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Kultur Der Herr der Bilder

09.02.2012
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Gerhard Richter feiert heute seinen 80. Geburtstag. Der Maler ist der begehrteste Künstler unserer Zeit

Aller Anfang ist schwer. Gerne packt Gerhard Richter die Anekdote aus, dass bei seiner ersten Ausstellung in Düsseldorf in den 60er Jahren ganze zwölf Leute den Weg in die Galerie fanden. „Damals“, lächelt er dann verschmitzt, „damals kostete ein Bild noch 800 Mark. Heute kostet es das Tausendfache. Aber“, sagt er, und sein Lächeln breitet sich zu einem Grinsen aus, „die Qualität ist die gleiche“. Er selbst, schiebt er nach, würde die Preise seiner eigenen Bilder nicht bezahlen. – So gesehen und gehört 2005 bei Richter-Ausstellungen im Münchner Königsbau und 2008 bei Burda in Baden-Baden.

Der gebürtige Dresdner hat Humor. Und manchmal kokettiert er damit. Das wird Richter, den der New Yorker „Guardian“ zum „Picasso des 21. Jahrhunderts“ erklärte und der Kunstkompass der Zeitschrift „Capital“ als weltweit begehrtesten Künstler führt, nicht verübelt. Denn zum Humor gesellt sich Charme. Dieser Mix ist bei einem Künstler und Professor (von 1971 bis 1993 an der Düsseldorfer Kunstakademie) seines Kalibers ganz selten anzutreffen. Dass Richter sich zugleich öffentlichkeitsscheu und wortkarg gibt, ist kein Widerspruch. Als Rhetoriker hat sich der nunmehr 80-Jährige nie verstanden. Er hat keine Botschaften auf Lager, keine Weltformeln, keine zeichenhaften Erzählungen anzubieten, in denen sich die Zeit widerspiegelt, womöglich kritisch.

Wenn er „realistisch“ arbeitet, dann verweigert er jede Klarheit und Eindeutigkeit, indem er über alles einen Nebel- oder Grauschleier legt. Was das ist? Eine gezielte Bildstörung. Wenn er einen Zyklus mit Bildern vom Tod der RAF-Terroristen malt („18. Oktober 1977“ – sein umstrittenstes Werk), dann argumentiert er als Maler und nicht als Politiker. Dass er Politik und Gesellschaft wahrnimmt, ist unstrittig. 1961 floh er aus der DDR in den Westen, zu einem Zeitpunkt übrigens, als die Malerei der Fotografie hoffnungslos unterlegen war. Seine in der DDR geschaffenen Werke musste er zurücklassen, teilweise soll er sie noch vor seiner Abreise verbrannt haben.

Die fehlende Botschaft werde sich weder durch Fleiß, Trotz, Irrsinn noch durch sonstige Tricks einstellen, sondern „nur durch das Malen“, notierte er 1977 für den Kunsthistoriker Benjamin Buchloh. Hat er nicht Recht? Richter ist bei allem Erfolg ein Künstler des Zweifels. Die Frage, was von dem Bild bleibt, das er sich von der Wirklichkeit macht, wenn es zu Malerei wird, beschäftigt ihn. Sein Misstrauen in seine Bilder sei mit den Jahren noch „eher größer geworden“, bekannte er seinerzeit in München. Aber statt die künstlerische Produktion einzustellen, tritt er die Flucht nach vorn an. Ein Leben ohne Bilder ist keines.

Widersprüchlich in Motiven und Techniken, erstaunt immer wieder auch die Inhomogenität seines Werks, die Komplexität seiner künstlerischen Strategien, der abrupte Stilwechsel – kurz, die breite Palette dieses Allrounders, der vieles problemlos gleichzeitig zu machen scheint: farbig-grelle oder stumpf-graue abstrakte Bilder, Pressefoto-Sujets, Landschaften und Häuser, schematische Farbfelder, Porträts, Stillleben oder auch Hinterglasmalerei. Auch das lässt sich über ihn sagen: Dass er die altbekannten Genres neu belebte.

Richter legt keinen Wert auf ein einprägsames Markenzeichen. Ihn kümmert der Mainstream wenig. Er malt abstrakt, wenn andere auf Gegenstand setzen (und umgekehrt), um einmal die beiden Optionen in der Malerei abzurufen. Ist das der Grund für seinen Erfolg? Dass er seinen eigenen Weg geht? Es scheint ihn auch wenig zu kümmern, in welche Richtung der Publikumsgeschmack zielt. Er bleibt der Herr der Bilder.

Sicher, man hätte in den 60er Jahren zuschlagen sollen. Denn seine Werke stehen auf der Richter-Skala der teuersten Kunstwerke ganz weit oben, seit die amerikanische Kunstwelt ihm in den 1990er Jahren den roten Teppich ausgerollt hat – Richters „Kerzen“-Bild von 1982 erzielte 12 Millionen Euro. Es gibt Sammler, die frühzeitig die „Qualität“ Gerhard Richters erkannten. Einer davon heißt Bernd Lutze, er führt eine Galerie in Friedrichshafen, also in der so genannten Kunstprovinz. Lutze wurde bei Horst Antes, dessen Sekretär er zeitweise war, auf das Werk Richters aufmerksam. Auslöser waren „Farben“ und „Farbtafeln“ genannte Bilder, die ab 1966 nach Musterkarten entstanden, wie sie auch Handwerker benutzen. Lutze besuchte den kaum bekannten Künstler 1968 und erwarb die Arbeit „Frau Niepenberg“ (1965) – die Nr. 86 im fortlaufenden Werkverzeichnis Richter. Es wurde die Nr. 1 der Arbeiten des Künstlers in der Sammlung Lutze und später – 1978 – das Motiv auf der Einladungskarte zur ersten eigenen Ausstellung am Bodensee.

An seinem heutigen Geburtstag wird Richter mit seiner Familie feiern und ausnahmsweise nicht im Kölner Atelier stehen. Richter ist ernorm fleißig. Er lebt das künstlerische Credo Auguste Rodins, des großen französischen Bildhauers: „Il faut travailler, rien que travailler. Et il faut avoir patience“ (Arbeiten und nichts als Arbeiten und Geduld haben). Nur so ist sein umfangreiches Oeuvre möglich.

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