Publikums-Liebling David Garrett spielte beim Salem Open Air – Rund 6000 Menschen trotzten dem Dauerregen
Nur Kunstbanausen meinen, klassische Musik müsse stets ein Zuckerschlecken sein. Oft aber ist sie eine Herausforderung, für die Interpreten wie für die Zuhörer. Ja, der Weg zur klassischen Musik ist steinig – und manchmal auch sehr nass. Das konnten vergangenen Freitag 6 000 Menschen erfahren, die nach Salem gekommen waren, um den Geiger David Garrett live und Open Air zu erleben. Große Unbill nahmen sie auf sich, unverdrossen wappneten sie sich mit Regencapes und Regenschirmen – doch ach, nach zwei Stunden Dauerregen blieb wohl kaum ein Fuß noch trocken, kaum eine Jeans undurchweicht. Wir wissen nicht, wie viele der 6 000 Menschen heute mit einem Kräutertee im Bett liegen, aber es dürften nicht ganz wenige sein. Und vielleicht werden sie jetzt darüber sinnieren, ob sich das gelohnt hat. Halsweh und einen dicken Schnupfen für etwas David Garrett im kalten Regen.
Nun, bei 6 000 Menschen wird es dazu unterschiedliche Ansichten geben. Wovon an dieser Stelle nur eine wiedergegeben werden kann. Beginnen wir also mit den Qualitäten des geigenden Publikumslieblings. Er hat es ins Guinessbuch der Rekorde geschafft. Weil er Rimsky-Korsakows „Hummelflug“ schneller spielen konnte als jeder andere. Exakt 65,26 Sekunden brauchte er dafür, das sind rund 13 Noten pro Sekunde. Eine sportliche Leistung. Im Konzert führte er das zwar nicht vor, aber er ließ immer mal wieder virtuose Passagen hören. Das ist zwar noch keine große Kunst, spricht aber für eine passable Technik. Schließlich war der 28-Jährige mal etwas wie ein Wunderkind, das mit 4 Jahren seine erste Geige bekam und mit 13 Jahren einen Vertrag mit der Deutschen Grammophon.
Was noch? David Garrett ist smart, ein Mädchenschwarm und Schwiegermamas Glück. Ein sonniges Gemüt. „Ich freue mich wahnsinnig, dass so viele Leute bei diesem dürftigen Wetter vorbei gekommen sind“, sagte er in Salem. Und: „Wir haben ein tolles Programm für euch vorbereitet“. Im Laufe des Abends bemerkt man, dass es sich durchweg um „wunderbare“, „fantastische“ oder „wahnsinnig tolle“ Stücke handelt. Überhaupt sei für ihn ein Traum in Erfüllung gegangen, weil er die „wunderbare klassische Musik“ an ein „anderes Publikum“ herangeführt habe. Sagt's und spielt Max Bruchs 1. Violinkonzert. Dafür wurde sogar eigens eine Dirigentin engagiert („Judith, komm mal her…“), die etwas von ihrem Handwerk versteht, während für den Rest des Programms ein Alibi-Wedler vor der Neuen Philharmonie Frankfurt völlig ausreichend ist.
Genau besehen ist nämlich das Bruch-Konzert das einzige unverwurschtelte Klassik-Stück des Abends. Darüber hinaus gibt es Häppchen und Paraphrasen, mal einen „Ungarischen Tanz“ hier, ein Stückchen aus Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ dort, auch die „Air“ von Bach darf nicht fehlen und dazwischen („jetzt könnt ihr mal zeigen, wie man in einem Klassik-Konzert abrocken kann“) ein bisschen Queen, Michael Jacksons „Smooth Criminal“ oder „Thunderstruck“ von AC/DC. Von Dramaturgie oder Konzept keine Spur.
Das Verfahren ist nicht neu und nennt sich „Crossover“: Bei den Klassik-Hits kommt eine Band hinzu, bei den Rock-Stücken das klassische Orchester – und die musikalische Ausdruckspalette verengt sich dabei so wie Garretts verbale Varianten auf einige Vokabeln. Muss man das so machen, wenn man die „wunderbare klassische Musik“ an ein „anderes Publikum“ heranführen will? Schließlich ist anzunehmen, dass alle, die nach Salem gekommen sind, von David Garrett ohnehin so überzeugt sind, dass sie von Vivaldis „Sommer“ auch ohne Rhythmushilfe und von Bachs „Air“ auch ohne E-Bass restlos begeistert gewesen wären.
Letztlich spricht aus dieser Form des Crossover das pure Misstrauen – dem Publikum gegenüber, das mit der vermeintlichen Kompliziertheit der klassischen Musik vorsichtshalber nicht konfrontiert werden soll. Aber auch der Musik gegenüber. Wer meint, er müsse einen Rock-Hit durch ein Orchester „veredeln“, verkennt die eigentlichen Qualitäten dieser Musik, die eben nicht in drei Tonhöhen begründet liegt, sondern in Sound und Geste. Und wer Vivaldi mit Schlagzeug präsentiert, hat nicht begriffen, dass Barockmusik auch naturbelassen rockt. Und Garrett selbst? Der vergisst, dass er mit seinem edlen Bemühen um ein „anderes Publikum“ das „eigentliche Publikum“ verprellt. Einfach nur der schnellste Geiger zu sein, reicht dann nicht mehr.
Elisabeth Schwind