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Kultur Kultur kostet Geld. Und wer Geld gibt, will auch mitreden

21.02.2012


Über die Aktualität von Richard Strauss Oper „Ariadne auf Naxos“. Und wie sich Christian Wulff an dem altlinken Komponisten Mathias Spahlinger hätte ein Beispiel nehmen können, der auf ein Honorar der Ernst von Siemens Musikstiftung verzichtet.
Kunst und Kultur sind eine kostspielige Angelegenheit. Sie kann ohne Subventionen nicht existieren. Das war schon immer so und wird auch so bleiben.

Einstmals waren Kirchen und Höfe mächtig genug, um Kultur zu finanzieren – und natürlich auch vorzugeben, wo es dabei lang zu gehen hat. Prunkvolle Gotteshäuser wie der Petersdom, die Sixtinsiche Kapelle mit ihren berühmten Wandgemälden, die Passionsmusiken Johann Sebastian Bachs – ohne kirchliche Auftraggeber wäre unser Kulturleben heute um einiges ärmer. Auch die Höfe hielten sich eigene Orchester und eigene Opernhäuser. Ein Komponist wie Joseph Haydn war die längste Zeit seines Lebens als Hofmusiker der ungarischen Fürsten Eszterhazy angestellt und schrieb Oper um Oper, die alle nur ein ausgesuchtes Grüppchen Adliger zu sehen bekam.

Und selbst die ersten öffentlichen Opernhäuser, die für jedermann zugänglich waren, kamen ohne finanzielle Hilfe des Adels nicht aus. Später waren es reiche Bürger, die zu Auftraggebern wurden – und ebenfalls mitreden wollten. Das kann zu handfesten Konflikten führen, nämlich dann, wenn Künstler eine andere Vorstellung von ihrer Kunst haben als diejenigen, die sie finanzieren.

Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal haben genau diesen Konflikt auf höchst heitere Weise zum Thema ihrer Oper „Ariadne auf Naxos“ gemacht (die Besprechung der aktuellen Aufführung im Festspielhaus Baden-Baden, die am Samstag auch auf 3sat ausgestrahlt wird, lesen Sie hier). Sie wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts geschrieben, spielt aber im 18. Jahrhundert, wo ein Großkopfeter der Wiener Hofgesellschaft seine Gäste mit Bankett und zwei Theateraufführungen unterhalten will – einer ernsten Oper und einer Komödie.

Es beginnt damit, dass der Komponist der ernsten Oper „Ariadne“ sich fürchterlich darüber aufregt, dass seine hehre Kunst durch die nachfolgende Aufführung einer niederen Komödie beschmutzt werden soll. Doch dann kommt es noch viel schlimmer: Da dem Hausherrn einfällt, dass er ja auch noch ein Feuerwerk bestellt hat, wird die Zeit knapp. Kurzerhand ordnet er an, dass Oper und Komödie gleichzeitig und auf ein und derselben Bühne „serviert“ werden sollen. Der Komponist erleidet beinahe einen Nervenzusammenbruch, während die Primadonna gar nicht einsieht, dass nun ein paar Komödianten ihr womöglich die Show stehlen.

Was Strauss und Hofmannsthal heiter aufbereiten, hat doch einen ernsten Hintergrund. Sie spielen durch, was passiert, wenn künstlerische Ideale auf reale Produktionsbedingungen treffen. Und der Konflikt ist nach wie vor hoch aktuell. Mit der Demokratisierung unserer Gesellschaft wurde auch die Finanzierung von Kunst und Kultur demokratisiert. Die öffentliche Hand trug große Teile der Kosten. Die Kunst wurde damit freier als sie es je war. Sie brauchte Zensur und Willkür nicht mehr zu fürchten. Für manchen Geschmack wurde sie sogar zu frei: Die Diskussion um das so genannte „Regietheater“ und die angebliche Verunstaltung von Opern und Theaterstücken durch „moderne Regisseure“ zeigt das deutlich.

Doch derzeit kippt die Lage wieder. Die öffentlichen Gelder werden knapp, was die Frage, wer für Kunst und Kultur aufkommen soll, wieder laut werden lässt. Die Demokratie hat nicht automatisch zu mehr sozialer Gerechtigkeit geführt. Im Gegenteil, die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auf. Davon profitiert zwar kein Fürst und kein Adliger mehr, durchaus aber Banken oder erfolgreiche Firmen. Und manche von ihnen übernehmen nun den Job der einstigen Kirchen- und weltlichen Fürsten – sie finanzieren Kultur, beispielsweise Opernaufführungen oder Kompositionsaufträge.

Die Siemens Musikstiftung ist so ein Beispiel. Sie lobt jährlich einen hoch dotierten Preis für einen Komponisten oder Musiker aus, sie ist der Hauptsponsor der Donaueschinger Musiktage und unterstützt viele neue Kompositionsaufträge. Und: Sie mischt sich nicht in inhaltliche Belange ein.

Dennoch hat nun der Freiburger Komponist Mathias Spahlinger das Honorar für ein Auftragswerk des Schweizerischen Festivals usinesonore abgelehnt, nachdem er erfahren hat, dass insbesondere sein Stück von der Siemens-Stiftung finanziert wird. Wie das? Jemand lehnt Geld ab? Sogar ein ihm zustehendes Honorar? Was ist das? Man könnte es Naivität nennen, doch in Zeiten zunehmender „Wulffisierung“ und Vetternwirtschaft sind Spahlingers gewiss fundamentalistisch kapitalismuskritischen Anmerkungen, die er in einem offenen Brief dargelegt hat, zumindest bedenkenswert.

Er spricht von der „Instrumentalisierung von Kunst und Künstlern als Werbeträger“. Und mehr noch, davon, dass das Geld der Privaten nicht privat sei: „man hört immer wieder sagen, das geld der siemens-stiftung (analoges gilt für andere) stamme aus dem privatvermögen von ernst von siemens und habe mit der jetzt existierenden firma siemens nichts zu tun. ich sagte vorher: das geld der privaten stiftungen ist nicht privat. schon an seiner quelle nicht, denn die quelle ist die kapitalistische wirtschaftsweise, deren ziel es ist, aus geld mehr geld zu machen. (…) diejenigen menschen, die nichts auf den markt zu tragen haben, als ihre haut, die lohn und gehaltsabhängigen, und das sind die allermeisten von uns, schaffen die werte.“

Möglich, dass Spahlinger damit als ewig gestriger Linker abgetan wird. Andererseits: Hätte ein Christian Wulff so viel selbstkritisches Vermögen besessen wie Spahlinger, wäre er vielleicht länger im Amt geblieben. Denn so weltfremd Spahlingers Verweigerung auch sein mag, sie ist noch von Idealen getragen, deren Schwund vor allem in der politischen Kultur zu bemerken ist – und ihr in Form von Politikerverdrossenheit schwer zu schaffen macht.
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