Kultur Eine Albtraumhochzeit
Keine Liebesheirat: Ana Durlovski als Amina und Luciano Bothelo als Elvino. Bild: A.T. Schaefer
Dass dies keine Liebeshochzeit wird, ist auf den ersten Blick klar, als Amina die Treppe herunterstolpert, um sich von den Dorfbewohnern feiern zu lassen. Gesenkten Hauptes schleicht sie durch die Menge, kaum weiß sie, wie ihr geschieht – nur dass sie sich artig für die Glückwünsche zu bedanken hat und irgendwas von Freudentag singen und sagen muss, das weiß sie. Dafür hat ihre Ziehmutter Teresa gesorgt, die wie ein Wachhund um sie herumscharwenzelt. Wie sehr die Hochzeit zwischen Amina und dem reichen Bauernsohn Elvino das Werk der bernada-alba-gestrengen Frau ist, kann man sich ausmalen, wenn man sieht, wie sie Amina herumschiebt, in ein rosa Kleid zwängt, den Verlobungsring vom Bräutigam persönlich entgegennimmt und ihn mit Juweliersblicken prüft. Als Elvino auf Nachfrage des Notars versichert, er bringe sein gesamtes Hab und Gut in die Ehe ein, nickt sie zufrieden. Nur Amina selbst reagiert nicht, sondern taumelt durch diese Verlobung wie durch ihren eigenen Albtraum.
Und Amina ist ja auch eine Schlafwandlerin. Sie ist die Titelfigur in Vincenzo Bellinis „Sonnambula“. Jossi Wieler freilich, der mit Bellinis Belcanto-Oper erstmals als Intendant der Stuttgarter Oper Regie führt, lässt Amina nicht nur in das Zimmer des Grafen Rodolfo schlafwandeln, wo man sie schließlich entdeckt und als Betrügerin an Elvino denunziert. Wieler versteht den Sonnambulismus als psychologische Metapher für den Übergang von der Kindheit ins Erwachsenenalter. Seine Amina stakst unsicher und wie ferngesteuert durch diese Oper, eine Art Puppe Olympia, die Melodien spinnen kann so fein wie Seidenfäden (denn das tut Ana Durlovsky als Amina auf umwerfend berückende Weise), in der jedoch eine wodurch auch immer traumatisierte Seele wohnt.
Sie spürt, was man von ihr erwartet und richtet sich danach. Und sie spürt eben auch, was der fremde Graf von ihr erwartet, der ihr so schöne Komplimente macht – und richtet ihre Schritte ebenfalls danach und in sein Schlafzimmer. Die Frage, ob Amina nun tatsächlich schlafwandelt oder nur so tut, stellt sich in dieser Lesart gar nicht – und daher bleibt sie bei Wieler auch unbeantwortet.
Was Wieler und sein Regiepartner und Dramaturg Sergio Morabito also zeigen, ist nicht die konkrete Geschichte eines Missverständnisses und dessen glücklicher Auflösung, sondern eine zur Szene gewordene Metapher. Und auch Anna Viebrocks zwischen Hinterhof und Abstellraum angesiedelte Bühne mit ihren vielen wuchtigen Schränken unterstreicht das Gefühl eines provisorischen Durchgangs.
So hinterfragt das Regieteam die simpel gestrickte Handlung, in der der weltläufige Mann aus der Stadt (Graf Rodolfo) die abergläubischen Bewohner des Schweizer Bergdorfes über die medizinischen Hintergründe von Aminas Schlafwandelei aufklärt. Statt dessen muss Rodolfo erfahren, dass der Gespensterglaube der Dorfbewohner durchaus begründet ist – am Schluss blickt die bleiche Doppelgängerin Aminas in sein erschrockenes Gesicht. Ist es ihre Mutter? Ist das „die berückende Schönheit“ von einst, an die ihn Aminas Anblick erinnert hat? Dass Rodolfo möglicherweise sogar Aminas Vater ist – die Regie belässt es in diesem Punkt ebenso wie Bellinis Librettist Felice Romani nur bei einer vagen Andeutung.
Die kluge und bis ins Detail durchdachte Regiearbeit birgt freilich auch Risiken. Und die liegen weniger darin, dass die Verstörung, die das Stück durchzieht, vom Zuschauer nicht gleich in eine Erkenntnis umgesetzt wird. Wieler und Morabito nehmen bewusst in Kauf, dass Musik und Szene Unterschiedliches mitteilen, erzeugen damit aber nicht bloß Vielschichtigkeit, sondern auch Unstimmigkeit. Vor allem natürlich dort, wo Aminas hochfliegender Gesang ihre verdruckste Haltung Lügen straft.
Ana Durlovsky gebührt uneingeschränkte Bewunderung dafür, wie sie die Amina noch aus den unangenehmsten Positionen heraus zu ihrem Belcanto-Recht kommen lässt. Ohnedies ist sie der zu Recht gefeierte Star des Abends. Mit der Besetzung dieser Rolle, steht und fällt die ganze Oper. Aber Durlovsky beherrscht die Belcanto-Kunst. Ihre flirrenden Koloraturen, die fein nuancierte Pianokultur, der kostbare Ausdrucksreichtum – es ist zum Niederknien. Umso mehr, als Gabriele Ferro am Pult des Staatsorchesters Stuttgart der Partitur an Feinheit nichts schuldig bleibt.
Der Rest des Ensembles mag an Durlovsky nicht heran kommen, gut war es dennoch. Luciano Botelhos Elvino ist ein charmanter, aber im Ausdruck eher einförmiger Bräutigam mit einigen Problemen in der Höhe. Helene Schneidermann brillierte in der kleinen Rolle der freudlosen Teresa, auch Aminas Rivalin Lisa war mit Catriona Smiths derb-fülligem Sopran sehr gut besetzt. Liang Li gab den zunehmend zerknirschten Grafen Rodolfo, Motti Kastón den unterschütterlichen Verehrer Lisas. Und der von Michael Alber einstudierte Chor stellte einmal mehr sein hohes Niveau unter Beweis. Langer, einhelliger Applaus. Stuttgart feiert seinen Intendanten.
