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Kultur Kino-Nostalgie in 3D-Technik

09.02.2012
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Auch Hollywood-Regisseur Martin Scorsese verneigt sich mit seinem „Hugo Cabret“ vor dem Stummfilm

Dass man sich in Hollywood gerne mit der Vergangenheit beschäftigt, ist nicht neu. Doch in diesem Jahr ist mehr Nostalgie denn je angesagt. Nur ein Drittel der für beim Oscar in der Kategorie Bester Film nominierten Produktionen spielt (ausschließlich) im aktuellen Jahrtausend. Und gleich beide Top-Favoriten erzählen nicht nur generell Historisches, sondern verneigen sich ausdrücklich vor den Anfängen des Kinos.

Genau wie „The Artist“ handelt auch „Hugo Cabret“ von der großen Zeit des Stummfilms. Doch Regisseur Martin Scorsese geht, ausgehend von dem sehr besonderen und umfangreich illustrierten Kinderroman „Die Entdeckung des Hugo Cabret“ von Brian Selznick, einen vollkommen anderen Weg. Im Vordergrund steht zunächst einmal nicht das Filmemachen, sondern der titelgebende Junge (Asa Butterfield). Weil sein Vater (Jude Law) verstorben und sein Uhrmacher-Onkel ein unzuverlässiger Trunkenbold ist, kümmert sich der Zwölfjährige im Paris der 1930-er Jahre alleine um die Wartung der Uhren im altehrwürdigen Bahnhof Montparnasse und haust dort heimlich in dessen Mauern und Türmchen.

Sein Lebensmittelpunkt ist dabei ein geheimnisvoller antiker Roboter, den er von seinem Vater geerbt hat und partout wieder zum Laufen bringen will. Um an das nötige Zubehör zu kommen, stiehlt er dabei schon mal im bahnhofseigenen Spielzeugladen des grummelig-alten Papa Georges (Ben Kingsley).

Die neugierig-kindliche Perspektive des naseweisen Jungen, der in den vier Wänden unerkannt das Treiben im Bahnhof beobachtet und zusammen mit seiner neuen Freundin Isabelle (Chloë Moretz) nichts Schöneres kennt, als sich ins Kino oder Bibliotheken zu schleichen, behält Scorsese in „Hugo Cabret“ dauerhaft durch. Fans des Ausnahmeregisseurs mag das zunächst verwundern, kennt man doch von ihm bislang eigentlich nur sehr erwachsenes, oft verstörendes oder gerne auch mal blutiges Kino, von „Taxi Driver“ über „Good Fellas“ bis hin zu jüngsten Werken wie „The Departed“ oder „Shutter Island“. Dagegen nimmt sich seine neuste Arbeit zwar absolut nicht unreif oder kindisch, aber doch ungewohnt familienfreundlich aus.

Tatsächlich sind es auch die Kinder, die hier aufdecken, was historisch verbürgt ist. Denn bei Papa Georges handelt es sich um Georges Méliès, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf den Fersen der Gebrüder Lumière zu einem der wichtigsten Pioniere, Erfinder und Wegbereiter des Kinos wurde.

Mehr als 500 Stummfilme inszenierte er zwischen 1896 und 1912, bevor er sich kurz vor dem Ersten Weltkrieg gezwungen sah, seine Karriere an den Nagel zu hängen und einen Großteil seiner Filme zu verbrennen. Erst viele Jahre später, als er tatsächlich im Bahnhof Montparnasse Spielwaren verkaufte, wurde er wieder entdeckt und u.a. mit dem Kreuz der Ehrenlegion geehrt; gerade erst hat die französische Band Air seinen vielleicht bekanntesten Film „Le voyage dans la lune“ für ihr aktuelles gleichnamiges Album neu vertont. Mit wie viel Freude und Detailverliebtheit Scorsese, der selbst seit vielen Jahren einen Großteil seiner Zeit für die Restaurierung verloren geglaubter Filme aufwendet, seinem Kollegen in „Hugo Cabret“ ein Denkmal setzt, gehört ohne Frage zum Schönsten, was man derzeit auf der Leinwand sehen kann.

Man findet im Film durchaus auch Details, die man kritisieren könnte: immer wieder droht der Film im Tonfall zu kippen, wenn der beinahe Slapstick-artig überzeichnete Bahnhofsaufseher (Sacha Baron Cohen) auftritt; mit all seinen den Bahnhof bevölkernden Randgestalten ist er vielleicht fast ein bisschen zu selbstverliebt in die eigenen pathetisch-pittoresken Qualitäten à la „Die fabelhafte Welt der Amélie“; und in all seinen Ausführungen zur cineastischen Geschichte rutscht er mitunter ein wenig ins Lehrbuchhafte ab.

Die Akribie und Souveränität, mit der Scorsese seine Erzählung im Griff hat und sie mit Referenzen und Verweisen an die Kinohistorie spickt, zollt einem dennoch nicht nur Respekt ab, sondern macht auch einfach Freude. Nicht zuletzt übrigens, weil die Regie-Legende sich mit „Hugo Cabret“ erstmals der noch immer boomenden 3D-Technik widmet. Das wäre für die Geschichte gar nicht zwingend nötig gewesen. Doch Scorsese und sein Team wissen die (mitunter ganz subtilen) Möglichkeiten dieser brillant umgesetzten Technik derart optimal zu nutzen, dass sie den ohnehin schon prächtigen Film dadurch sogar noch prächtiger machen.

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