Mein

Kultur Lust und Qual in Stuttgart

14.02.2012
Schlagwörter


Das Eclat-Festival quält und beeindruckt das Publikum mit einem Tanztheater nach Peter Handke

Ein Platzregen kommt unerwartet und heftig. Und unerwartet heftig beginnt auch das Tanztheater „Platzregen“, das in diesem Jahr das musiktheatralische Herzstück des Stuttgarter Eclat-Festivals bildete. Ein Körper wird brutal gegen eine Wand geschlagen. Es ist nur eine Puppe, doch erst im zweiten Augenblick bemerkt man das. Es ist die Nachbildung einer der Tänzerinnen, die gemeinsam mit weiteren Tänzern die Bühne zu beleben beginnen. Doch was für ein Leben ist das! Die anfängliche Brutalität gibt den Takt vor. Man sieht Menschen, die wie Gestörte über den Platz stolpern, zuckend, sich prostituierend, sich gegenseitig nötigend. Vereinsamte sind das, getrieben vom eigenen Trieb.

Man müsse diese 14 Szenen entweder ertragen oder genießen, hatte Eclat-Leiter Hans-Peter Jahn in der Einführungsveranstaltung vielsagend verkündet. Und nun war klar wieso. Der größte Teil des Publikums ertrug die 100 Minuten denn auch tapfer, in denen sich die Choreografie von Fabian Chyle mit Chormusik von Alvaro Carlevaro verband (das SWR Vokalensemble Stuttgart kam allerdings nur von Band). Dem zugrunde liegt eine durchaus spannende Idee: „Platzregen“ beruht auf Peter Handkes Stück „Die Stunde da wir nichts voneinander wussten“, das seinerseits aus nichts anderem als Regieanweisungen besteht. Ein Theaterstück ohne Text also – und damit der ideale Ausgangspunkt für eine Darstellung durch Musik und Tanz, jenen Kunstformen also, die ja selbst ohne sprachliche Begriffe auskommen. Handkes Stück zeigt einen Platz, auf dem sich verschiedene Szenen des Lebens abspielen. Es geht um eine Art Weltentwurf.

In dem von Hans-Peter Jahn zusammen mit Fabian Chyle konzipierten „Platzregen“ schrumpft diese Welt allerdings auf ihren brutalisierten und durchsexualisierten Teil zusammen. Die Bewegungen, die Gesten und Handlungen wiederholen sich. Die Redundanz zerrt an den Nerven. Der Titel führt daher auch in die Irre. Denn ein Platzregen ist kurz und klärend, dieses Stück hingegen ist lang und zermürbend. Die eher harmlose Chormusik bildet dazu eine Art spirituelle Beruhigungspille. Bedächtige, herb-schöne Klänge, wie Trost und Hohn zugleich.

In den übrigen Konzerten des Festival-Wochenendes bildeten das Klavier als traditionsbeladenes Instrument und die menschliche Stimme die roten Fäden, deren Potenzial von den Komponisten und Komponistinnen erwartungsgemäß sehr unterschiedlich ausgelotet wurde. Voller Poesie und aparten Klangspielen zeigte sich das Klavierstück „réfractions“ von Madeleine Ruggli (interpretiert von Florian Hölscher). Den denkbar größten Gegensatz dazu bildete Iris ter Schiphorsts „dead wire“ für Klavier und Elektronik, ein aufrüttelndes Stück Bruitismus, das Christoph Grund urgewaltig auf die Tasten und ins klangmodellierende Keybord setzte und sich dabei auch noch die Seele aus dem Leib schrie. Das Publikum war begeistert – ließ sich bald darauf aber auch von dem wiederum gänzlich ins Stille gewendeten Stück „hij2“ für 24 Stimmen und Elektronik von Mark André beeindrucken. Es befasst sich mit dem Prozess des Sterbens, indem es die leisen Chorklänge (SWR Vokalensemble Stuttgart) mittels Live-Elektronik (Experimentalstudio des SWR) behutsam transformiert. Musik wie eine verlöschende Kerze.

Neben dem Vokalensemble gehörte den Neuen Vocalsolisten als dem anderen wichtigen Stuttgarter Spezialensemble für zeitgenössische Vokalmusik ein gesamtes Konzert. Der diesjährige Siemens-Preisträger Friedrich Cerha hatte mit „Zwei Szenen“ ein erfrischendes Kabinettstückchen geschrieben, in dem ein Countertenor (Daniel Gloger) von seinen Kollegen fertig gemacht wird. Wunderbar grotesk auch das Minidrama „Herzstück“ von Luca Francesconi. Und Gordon Kampe, der im Rahmen des Festivals mit dem Kompositionspreis der Landeshauptstadt Stuttgart gekrönt worden war, steuerte mit „Falsche Lieder“ ein paar ebenso humorvolle wie auch lyrische Perlen zum Festival bei, die der in der Neuen Musik ja oft wie eine Instrumentalfarbe behandelten Stimme ihre menschliche Schönheit zurückgibt.

zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden
Schreiben Sie Ihre Meinung
Überschrift
Text


noch 1000 Zeichen


Informiert bleiben:
Bei jedem neuen Kommentar in dieser Diskussion erhalten Sie automatisch eine Benachrichtigung
Unsere Community-Regeln