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Berlin (dpa) Neue Zugänge zu Jean-Jacques Rousseau

23.09.2012
Kulturwissenschaftler haben sich auf einem internationalen Kolloquium in Berlin drei Tage lang über den Genussmenschen Jean-Jacques Rousseau ausgetauscht.
Jean-Jacques Rousseau

Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) auf dem Sockel in Genf. Foto: Salvatore die Nolfi  Bild: Foto: dpa

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Die Teilnehmer analysierten bis Samstag das Verhältnis des Genfer Philosophen zur Sexualität ebenso wie das zu Literatur, Theater und Musik und zeigten auf, wie dies die europäische Kulturgeschichte bis in die Gegenwart hinein geprägt hat. Anlass war der in diesem Jahr begangene 300. Geburtstag Rousseaus.

Die Berliner Romanistin Elisabeth Décultot sprach zum Auftakt des Kolloquiums von einer «verwirrenden Ausdehnung des Genussbegriffs» bei Rousseau zwischen Kunsterfahrung, Naturerlebnis und Ich-Empfinden. Dabei habe Rousseau auch die traditionelle männliche Ausrichtung des Genießens fragwürdig und dessen eher weibliche Dimension deutlich gemacht, erklärte der Münchener Romanist Bernhard Teuber. Rousseau habe «eine mystische Indistinktion vor der Trennung der Geschlechter» beschworen - möglicherweise auch wegen seines komplizierten persönlichen Verhältnisses zu den Frauen. Teuber verwies auf jüngere Forschungen, wonach sich zu den berühmten Kindern, die Rousseau ins Findelhaus gebracht haben soll, keine eindeutigen historischen Beweise finden lassen.

In seinem amourösen Briefroman «Julie oder Die neue Heloise» habe Rousseau das «Junktim von Vergnügen und Besitz aufgelöst», sagte Roland Galle aus Essen: In diesem Werk ermöglicht «der Akt des Selbstverzichts eine Veredelung von Liebe, die die besitzorientierte Liebe nie erreichen kann». So bekommt die Vorstellungskraft aus der Distanz eine wichtige Rolle: «Die Liebe entzündet sich am Porträt, die intensivsten Liebesszenen sind die der Imagination.»

Gefunden hat Rousseau Genuss auch in der Musik, in der Botanik, auf Reisen und in der Erfahrung des Neuen, wie der Pariser Literaturwissenschaftler Michel Delon ausführte. Mit dem damaligen Skandalautor Marquis de Sade habe Rousseau das Bedürfnis geteilt, den erlebten Genuss in der einsamen Imagination zu wiederholen und literarisch festzuhalten.

Daneben habe sich Rousseau in der Beobachtung fremden Genusses gefallen, sagte der Berliner Romanist Helmut Pfeiffer, etwa auf ländlich-idyllischen Festen. «Die Beobachtung wird zur Identifikation, wenn die Imagination die Empfindung verstärkt.»

Für einen Verzicht auf komplexe, «gekünstelte» Harmonien plädierte der Musiker Rousseau - in der Rivalität zu Jean-Philippe Rameau setzt er auf die für ihn naturnähere Kraft der Melodien. «Es ist der Philosoph in ihm, der die Musik erklärt», sagte die Pariser Forscherin Nancy Diguerher.

Ausgerichtet wurde das Kolloquium «Genuss bei Rousseau» von der Humboldt-Universität in Berlin in Zusammenarbeit mit dem Centre Marc Bloch. Am Freitagabend unternahmen Mitglieder des Theaterkollektivs happysystem und der Sing-Akademie zu Berlin eine launige «theatralische Erkundung», in der sie die Entstehung von Sprache und Musik nach der Vorstellung Rousseaus ebenso inszenierten wie dessen Wörterbuch der Musik mit Kompositionen des Philosophen.

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