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Andreas Maiers „Onkel J. Heimatkunde“ und sein ebenfalls lesenswerter Roman „Das Zimmer“

Eigentlich hat der 42-jährige hessische Schriftsteller Andreas Maier in seinen Romanen schon immer eine besondere Form der Heimatliteratur kultiviert. Ihm ging es dabei allerdings nie um beschönigende Beschreibungen ausgewählter Landstriche, sondern um den soziologischen Aspekt von Heimat, um den prägenden Charakter für die Sozialisation der Individuen – egal, ob seine Bücher in der Wetterau (wo er selbst aufgewachsen ist), in Frankfurt, Südtirol oder wie zuletzt in Potsdam spielen.

Der schmale Band „Onkel J. Heimatkunde“ schlägt nun dennoch ein klein wenig aus der Art, da er keine geschlossene Erzähleinheit, sondern 23 Kolumnen zum Thema Heimat präsentiert. Bei Maier geht es darin allenthalben um Verluste, um Zerstörungen und Verfall. Heimat ist für ihn primär ein historisches Thema, sämtliche Texte beginnen daher mit dem Wort „neulich“.

Eines der eindrucksvollsten Kapitel trägt den Titel „Neulich war ich im Forsthaus Winterstein“. Maier erhebt diese Kneipe zur Kultstätte, zu einem Ort der Einkehr und der Besinnung, an dem die Zeit stehen geblieben ist oder zwangsweise angehalten wurde, wo Kindheitsobsessionen und romantische Heimatgefühle ungebremst aufeinander prallen: „So trat ich ein vom neulich ins einstmals.“ Und so vage wie Maiers Wanderungen durch Raum und Zeit sind, so nebulös ist auch die Rolle des Onkel J., von dem es heißt: „Zangengeburt, dürres Kind, geistig zurückgeblieben“. Ein Außenseiter, der seine Zeit in Kneipen bei Äppelwoi und Bier totschlägt und der in der hessischen Mundart „Flabbes“ genannt wird.

Ein Antiheld, dem der Autor gleich ein zweites Buch widmet, „Das Zimmer“ – über das wird noch zu sprechen sein. Der Erzähler in Maiers Texten pflegt ein höchst ambivalentes Verhältnis zu seinem Onkel. Er hält ihn einerseits in seiner Beschränktheit für liebenswert, andererseits fürchtet er sich davor, seinem Onkel immer ähnlicher zu werden.

„Das Interessante, das Wichtige dabei ist, ihn überhaupt als Motiv für mich entdeckt zu haben, und dass ich dann beobachten konnte, wie die Sprache wirklich anders zu fließen beginnt, wenn ich über ihn spreche und schreibe“, erklärt Maier die Methode seiner extravaganten Heimaterkundung. Wohl selten war er seinem dichterischen Vorbild Thomas Bernhard, über den er einst promovierte, so nahe wie in diesen zwischen bitterer Klage und gebremster Euphorie changierenden Erzählfragmenten.

Wer nach dieser durchaus humorvollen, selbstreflektierenden Prosa Appetit auf noch mehr Maier bekommen hat, der sollte auch in das Folgebuch „Das Zimmer“ hineinlesen, eine Fortsetzung der Familiensage mit den etwas anderen Mitteln des Romans. Im Zentrum steht wieder – oder immer noch – Onkel J., den Maier in der „Heimatkunde“ noch als die verhassteste Figur seiner Kindheit bezeichnete. Allerdings findet sich jetzt die nicht minder autobiografisch gestimmte Aussage des Erzählers, dass er sich dem Onkel J. im Lauf der Zeit immer näher gefühlt habe, weil auch er, der Schriftsteller, so eine Art „Dorfschluri“ sei. Maier beschreibt im „Zimmer“ einen Tag im Leben des Onkels J. und zugleich ein Bild des Deutschlands der späten sechziger Jahre. Hin- und hergerissen zwischen Luis Trenker, der Begeisterung für Panzer und den Nutten der Mainmetropole Frankfurt wird am Ende der Mensch Onkel J. erkennbar. Und: In seiner Unschuld irgendwie liebenswert. „Das Zimmer“ ist der Anfang einer Familiensaga. Kein schlechter Start.

Andreas Maier: „Onkel J. Heimatkunde.“ 132 S., 17,80 Euro. – Ders: „Das Zimmer“. Roman. 202 S., 17,90 Euro. Beide Bücher sind im Suhrkamp Verlag, Berlin erschienen. – Der Autor liest im Rahmen der „Erzählzeit ohne Grenzen“ am Sa, 2. April, 16 Uhr, im Gasthof Burg Rosenegg in Rielasingen-Worblingen. Karteninfo unter Tel.: 07731-85-292. Weitere Infos: www.erzäehlzeit.com

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