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Kultur Wasser für die Stadt

Ökologie, Kunst und ein alter Brunnen: Simon Starling in der Lokremise St. Gallen

Vergnügt reitet der Knabe auf dem Schwan. Zwei Wassernymphen sitzen auf einer Schildkröte und einem Fisch. Die drei Figuren, 1896 vom Toggenburger Bildhauer August Bösch geschaffen, zieren den Broderbrunnen im Zentrum von St. Gallen. Genauer müsste man sagen: zierten. Denn die Originale wurden vor einigen Jahren durch unempfindliche Bronzeabgüsse ersetzt. Die ursprünglichen Skulpturen waren mit dem für die damalige Zeit neuartigen Verfahren der Galvanotechnik hergestellt worden, bei der Gips mit einer dünnen Kupferschicht überzogen wird. Eine innovative Technik, doch leider nahmen die Figuren durch eindringende Feuchtigkeit im Laufe der Jahre Schaden.

Und hier kommt Simon Starling ins Spiel. Mit seinem Projekt „Fountain“ gewann er den Kunstwettbewerb des neuen Naturmuseums St. Gallen, das im Herbst eröffnet wird. Sein „Kunst am Bau“-Projekt greift weit in und über den Stadtraum hinaus, indem es den Bodensee mit der Stadt verbindet. Starling faszinierte die Geschichte des Broderbrunnens, der Bodenseewasser in die St. Galler Haushalte transportierte. In drei klimatisierten Vitrinen werden die Originalskulpturen von August Bösch ab Herbst diesen Jahres der Öffentlichkeit wieder zugänglich gemacht. Zusätzlich sind drei Abgüsse aus einem hydrophoben Material geplant. Die historischen Figuren bekommen moderne Zwillinge. Aufgestellt am Bodenseeufer und in der Stadt St. Gallen zeichnet der englische Künstler mit den Vitrinen den Weg der Trinkwasserversorgung vom See nach St. Gallen nach und fügt damit der Geschichte der Figuren ein weiteres Kapitel zu, das zugleich an die ursprüngliche Funktion des Brunnens, den sie einst schmückten, erinnert.

Bevor es so weit ist, sind die Brunnenfiguren noch einmal in der Lokremise zu sehen. Ergänzend dazu zeigt der 1967 geborene Künstler eine Auswahl seiner eigenen Arbeiten. Der Kontrast könnte kaum größer sein. Auf der einen Seite die verspielten Kinderfiguren von August Bösch, der stilistisch sehr von dem großen symbolistischen Maler August Böcklin geprägt wurde. Auf der anderen Installationen und Fotografien, die sich dem Betrachter ohne erklärende Texte kaum erschließen.

Entscheidend für Starlings Werk ist die narrative Ebene. Hinter seinen Arbeiten stehen immer Geschichten. Diese haben ein gemeinsames zentrales Thema: Starling interessiert sich vor allem für Nutzungszyklen. Für eine seiner Aktionen durchquerte er mit einem Fahrrad, das von einem 900-Watt-Elektromotor angetrieben wurde, die Tabernas Wüste in Spanien. Eine Fotografie zeigt das originelle Gefährt, das mit in Flaschen komprimierten Wasserstoff und dem Sauerstoff der Wüstenluft betrieben wurde. Das einzige Abfallprodukt der 41 Meilen langen Wüstendurchquerung waren 600 ml reines Wasser, das Sterling später dazu nutzte, um ein Aquarell zu malen. Ganz schön viel Aufwand für ein Bild. Immerhin: Es geht um Wasser. Zumindest hier ist ein gewisser Bezug zu den Brunnenfiguren offenkundig.

Im großen Ausstellungssaal treffen wir auf ein nicht weniger skurriles Fahrrad. Diesmal ist nicht nur ein Foto zu sehen, sondern das Fahrrad selbst. Eine Motorsäge dient als Antrieb. Auf dem Gepäckträger stapeln sich Holzscheite. Sollte man unterwegs Brennholz benötigen, wäre man gerüstet. Starling denkt praktisch. Die Installation vermischt zwei in sich greifende Nutzungszyklen: die individuelle Fortbewegung mit dem Fahrrad und die Nutzbarmachung eines Naturprodukts.

Spektakulärer ist die Skulptur, die an ein U-Boot erinnert und, an langen Stahlseilen befestigt, über den Boden schwebt. Der düstere Rumpf wirkt bedrohlich, doch dient er nur als Unterbau für einen hängenden Garten. Gräser und Efeu wuchern. In der Mitte der Miniatur-Parkanlage steht eine Skulptur. Eine Arbeit, die eine Fülle von Assoziationen weckt.

Simon Starling geht es nicht in erster Linie darum, neue Objekte zu erschaffen. Er nimmt verschiedene Materialien, verwebt deren Geschichten miteinander und kreiert neue Beziehungsfelder. Die letzte Installation, die in der Lokremise gezeigt wird, ist zugleich die komplexeste. Ein Modellflugzeug ist auf einem Glastisch gelandet, unter dem mächtige Holzstämme liegen. Was diese Arbeit mit dem berühmten Architekten Le Corbusier und einem Gummibaum, der im Park eines Museums in Melbourne steht, verbindet? Die Auflösung gibt es in dieser Ausstellung, die den Besucher irritieren und gleichzeitig auf humorvolle Art zum Nachdenken anregen möchte.

Simon Starling: „Zum Brunnen“, Lokremise St. Gallen, bis 14. August, Mo–Sa 13–20 Uhr, So 11–18 Uhr

www.kunstmuseumsg.ch

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