Mein

Roman Eng oder gar nicht

09.08.2011


In Charlotte Roches neuem Buch „Schossgebete“ geht es um den ehelichen Sex – doch das hat einen eher nichtsexuellen Grund.

Die „Hängebrückentheorie“ spielt in den Reflexionen der Ich-Erzählerin eine Rolle. Eine attraktive Frau spricht Männer in der Fußgängerzone und auf einer Hängebrücke an, es geht um Fragen einer wissenschaftlichen Studie. Danach gibt sie allen ihre Nummer. Die Brücke schaukelt, vor allem bei Wind. „Deutlich mehr Männer von der Hängebrücke als vom Bürgersteig rufen sie nachher an“, schreibt Charlotte Roche. „Das bedeutet, dass man schneller eine Verbindung aufbaut, wenn man in einer extremen Situation ist.“

In einer Extremsituation ist auch die Heldin des Buches. Das erste, „Feuchtgebiete“ (2008), hat sich mehr als zwei Millionen Mal verkauft, obwohl Kritiker ebenso darüber herfielen wie Normalbürger. Dreck, Schweinerei, Pornografie, hieß es. Das zweite Buch startet mit einer Auflage von 500 000 Exemplaren, und dabei wird es nicht bleiben. Die Untenrum-Literatur provoziert verlässlich, die Leute greifen zu, um „die Stellen“ zu lesen. Das ist die ertragreiche Nische, die Charlotte Roche, 33, besetzt. In einem Video sagt sie: „Und wer dachte, Feuchtgebiete ist krass, muss sich hier richtig anschnallen.“

Der Empörungswert des neuen Romans wird aber weniger hoch ausfallen. Ehelicher Sex ist nicht so reißerisch. Der Galerist Georg und die Fotografin Elizabeth treiben es oft und gern. „Am liebsten tagsüber und Fenster zu wegen der Nachbarn. Ihr Mann macht die Heizdecken auf dem Bett an, dann kann's losgehen. Sie fährt sofort mit der Hand rein in Georgs XXL-Yogahose. Und ab hier betrügt sie ihre Männer hassende Mutter, die ihr beibringen wollte, dass Sex etwas Schlechtes sei.“

Aha, Zwangshandlungen wegen unglücklichen Erziehungsverlaufs. Elizabeth wird von der Therapeutin Drescher aufgelockert. Sie soll auf deren Toilette mal groß machen, das wäre ein Durchbruch. Denn Elizabeth plagen Angstvorstellungen, nur beim Sex nicht, da ist sie die „Geilheit auf zwei Beinen“, schon im siebten Jahr. Trotzdem hat sie ihre Mutter wie einen Geist auf der Schulter sitzen, sie sich mit Männern einlässt. Sie hasst Männer. Vor vier Jahren hat sie sich von der Mutter für immer verabschiedet. Wichtiger ist: „Wie bringt man Kindern bei, sich vernünftig den Po abzuwischen?“ Beide Ehepartner, sie 33, er 50, haben je ein Kind.

Furzen im Bett, Durchfall, Sperma, Krampfadern, Besenreißer. Sie „riecht wie die Küche meiner Oma, nachdem sie auf dem Gasherd Fisch gebraten hat. Wenn ich alles schnell sauber gelutscht hab, riecht da nichts mehr.“ Auf Roche ist Verlass, das Ekelrepertoire ist wieder verlässlich da. Diesmal aber erweitert um ein alle Gefühle und Handlungen überlappendes Herkunftsfamiliengeschehen, Scheidungskind-Traumata und „Kontrolletti“-Sucht. Als Elizabeths Mutter bei einem Autounfall schwer verbrannt wird und die Tochter sie nun doch in der Rhea besucht, ist alles wieder da. Die Mutter saß am Steuer, die drei kleineren Brüder Elizabeths sind tot, die Tochter ist nun allein „Ansprechpartnerin für jede Scheiße, die noch kommt“. Und es kommt noch mal das ganze Familiendrama.

In Wahrheit haben wir es hier mit einer vertrackten Mutter-Tochter-Geschichte zu tun. Der Sex ist dem Buch nur aufgeladen, als Lockmittel, damit die Leser die Mutter-Kind-Tragödie besser aufnehmen. Innerlich werde sie ihre Erzeugerin niemals los, belehrt Frau Drescher ihre Klientin. Genau das ist das Problem. „Zu eng. Ich durfte nicht erwachsen Abstand zu meiner Mutter gewinnen, nur eng oder gar nicht.“

Der Roman wird fast zum Psycho-Thriller. Elizabeth geht mit Georg zu Prostituierten, er soll mit zwei Frau Sex haben. Sie liebt ihren wohlhabenden Vater, dem die geschiedene Mutter nicht das geringste Wohlwollen entgegenbringt. Sie fängt an zu rasen, als „Boulevard-TV“ sich auf die Mutter stürzt, die drei ihrer Kinder auf einen Schlag verlor. Das Elend ist so groß, das Elizabeth umso mehr einen bewährten Trick anwendet: Mit Sexgedanken alles verdrängen, „um vor mir und dem Unfall und meiner nicht vorhandenen Trauer zu flüchten.“ Elizabeth ist sexsüchtig, weil auf der Flucht. Sie will allen gefallen, es allen recht machen. „Bis nichts mehr von mir übrig bleibt.“

Auszüge und Bilder:

www.suedkurier.de/onlineplus

 

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