Mein

Kultur Wer wirft den ersten Stein?

Der chinesische Künstler Tsang Kin-Wah beklagt im Kunstmuseum Thurgau das Todesurteil gegen Saddam Hussein. Ein Plädoyer gegen die Todesstrafe – und eine Provokation

Der irakische Diktator als Schmerzensmann? Tsang Kin-Wah hat sein Ausstellungsprojekt „Ecce Homo“ als Trilogie angelegt. Während der chinesische Künstler, der an der diesjährigen Kunstbiennale von Venedig den Auftritt von Hongkong gestaltet hat, im ersten Teil seiner Arbeit das Todesurteil gegen den rumänischen Diktator Nicolae Ceausescu in den Mittelpunkt gestellt hat, geht es nun um Saddam Hussein. Mit den Worten „Ecce homo“ präsentiert Pontius Pilatus den gegeißelten Christus der Menschenmenge. „Seht, da ist der Mensch“ lautet die der Ausstellung ihren Titel gebende Bibelstelle in der Einheitsübersetzung. Will der Künstler darauf hinaus, dass letztlich auch Diktatoren nur Menschen sind? Oder soll hier ein Diktator mit Jesus Christus verglichen werden? Das verhängte Todesurteil gar mit der Kreuzigung Christi? Die Ausstellung im Kunstmuseum Thurgau ist jedoch zum Glück weit mehr als pure Provokation.

Der 1976 geborene Künstler interessierte sich in seiner Jugend für das Christentum. Die anfängliche Begeisterung ist heute einer kritischen Distanz gewichen. Kin-Wahs neuer Fixpunkt ist Friedrich Nietzsche, der sich in seinen philosophischen Schriften ausgesprochen kritisch mit religiösen Werten, Moralvorstellungen und gesellschaftlichen Konventionen auseinandersetzt. Nietzsches Einfluss ist der Inszenierung in der Kartause deutlich anzumerken. Tsang Kin-Wah spricht sich mit aller Entschiedenheit gegen die Todesstrafe aus und stellt die Frage nach der Legitimität des gegen Saddam Hussein verhängten Todesurteils in das Zentrum seiner Installation. Diese besteht im Wesentlichen aus drei, je etwa sechs Minuten dauernden Videoarbeiten, die jedoch in eine den gesamten Ausstellungsraum umfassende Inszenierung eingebettet sind. Die Kellerräume der Kartause Ittingen verwandeln sich in eine Art Kreuzweg, den der Ausstellungsbesucher abschreiten muss. Die einzelnen Stationen lassen sich unter die Überschriften Prozess – Hinrichtung – Beisetzung fassen.

Mit minimalen Eingriffen verleiht der chinesische Künstler den Räumen eine beklemmende Atmosphäre. Ein entscheidendes Detail etwa sind die hinterleuchteten Kellerfenster, die den Eindruck verstärken, man befinde sich in einem Gefängnis oder einer Grabkammer. Hinzu kommt der durchdringende Sound, mit denen die Videoprojektionen unterlegt sind. Den Eingang zu den Videoarbeiten bildet ein schmaler Korridor. Texte mäandern über Fußboden und Wände. Will man sie lesen, muss man sich im Raum bewegen und ständig seine Position ändern. Genau darum geht es Tsang Kin-Wah: Der Betrachter ist aufgefordert, Position zu beziehen. Die Texte, die hier in Form eines Sprachspiels präsentiert werden, bestehen aus kurzen Sentenzen und Phrasen. Schlagworten, mit denen die Medien die Festnahme und den Prozess gegen Saddam Hussein kommentierten. Nicht fehlen darf der von den USA eingebrachte Vorwurf, der Irak verfüge über Massenvernichtungswaffen. Kin-Wah prangert die Manipulation der Öffentlichkeit an. Seine Installation ruft dazu auf, die heutige Mediengesellschaft kritisch zu hinterfragen.

Noch deutlicher wird dies in den Videoarbeiten. Sämtliches Bildmaterial hat der Künstler im Internet gefunden. Dort kursiert auch eine Aufzeichnung der Hinrichtung Saddams. Kin-Wah fragt, wie mit solchen Bildern umzugehen ist. In seinen Videofilmen hat er die Bilder mit Absicht mitunter fast bis zur Unkenntlichkeit unscharf gemacht. Ein Verfremdungseffekt mit großer Wirkung. Zudem sind die ursprünglich farbigen Szenen nüchternem Schwarz-Weiß gewichen.

Auch das hat Folgen. Der konkrete Fall Saddam Husseins rückt mehr und mehr in den Hintergrund. Stattdessen geht es nun ganz allgemein um die Hinrichtung eines Menschen. „Wenn man die Bilder dieser brutalen Exekution sieht, kann man nur mit Trauer reagieren“, ist Kin-Wah überzeugt. Wer wirft den ersten Stein? Wer darf sich anmaßen, ein Todesurteil zu verhängen? Es geht dem Künstler in seiner Arbeit um Begriffe wie Wahrheit, Gerechtigkeit und Menschlichkeit – aber vor allem um die Instrumentalisierung von Bildern in einer digital vernetzten Welt. Und doch bleibt ein Schatten auf seiner Inszenierung. Denn letztlich wird hier ein Diktator zum Märtyrer stilisiert. Das hinterlässt einen schalen Beigeschmack.

Tsang Kin-Wah. Ecce Homo Trilogy II. Kunstmuseum Thurgau, Kartause Ittingen. Bis 15. Dezember. Täglich 11–18 Uhr. Im Netz:

www.kunstmuseum.ch

Erleben Sie den Komfort von SÜDKURIER Digital und erhalten Sie dazu das iPad Air 2 ab 19,90 € monatlich.
Frühling bei SÜDKURIER Inspirationen!
Korrekturhinweis
Neu aus diesem Ressort
Kultur
Musik
Kino
Kino
Kunst
Kino
Die besten Themen
Kommentare (0)
    Jetzt kommentieren
    Jetzt Newsletter anfordern:
    © SÜDKURIER GmbH 2017