Ein Film, der sanft unter die Haut geht: Der französische Stummfilm "The Artist" hat zu Recht fünf Oscars abgeräumt, kommentiert SÜDKURIER-Kulturredakteur Siegmund Kopitzki.
Groß ist der Jubel bei unserem Nachbarn Frankreich. "The Artist", der Film von Regisseur Michel Hazanavicius, hat bei den Oscars abgeräumt. Fünf Preise auf einen Schlag - nur Martin Sorsese konnte da mit "Hugo Cabret" mithalten. Unter den Preisen ist auch ein Oscar für den besten Schauspieler (Jean Dujardin). Das hat bisher kein Franzose geschafft.
Warum dieses nostalgische Schwarz-Weiß-Werk so erfolgreich ist, das zwei Tage zuvor auch bei den Césars, der französischen Oscar-Variante, kräftig abgesahnt hatte? Es ist gut gemachtes Kino, ein Film, der sanft unter die Haut geht. Zehn Jahre bereitete Hazanavisius diesen Erfolg vor. Anfangs wollte kein Produzent das Risiko eingehen. Aber der Instinktmensch Hazanavicius setzte sich durch.
Es ist das Schweigen, das den Charme dieses Films ausmacht, sagen viele "Artist"-Besucher. Der Schriftsteller Hugo von Hofmannsthal sah in dem Stummfilm den Ersatz für Träume. Offenbar hat er Recht.
Die Sehnsucht nach dem Reich der stummen Bilder ist im Übrigen nicht ganz neu. Immer wieder werden Stummflm-Zyklen gezeigt. Auf der 60. Berlinale wurde das restaurierte Meisterwerk "Metropolis" von Fritz Lang vorgestellt, Stummfilmkonzerte füllen immer wieder Säle bis zum letzten Platz. Beobachter sprechen angesichts dieses Zulaufs bereits von einer Retro-Tendenz.
"The Artist" steht aber auch als Beleg für die Vitalität des französischen Films. Zweifellos haben die Franzosen mit diesem Preissegen den deutschen Film wieder einmal abgehängt - und ja: weder Wim Wenders noch May Zähle konnten reüssieren. Dass Scorsese mit fünf Oscars belohnt wurde - ja ganz wollte Hoollywod das Feld nicht den "Bleu" überlassen. Überraschend kommt dieser Sieg nicht. Das gilt auch für Meryl Streep als "eiserne Lady" Margaret Thatcher. Ihr Film kommt nächste Woche in unsere Kinos.