Kultur Gut gemeint ist nicht gut genug
Ajla (Zana Marjanovic, links) muss sich vor der serbischen Armee verstecken. Eine Szene aus dem Film „In the Land of Blood and Honey“ von Angelina Jolie. Bild: dpa
Wenn ein Weltstar wie Angelina Jolie plötzlich beschließt, sich auch als Regisseurin zu versuchen, versteht es sich von selbst, dass die Aufmerksamkeit groß ist. Genauso selbstverständlich ist es aber auch, dass in einem solchen Fall viele der Reaktionen nur am Rande mit der Qualität des Films zu tun haben. Und zwar positive wie negative. Dass „In the Land of Blood and Honey“ im Januar für den Golden Globe als bester fremdsprachiger Film nominiert war, dürfte vor allem am schillernden Namen der Regisseurin gelegen haben, genauso wie manch Verriss in der US-Presse aus dem gleichen Grund von Häme triefte. Von dem Sturm der Entrüstung, der der Debütantin seit Wochen aus Serbien entgegenschlägt, ganz zu Schweigen: dort schimpfen selbst Politiker, Medien und Künstler auf den Film, die ihn noch gar nicht zu Gesicht bekommen haben.
Die besondere Wucht der Reaktionen liegt zu einem großen Teil natürlich am Thema, das Jolie sich für ihren ersten, übrigens auch selbst geschriebenen Film ausgesucht hat. „In the Land of Blood and Honey“, der vor gut zwei Wochen bei der Berlinale Premiere feierte, erzählt vom Bosnienkrieg in den Neunziger Jahren anhand der Liebesgeschichte zwischen einer Muslimin und eines Serben. Auch gut 20 Jahre später sind da viele Wunden noch nicht verheilt und die Empfindlichkeiten auf allen am Konflikt beteiligten Seiten groß.
Nun muss sich Jolie tatsächlich nicht vorwerfen, sie würde allzu einseitig Partei ergreifen oder gar die Wirklichkeit verfälschen. Der Film stellt keine Behauptung auf, die nicht längst als Fakt in die Geschichtsschreibung eingegangen sind, und vor allem zu Beginn zeigt er mit Danijel (Goran Kostic) auch einen serbischen Protagonisten, der durchaus zum nachdenklichen und innerlich zerrissen Sympathieträger taugt. Dass er als Soldat schon in den ersten Wochen am ausbrechenden Krieg beteiligt ist, ist seinem Vater (Rade Serbedzija) geschuldet, einem extrem nationalistischen General. Doch glücklich ist er nicht mit seiner Aufgabe, den Abzug des Gewehrs zu drücken fällt ihm schwer. Und im Internierungslager verhindert er sogar, dass seine Leute die muslimische Malerin Ajla (Zana Marjanovic) vergewaltigen. Die beiden kennen sich noch aus der Zeit vor dem Krieg. Das weiß der Zuschauer, Jolie hat die beiden mit einem gemeinsamen Abend in der Kneipe eingeführt. Doch viel mehr weiß er nicht – und genau das wird bald zum Problem für „In the Land of Blood and Honey“. Denn ohne zu begreifen, wie diese Figuren ticken, ohne zu wissen, wie nahe sie sich tatsächlich sind, bleiben die Gefühle zwischen den beiden nur Behauptung und das weitere Geschehen im Film größtenteils schwer nachzuvollziehen.
Als Kommandant des Lagers schützt Danijel Ajla so gut es geht vor Übergriffen durch andere serbische Soldaten; vieles bleibt ihr erspart, was andere Frauen durchmachen müssen. Anfangs sträubt sie sich dagegen, seine Schutzbefohlene zu sein. Irgendwann tut sie das allerdings nicht mehr, und so liebt sich das ungleiche Paar schließlich inmitten der menschlichen Hölle plötzlich in bester Hollywoodmanier. Und das tut es immer noch, nachdem er irgendwann versetzt wird und sie zu ihrer Schwester und bosniakischen Untergrundkämpfern entkommen konnte, nur um dann doch wieder in seiner Obhut zu landen.
Dass die Leidenschaft dann mit einem besonderen Twist daherkommt, beginnt man erst zu ahnen, als das Zuschauen zwischen Malerstaffelei und sadomasochistischen Anwandlungen kaum mehr erträglich ist. Das beherzte Engagement, mit dem Jolie dieses dunkelste Kapitel der jüngeren europäischen Vergangenheit dem beginnenden Vergessen entreißen will, sieht man „In the Land of Blood and Honey“ jedem Bild an. Womöglich hat sie dabei – als Autorin mehr noch denn als Regisseurin – vergessen, dass man nicht nur auf Härte (die in der ersten halben Stunde für ein beeindruckendes Schreckensszenario sorgt), sondern auch auf Subtilität setzen muss, wenn man ein solch gewaltiges Thema ausgerechnet mit einer verrückten Liebesgeschichte kombinieren will. So aber bleibt ihr Debüt leider ein Film, der sehr viel besser gemeint als gemacht ist.
