Gemeinsam mit Cecilia Bartoli will sie Literatur- und Musikliebhabern den fast vergessenen italienischen Barock-Komponisten Agostino Steffani (1654-1728) wieder nahebringen. Sie schrieb deshalb eine fiktive Geschichte um den Musiker, Diplomaten und Kirchenmann, während ihre Freundin, die römische Mezzo-Sopranistin Bartoli, nahezu zeitgleich ihr Album «Mission» mit Arien aus Steffanis Werken veröffentlicht.
Allzu viel ist nicht bekannt über den Komponisten, der viele Jahre in Deutschland wirkte und vielleicht auch deshalb weder hier noch in seinem Heimatland wirkliche Popularität erlangte. Ganz zu Unrecht, meinen Bartoli und Leon, wobei Letztere die Lücken und Unklarheiten im Lebenslauf Steffanis mit der ihr eigenen Fantasie, ihrer Neigung zu Skurrilem und einem Schuss unterschwelligen Humor füllt und Steffanis Hinterlassenschaft im doppelten Sinne mit «Himmlische Juwelen» betitelt. Klar, dass damit nicht nur seine Musik gemeint ist.
Hauptakteurin in diesem Roman ist die Musikwissenschaftlerin Caterina Pellegrini, Schauplatz Leons Wahlheimat Venedig. Und dort speziell eine Stiftung, die Fondazione Musicale Italo-Tedesca, die einen Experten zur Untersuchung eines Nachlasses sucht. Pellegrini bekommt den Job und stöbert nun in zwei Truhen aus dem Besitz Agostino Steffanis nach Wertvollem, worunter sie unveröffentlichte Werke versteht, zwei gierige Erben aber finanziell Verwertbares. Und dann ist da auch noch der undurchsichtige elegante Anwalt Moretti.
Für Pellegrini beginnt eine Puzzlearbeit, die sie und den Leser zwingt, sich mit Leben und Werk Steffanis auseinanderzusetzen. Wobei Leon einen ungewöhnlichen Cocktail mixt: Mord, Intrigen und amoralische Praktiken treffen auf Liebe, Schönheit und wunderbare Musik, Fiktion auf Wirklichkeit, Vermutungen auf echte Zeitzeugnisse. Auf ein gewinnträchtiges Erbe deutet allerdings nichts hin, bis die junge Frau schließlich in den Nachlasspapieren auf den Hinweis «himmlische Juwelen» stößt. Diese geben echte Rätsel auf.
Die Lösung ist wirklich hübsch, nachdem der Roman allmählich an Fahrt gewonnen hat. Obwohl auch dieses Buch wie ein Kriminalroman angelegt ist, hat es mit der Brunetti-Reihe so gut wie nichts gemein - bis auf die Spaziergänge durch und den liebevoll-kritischen Blick auf Venedig. Leon, die bekanntermaßen Barockmusik über alles liebt, hat sich hier richtig ausgetobt. Ihr Sachverstand verlangt auch dem Leser einiges ab, was niemals schadet. Und sollte das Buch dazu beitragen, einen fast vergessenen Komponisten wieder zu entdecken, dann ist die Mission geglückt.
Donna Leon: Himmlische Juwelen, Diogenes Verlag, Zürich, 352 Seiten, Euro 22,90, ISBN 978-3- 257-06837-5
