Kultur Singende Gemälde
Das Auge hört mit. Martina Janková als Aminta und Malin Hartelius als Elisa in Mozarts „Il re pastore“. Bild: Bild: Suzanne Schwiertz
Von wegen arme Kunst. Für die Ausstattung der Mozart-Oper „Il re pastore“ müssen die Sponsoren der Zürcher Oper besonders tief in die Schatulle gegriffen haben. Der 19-jährige Mozart hätte gestaunt über die Ausstattungslust von Luigi Perego. Und sein Auftraggeber, der Salzburger Fürsterzbischof Colloredo wäre vermutlich gar nicht begeistert gewesen – schwebte ihm doch eher ein Theater als Denk- und Sittenschule vor und eben kein aufwändiger, teurer Opernbetrieb zu Repräsentationszwecken der Hofgesellschaft. Und so geht man auch davon aus, dass das heute selten gespielte Frühwerk Mozarts, als es am 23. April 1775 anlässlich einer Stippvisite des Erzherzogs Maximilian in Salzburg uraufgeführt wurde, nur konzertant und also ohne großes Brimborium über die Bühne gegangen ist.
Die Zürcher Erstaufführung von „Il re pastore“ in der Regie von Grischa Asagaroff übertrifft die Uraufführungsbedingungen damit bei weitem. Und deswegen muss an dieser Stelle auch mit den Kostümen begonnen werden. Bilder der französischen Rokoko-Maler François Boucher und Jean-Honoré Fragonard standen dafür Pate. Genauer gesagt wurden die Gemälde in einem aufwändigen Verfahren so detailgetreu auf den Röcken der beiden weiblichen Hauptfiguren Elisa und Tamiri abgebildet, dass man diese mit Fug und Recht als wandelnde Gemälde bezeichnen kann. Aber auch die Kostüme der Herren bieten einiges fürs Auge und zeigen Naturmotive aus den Bildern. Wie das Zürcher Opernhaus mitteilt, erwägen die britischen und amerikanischen Museen, aus denen die französischen Gemälde stammen, diese zusammen mit den Kostümen auszustellen.
Auf den Bildern sieht man idyllische Schäferszenen – und darum geht es auch in Mozarts Oper. Das Libretto von Pietro Metastasio handelt von dem Schäfer Aminta, der ein armes, aber zufriedenes Leben lebt – bis er erfährt, dass er der rechtmäßige Thronfolger von König Alessandro ist. Doch wegen seiner Liebe zu Elisa und weil Alessandro ihn mit einer anderen Frau, Tamiri, verbinden möchte, verzichtet Aminta auf den Thron. Gerade das freilich zeichnet ihn als besonders würdigen Herrscher aus. Er darf Elisa heiraten und mit ihr den Thron besteigen. Tamiri hingegen kann ihrem eigentlichen Geliebten Agenore die Hand reichen. Ende gut, alles gut.
Raum für tiefsinnige Interpretationsansätze bietet der schlichte Stoff nicht. Wohl auch deswegen lenken Grischa Asagaroff und Luigi Perego die Sinne ganz auf die opulente Ausstattung, auf die Kostüme, aber auch auf die barocke Brunnenanlage des Bühnenbilds. Und nur hin und wieder setzt Asagaroff ein paar ironische Akzente – vor allem in der Personenführung. Und hierbei kommt ihm besonders das komische Talent Rolando Villazóns als König Alessandro entgegen. Der mexikanische Tenor, der als Bühnenpartner von Anna Netrebko berühmt wurde, dann aber in eine schwere Stimmkrise stürzte und sich seither neu zu erfinden versucht, ist in Zürich erstmals in einer Neuinszenierung zu erleben.
Die Partie des Alessandro ist nicht besonders umfangreich, aber Villazón gelingt es, die Figur besonders in den Rezitativen mit ein paar herrlich komischen Untertönen zu unterfüttern. Hie und da mögen stimmliche Mängel zu hören sein (da fehlt die sonore Tiefe und die Koloraturen wirken ein wenig angestrengt), aber sein schauspielerisches Talent und die Bühnenpräsenz machen verständlich, warum Villazón noch immer und auch hier in Zürich so stürmisch gefeiert wird. Mit ihm und Martina Janková als Hirte Aminta, Malin Hartelius (Elisa), Sandra Tattnigg (Tamiri) und Benjamin Bernheim (Agenore) steht wieder einmal ein Mozart-Ensemble auf der Zürcher Bühne, das kaum Wünsche offenlässt.
Und das gilt auch für die musikalische Interpretation. William Christie musiziert mit seinem Orchestra La Scintilla auf historischen Instrumenten und nimmt das Jugendwerk Mozarts in jeder Note sehr ernst. Tatsächlich erstaunt wieder einmal, mit welcher Souveränität der 19-Jährige hier mit dem Format der Opera seria umgeht. Sicherlich, die späteren Werke sind reifer, aber der Personalstil, der typische Mozartton ist bereits unverkennbar. Und gerade im zweiten Teil finden sich, etwa in Amintas Rondo „L'amerò, sarò costante“, einige Nummern von berückender Schönheit. Die Kunst ist eben doch reich. Besonders Mozarts Kunst.
Weitere Aufführungen in dieser Spielzeit:
7. und 9. Juli.
Infos und Tickets: www.opernhaus.ch
