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Kultur Sensible Beziehungsgeflechte

10.02.2012


Die Konstanzer Galerie Grashey zeigt neue Arbeiten von Gabriela Morschett

Was war zuerst da? Die Skulpturen oder die Zeichnungen? Die Frage ist gar nicht so einfach zu beantworten, denn Gabriela Morschetts Skulpturen können als Zeichnung, ihre Zeichnungen als Skulptur gesehen werden. Ganz gleich, in welchem Medium die 1955 geborene Künstlerin arbeitet, das zentrale Element ist stets die Linie. Feine Linien, in Tusche gezeichnet. Ein schier unendlich anmutendes Liniengewirr, bei dem sich nur selten Anfang und Ende finden lassen. Die Linien beginnen ein Eigenleben zu führen. Bewegung ist das vielleicht entscheidende Schlüsselwort zum Werk Morschetts. In ihren Zeichnungen scheinen die beweglichen Linien lediglich für einen Augenblick eingefroren zu sein.

Die Zeichnungen, bei denen die Künstlerin den Tuschestift nicht abgesetzt haben dürfte, formen sich zu plastischen Körpern. Und genau hier kommen die Skulpturen ins Spiel. Man meint, die Zeichnungen hätten den Malkarton verlassen und sich in den Raum begeben. Morschetts Skulpturen bestehen aus einem dünnen Drahtgeflecht. Dreidimensionalen Linien, könnte man auch sagen. Die verblüffende Ähnlichkeit zwischen Zeichnungen und Skulpturen sticht in der aktuellen Ausstellung in der Konstanzer Galerie Grashey sofort ins Auge. Die filigranen Skulpturen liegen auf durchsichtigen Plexiglasscheiben, die an der Decke befestigt sind. Sie scheinen in der Luft zu schweben und befinden sich in derselben Höhe wie die Zeichnungen, denen sie so ähnlich sind. Eine ausgesprochen raffinierte Inszenierung.

Morschetts Skulpturen sind luftig leichte Drahtgebilde, die dennoch schwer zu fassen bleiben. Denn ihre Wahrnehmung verändert sich, sobald der Betrachter seinen Standpunkt im Raum wechselt. Durch- und Einblicke öffnen bzw. schließen sich. Mit einem mal gleichen die Skulpturen dichten Röhren, die unseren Blick einzusaugen scheinen, dann wieder wirken sie licht und durchlässig. Morschetts Figuren sind in einer fortdauernden Metamorphose begriffen. Ihre Mehransichtigkeit unterscheidet sie schließlich von den Zeichnungen.

Eine ganz andere Seite offenbart Gabriela Morschett, die in Müllheim in der Nähe von Freiburg lebt und arbeitet, mit der Eisendraht-Skulptur „Fester Standpunkt“, die mit ihrer massiven festen Form einer Kugel gleicht. Doch auch aus dieser wuchern feine Drähte. Eine gute Überleitung zu den Zeichnungen im kleinen Ausstellungsraum. In einer Mischtechnik aus Kaltnadel und Mezzotinto kommt in diesen Arbeiten viel Schwarz zum Einsatz. Es handelt sich um massive schwarze Flächen, die in der oberen Bildhälfte dann wieder aufgelöst werden. In einigen wenigen Arbeiten vereinen sich die beiden Gestaltungsmöglichkeiten. Massive schwarze Silhouetten liegen wie Fremdkörper über den feinen Liniengespinsten. Ein faszinierender Kontrast. Spannend sind auch die Radierungen, in denen Morschett u.a. ein ungewöhnliches Alphabet entwirft.

„Ich will das Denken zeichnen, ...nicht Gegenstände, sondern Prozesse, ihre Bewusstseinsströme”, sagt die Künstlerin. Die Titel, die sie ihren Arbeiten gibt, bestätigen das. Doch wie kann man Denkprozesse bildlich fassen? Bildtitel wie „Gedanken – sich auflösend“ oder „Dingloses Zerfließen“ lassen ahnen, dass es schwer, wenn nicht gar unmöglich ist. Anderseits scheint das unendliche Liniengewirr der Zeichnungen die unerschöpfliche Vielfalt des Denkens zu versinnbildlichen. Es bleibt der Glauben als festes Fundament. „Glauben“ heißt auch eine der Skulpturen. Morschett hat diesmal neben dem bewährten Eisendraht einen Bimsstein eingearbeitet. Aus diesem wächst der Draht. Die Künstlerin variiert mit normalem, glänzenden und rostigen Draht. Von nahem sind sie kaum voneinander zu unterscheiden. Doch wenn das Licht auf die Skulptur, die prominent im Schaufenster der Galerie präsentiert wird, fällt, leuchtet ein rötlicher Schimmer. Ein Zeichen dafür, dass sich auch der Glauben mit der Zeit verändern kann und wir feststehende Meinungen und Haltungen überdenken sollten?

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