaftserlebnis seiner Kunst verändern – zu einem seines Deutschtums bewussten Kollektiv. Das Format der Festspiele hat seine zweite Frau Cosima nach seinem Tod entwickelt – als Treffpunkt der deutschnational-antisemitischen Eliten des Kaiserreichs. Für die Besetzungen in Bayreuth galt ihr Satz: „Wenn es nicht sein muss, wollen wir die Juden außen lassen“. Ihr Ziel war: ein „deutsches Theater ohne die Juden“. Sie hat auch Wagners Schriften ausgelegt, sie war die Hohepriesterin der „Bayreuther Gralsgemeinschaft“.

 

Welche Rolle spielte Schwiegersohn Houston Steward Chamberlain?

 

Chamberlain, der ab 1888 ein enges Bündnis mit Cosima eingegangen war, gab dem modernen Antisemitismus mit seinem Bestseller „Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts“ einen radikalen Schub, indem er ihm ein theoretisches Gesicht verlieh. Gleichzeitig hat er, seit 1908 Cosimas Schwiegersohn, der Wagnerfamilie den Weg in die Tagespolitik gebahnt: Im Ersten Weltkrieg, als die Festspiele unterbrochen waren, wurden Chamberlain und Siegfried Wagner Mitglieder im Alldeutschen Verband, einer Art antisemitischer Denkfabrik mit unendlich viel Geld und einer enormen Schlagkraft. 1917 trat die gesamte Familie der „Vaterlandspartei“ bei, die für Fortsetzung des Krieges und einen „Siegfrieden“ eintrat.

Die Niederlage im Ersten Weltkrieg führte zu einer weiteren Radikalisierung. Bei den ersten Festspielen nach dem Krieg 1924 wurde eine Art kultureller Machtergreifung der extremen Rechten im Einvernehmen mit Siegfried Wagner inszeniert. Auf dem Festspielhaus wehte die Kaiserfahne, im Festspielprogramm wurden die Juden als Pöbel und Gesindel beschimpft. 1925 hat Hitler erstmals die Festspiele besucht. Als Chamberlain 1927 starb, haben sechs SA-Leute den Sarg aus der Villa Wahnfried herausgetragen, Hitler hat in Coburg bei der Einäscherung eine Rede gehalten. Sie sehen, es gibt eine durchgehende Linie in ständig sich radikalisierenden Schüben von Richard Wagner über seine Familie hinein in den Nationalsozialismus.

 

Wie kam der erste Kontakt Hitlers zur Familie Wagner zustande?

 

Es gab zur Vorbereitung des Putsches gegen die Weimarer Republik 1923 überall in Bayern die sogenannten „Deutschen Tage“. Da trafen sich alle völkischen Verbände, Freicorps und die Formationen der NSDAP. Einer dieser Tage fand Ende September 1923 in Bayreuth statt, dort hat Hitler eine große Rede gehalten. Sein Wunsch war, Chamberlain kennenzulernen. Für beide war das ein eminent wichtiges Zusammentreffen. Winifred Wagner hatte bei einem Empfang am Vorabend Hitler bereits kennengelernt und ihn spontan am nächsten Morgen in die Villa Wahnfried eingeladen. Für Hitler war das ein bewegender Moment, am Grab, am Ort des Genius zu sein. Auch Siegfried und Winifred waren wie verzaubert von diesem Mann. Diese Begegnung hat den Bund gestiftet zwischen Hitler und der Familie Wagner. Die ganze Familie mit Ausnahme Siegfrieds, der als Festspielleiter neutral bleiben musste, ist im Oktober in die NSDAP eingetreten. Siegfried Wagner war ab diesem Zeitpunkt ein Duzfreund Hitlers.

 

Kann man sagen, dass die Familie Wagner den Weg Hitlers an die Macht geebnet hat?

 

Ja, absolut. Als die NSDAP verboten und Hitler in Landsberg inhaftiert wurde, stand die Familie mit öffentlichen Solidaritätsbekundungen und privater Hilfe immer fest an seiner Seite. Und das hat Hitler den Wagners nicht vergessen. Hitler brauchte Wagner als seinen Propheten und Vorläufer: Was der große Meister begonnen hatte, die Trennung von deutsch und undeutsch, das setzten er und seine Partei nun politisch um, er sah sich als Vollstrecker Wagner'scher Ideen.

 

Wie war dann die Wiederaufnahme der Bayreuther Festspiele nach dem Krieg überhaupt möglich? Wie konnte Wieland Wagner, der sich ja auch sehr eng mit den Nationalsozialisten eingelassen hatte, so geschmeidig einen Neuanfang wagen?

 

Die Neugründung Bayreuths muss man sehen im Kontext der Adenauerschen Politik der Integration der Nazi-Eliten: Man brauchte sie für den Wiederaufbau und die neue antikommunistische Frontbildung im Kalten Krieg. Zu dieser Politik, das Alte zu halten, gehörte auch Bayreuth mit seinen Festspielen. Es gab damals ja auch ein alternatives Konzept, mit Franz-Wilhelm Beidler, einem Vertreter aus dem ausgestoßenen Wagnerstamm, die Festspiele neu zu gründen. Das ist von der Wagner-Familie und der Politik vereitelt worden. Eine wirkliche Auseinandersetzung mit der Geschichte hat nicht stattgefunden, es sind nur die Wände des Festspielhauses neu gestrichen worden.

 

Wie definierte sich dann Neu-Bayreuth nach dem Krieg?

 

Vor allem über die Bühnenbilder, über sehr abstrakte, minimalistische Bühnenräume. Das war kein politischer Schritt, sondern nur eine ästhetische Neuerung. Man berief sich darauf, dass es hier nur der Kunst gelte und nicht der Politik. Das war eine Ausrede, denn natürlich hat man Politik gemacht, die Politik des Vergessens. Das hat funktioniert bis zur Theaterrevolution, die mit Patrice Chéreau kam. Das war der Bruch, da ist Winifred Wagner ja dann auch ausgestiegen, das war für sie Verrat. Aber da begann auch der Gemischtwarenladen von Wolfgang Wagner.

 

Hatten Regisseure wie Patrice Chéreau, Heiner Müller, oder auch Christoph Schlingensief, eine Art Alibifunktion für Wolfgang Wagner?

 

Er hat alle möglichen Promis eingeladen, um zu zeigen, Bayreuth hat sich gewandelt. Es war die Balance zwischen avantgardistischen Experimenten der eingeladenen Gäste und dem ästhetischen Mittelmaß in Wolfgang Wagners eigenen braven Inszenierungen.

 

Kommen wir zur geschichtlichen Aufarbeitung, zu der auch Ihre Ausstellung „Verstummte Stimmen“ beigetragen hat, die an die Schicksale jüdischer Sänger erinnert. Wie schwer war es, die Ausstellung nach Bayreuth zu bringen?

 

Vonseiten der Wagner-Stiftung ist man schon 2006, nach der Hamburger Premiere des Projekts „Verstummte Stimmen“, auf uns zugekommen und hat uns nach Bayreuth eingeladen. Das ist zunächst gescheitert, weil kein Geld da war. Dann fehlte ein Ausstellungsort, weil das Richard-Wagner-Museum umgebaut wurde, und so ist das Projekt mehrmals verschoben worden, bis es 2012 Realität wurde. Es war ein Glück, dass wir die Ausstellung oben auf dem Grünen Hügel, auf städtischem Grund, zeigen konnten. Unser Pech war, das uns Katharina Wagner die Benutzung des Nachlasses ihres Vaters Wolfgang verweigert hat.

 

Warum diese Blockade? Katharina Wagner wollte doch immer alles offenlegen.

 

Katharina Wagner kann inszenieren, das hat sie bewiesen. Aber der Sinn für die Verantwortung gegenüber dem eminenten künstlerischen wie dem ebenso großen negativen Erbe Richard Wagners geht ihr ab. Und sie will Bayreuth aus der politischen Diskussion heraushalten, vermutlich weil sie der nicht gewachsen ist.

 

Wie beurteilen Sie die Reaktion der Festspielleitung im letzten Sommer auf das Hakenkreuz-Tatoo des russischen Sängers Nikitin?

 

Das war ein törichter Reflex. Mit dem Tatoo hatte der jugendliche Nikitin in den neunziger Jahren die alten stalinistischen Kader in Russland provozieren wollen. Die Kündigung Nikitins sollte wohl beweisen, dass die Festspielleitung „antifaschistisch“ ist.

 

Können die Dokumente, die noch unter Verschluss gehalten werden, überhaupt Neues enthüllen, eigentlich ist doch alles bekannt?

 

Die große Linie ist bekannt, aber es gibt noch riesige Lücken bezüglich der Zeit von 1906 bis 1930, also für die Ära Siegfried Wagner, und dann natürlich auch bezüglich der Regentschaft Winifred Wagners während der NS-Zeit.

 

Wo liegt der Schlüssel zu diesem Material, der Schlüssel zur Wahrheit? In Überlingen bei Enkelin Verena Lafferenz, in Bayreuth oder in München?

 

Es gibt verschiedene Schlüssel, einen für den berühmten Schrank in München, wo Winifred alles gelagert hat, von dem sie glaubte, es könnte belastend sein. Und ein Schlüssel liegt bei Katharina. In München weiß man nicht, wie man Winifreds Tochter Verena bewegen soll, den Schlüssel herauszugeben. In Bayreuth hängt er am Schlüsselbrett. Katharina ist abhängig von Steuergeldern, da hätte man Druckmittel.

 

Warum gibt es keinen öffentlichen Druck?

 

Man will nicht dran rühren, sonst müssten die bayerische Landesregierung und die Bundesregierung, die in den siebziger Jahren den Stiftungsvertrag mit Wolfgang Wagner geschlossen haben, sich mit den eigenen Versäumnissen auseinandersetzen.

 

Wie soll man denn unter diesen Umständen den 200. Geburtstag Wagners feiern?

 

Die Fakten über die negative Rolle Richard Wagners und seiner Erben müssen auf den Tisch. Dann kann man sich auch guten Gewissens dem großen Künstler Wagner nähern. Dem ganzen Wagner, mit seinen unterschiedlichen Persönlichkeitsanteilen, den schlimmen antisemitischen und den großen künstlerischen.

 

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1 Kommentare
....und hier in konstanz?
.....schöner, fundierter artikel.
schön auch, dass er nicht "ganz hinten" versteckt wurde.
man muss zu wagner, zu dem gut erklärten nexus zwischen "schöner musik" und glühendem antisemitismus nachfragen, wie im interview richtigerweise gesagt wird.

also:
und hier in konstanz?

im rahmen des bodenseefestivals gibt`s 2 abende mit "best of wagner".
und im bodensee-teil exakt dieser ausgabe des südkuriers gibt`s ein interview mit der chefin der philharmonie zu.......kostenfragen.

sicherlich auch wichtig, nur:
aus aktuellem anlass, im selbstgesetzten kontext würde man doch ein paar fragen zu wagner (in konstanz) erwarten.

oder kommen die noch?

in gespannter erwartung

christoph linge
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