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Kultur Die Harmonie ist den Bach hinab

14.02.2012


Hellmuth Rilling hat aus Zorn die Internationale Bachakademie verlassen

Jetzt hat er seine Drohung also doch wahr gemacht: Helmuth Rilling, Gründer und bislang einziger Leiter der Internationalen Bachakademie Stuttgart, ist „mit sofortiger Wirkung“ als künstlerischer Leiter der Akademie zurück getreten. Angedroht hatte er es schon Anfang 2012 in einem Brandbrief – als klar wurde, dass der Vorstand der Bachakademie mit dem milliardenschweren Unternehmer Berthold Leibinger an der Spitze Rilling in die Suche nach seinem eigenen Nachfolger nicht intensiv genug eingebunden hatte.

Dieser Nachfolger heißt Hans-Christoph Rademann, ist ein ausgewiesener Chor-Profi, Leiter des Dresdner Kammerchors und des RIAS Kammerchors und der wohl ideale Rilling-Nachfolger. Gegen Rademann, der Mitte 2013 sein Stuttgarter Amt antritt, hat Rilling auch gar nichts, umso mehr aber gegen die Art, wie er selbst übergangen wurde.

Ursprünglich war geplant, dass Rademann von Leibinger und von Rilling der Presse vorgestellt werden sollte. Nach Rillings Brandbrief wurde daraus nichts, Leibinger nutzte die alleinige Deutungshoheit, um mitzuteilen, in einem vertraulichen Gespräch zwischen ihm und Rilling seien wesentliche Differenzen ausgeräumt worden, das Gespräch habe in freundschaftlicher Atmosphäre stattgefunden.

An dieser Version sind dann doch Zweifel angebracht. Nichts sei ausgeräumt und besonders freundschaftlich sei die Atmosphäre auch nicht gewesen, hieß es aus Rillings Umfeld. Dass der Dirigent nicht schon damals zurückgetreten sei, hänge nur damit zusammen, dass Rilling von vielen Freunden gebeten worden sei, weiter zu machen – eine Bachakademie ohne künstlerischen Leiter mochte und konnte man sich einfach nicht vorstellen.

Der Konflikt zwischen Leibinger und Rilling liegt aber tiefer. Rilling („die Bachakademie kann nicht so bleiben, wie sie war“) stellte sich voll uns ganz hinter den von der Südwestdeutschen Philharmonie Konstanz kommenden Akademie-Intendanten Christian Lorenz. Dieser wollte in der Tat die Bachakademie umkrempeln: Es gab neue Veranstaltungsorte, neue Konzertformen, neue Konzertinhalte – alles mit dem Ziel, der Bachakademie ein neues Gesicht zu geben und sie auch für ein jüngeres Publikum attraktiv zu machen.

Lorenz war mit diesen Änderungen durchaus erfolgreich, wenn auch um den Preis, dass die vorrangige Orientierung an Bach und seinem musikalischen wie theologischen Denken, also sozusagen die reine Lehre, an Bedeutung verlor. All dies wollte Leibinger nicht, weshalb der Vorstand Lorenz' bis 2013 laufenden Vertrag nicht verlängerte. Als Leibinger dann auch noch Lorenz' Nachfolger präsentierte, den Berliner Musikmanager Gernot Rehrl, war für Rilling, der auch in diese Suche nach eigener Aussage nicht eingebunden war, das Maß voll. „Als Akademieleiter habe ich schon seit einiger Zeit keinen Einfluss mehr auf die Geschicke der Bachakademie“, schrieb er an den Vorstand.

Die Konsequenz: der sofortige Rücktritt. Die für die Zukunft vereinbarten Konzerttermine werde er immerhin wahr nehmen. Doch das ist ein schwacher Trost. Die Zeiten für die Bachakademie sind zweifellos dramatisch und turbulent. Könnte sein, dass sie noch turbulenter werden.

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