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Berlin (dpa) Marathon-Mann des Theaters: Peter Stein wird 75

30.09.2012
Leidenschaftlich, rebellisch, zäh. Peter Stein, der am Montag (1.10.) seinen 75. Geburtstag feiert, ist der Marathon-Mann des Theaters. Mit seiner 21-stündigen Inszenierung von Goethes «Faust» bei der Weltausstellung Expo 2000 in Hannover erfüllte sich der Regisseur einen Lebenstraum.
Peter Stein

Peter Stein nach der Auszeichnung mit der Ehrendoktorwürde der Universität in Athen (Foto vom 27.03.2012). Foto: epa  Bild: Foto: dpa

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«Alles, was ich mal gemacht habe, wollte ich in den Dienst dieses Stückes stellen, dass die Zuschauer einen Begriff davon bekommen, was für ein unglaublicher künstlerischer Kosmos das ist», sagte Stein damals. Sein Schaffen steht bis heute für Beharrlichkeit und Werktreue.

Ein weiterer inszenatorischer Großakt: Auf dem Gelände einer ehemaligen Brauerei in Berlin-Neukölln zeigte Stein vor fünf Jahren Schillers «Wallenstein»-Trilogie in einer 10-Stunden-Fassung. 2009 führte Stein seine 12-stündige Interpretation von Dostojewskis «Die Dämonen» in Wien, Amsterdam, Paris, Athen und New York auf. In jüngster Zeit arbeitete der seit Jahren in Italien lebende Regisseur vor allem für die Oper, er inszenierte in Barcelona, Lyon, Salzburg, Rom und Zürich.

Untrennbar wird der Name Stein immer mit der Berliner Schaubühne verbunden bleiben. Unter seiner künstlerischen Leitung wurde dort europäische Theatergeschichte geschrieben. Steins in den 70er und 80er Jahren entwickelter typischer Stil war wegweisend: die vorsichtige Annäherung an Werke, die psychologisch genaue Deutung von Texten. An der Schaubühne am Halleschen Ufer (und später am Lehniner Platz) erspielten sich unter der Regie von Stein Schauspieler wie Bruno Ganz, Angela Winkler, Jutta Lampe, Otto Sander, Edith Clever, Corinna Kirchhoff und Peter Simonischek Weltruhm.

Nicht nur auf der Bühne, sondern auch dahinter wurde die Theaterarbeit völlig neu gestaltet. Vor dem Hintergrund der 68er-Bewegung wurde ein Mitspracherecht für alle Mitarbeiter bei Stückauswahl und Spielplanpolitik beschlossen. Steins Inszenierungen bekamen Kultcharakter - darunter Ibsens «Peer Gynt» (1971), Kleists «Prinz Friedrich von Homburg» (1972), Gorkis «Sommergäste» (1974) und Tschechows «Drei Schwestern» (1984). Vor allem die Beschäftigung mit Tschechow prägte Stein. «Dort lernt der Schauspieler das Herz des Theaters kennen, es ist die höchste Prüfung für jeden Schauspieler.»

Die Theaterkarriere des gebürtigen Berliners begann 1964 an den Münchner Kammerspielen. Dort war er Regie- und Dramaturgieassistent von Hans Schweikart, August Everding und Fritz Kortner. Gleich mit seiner ersten Münchner Inszenierung «Gerettet» (1967) von Edward Bond sorgte Stein für Aufsehen. 1968 wurde er gekündigt, als er im Anschluss an Peter Weiss' «Vietnam-Diskurs» unter den Zuschauern für die vietnamesische Befreiungsfront sammeln wollte. Über Zürich und Bremen kam Stein dann 1970 zur Berliner Schaubühne.

Bis 1985 war er dort künstlerischer Leiter. Es folgten noch einige Gastinszenierungen, bis es 1993 über sein geliebtes «Faust»-Projekt zum Zerwürfnis kam. Das nicht zuletzt durch Steins «antiautoritäre Schule» selbstbewusster gewordene Ensemble empfand die Riesen-Produktion als Blockade der eigenen Entfaltungsmöglichkeiten. Bereits von 1991 an war Stein Schauspielchef der Salzburger Festspiele. 1997 trat er nach Querelen um seine Vertragsverlängerung von diesem Amt zurück. Seither arbeitet er als freier Regisseur. Künstlerischer Leiter der Berliner Schaubühne ist heute Thomas Ostermeier.

Stets sehr begehrt sind die Karten für Steins Inszenierung von Kleists «Der zerbrochne Krug», die bereits seit vier Jahren auf dem Spielplan des Berliner Ensembles steht. Wie bereits in «Wallenstein» spielt auch hier Klaus Maria Brandauer die Hauptrolle - eine sehr zupackende, doch recht konservativ inszenierte Aufführung, inklusive echter Hühner.

Stein hält sich meist im Hintergrund, verbeugt sich nicht gerne vor dem Publikum und gibt nur selten Interviews. Im Rückblick auf die Schaubühnen-Zeit zeigte er sich aber dennoch einmal öffentlich stolz: «Ich habe mit der Schaubühne das einzige selbstbestimmte Theater in der Geschichte des deutschen Theaters geleitet». Und fügte gleich an: «Dabei bin ich überhaupt kein Theaterleiter. Ich bin Künstler.»

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