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Kultur Was nicht zu sehen ist

Mit Jirka Pfahl und Falk von Traubenberg zeigt Lachenmann-Art in Konstanz zwei spannende Konzeptkünstler

Die Dias erzählen ein ganzes Leben. Die Installation „The Cube“ umfasst mehr als 20 000 Kleinbild-Dias aus den Jahren 1957 bis 2000. Das gesamte Fotoarchiv einer Familie. Allein: kein einziges Motiv ist klar zu erkennen. Falk von Traubenberg hat die Dias in Einmachgläser gestopft und fest verschlossen. Damit nähert sich der 1971 geborene Künstler dem Thema Portraitfotografie auf ungewöhnliche Weise. Der Betrachter sieht die Fülle der Dias, doch es ist an ihm, diese mit Bedeutung zu füllen. Was die Dias darstellen, muss vor dem inneren Auge des Betrachters imaginiert werden. Die echten Bilder entstehen erst in unserem Kopf.

Die Installation zeigt etwas, was im Detail nicht gesehen werden kann. Sensationelle Szenen sind, würde man die Einmachgläser öffnen, vermutlich nicht zu erwarten. Es dürfte sich um ein ganz normales Familienleben handeln. Fotos von Kindern, von Urlauben und Familienfeiern. Ein typisches Leben einer deutschen Durchschnittsfamilie. Darauf spielt auch der Titel der Installation – „schwarz rot gold“ – an. Von Traubenberg hat die Einmachgläser in drei mal drei Reihen angeordnet. Zwei Leuchstoffröhren trennen die Dreierreihen und verstärken die Assoziation mit einer Fahne. Insgesamt misst die Arbeit stattliche neun Meter in der Länge.

Man kann von Traubenbergs Installation als Statement gegen den gläsernen Menschen und die Bilderflut unserer Zeit deuten. Der Künstler, der in Hamburg lebt und arbeitet, hat in Konstanz Architektur studiert. Neben weiteren kleineren Arbeiten, bei denen es ebenfalls um Einmachgläser und ihren nicht sichtbaren Inhalt – wiederum Dias – geht, findet sich in der Ausstellung noch eine zweite Werkgruppe. Hierfür setzt von Traubenberg Text bzw. Sprache in ein Bild um. Abstrakte Kompositionen entstehen. Welche Texte ihnen zugrunde liegen, bleibt offen.

Galeristin Juliane Lachenmann hat von Traubenberg den Leipziger Künstler Jirka Pfahl, Jahrgang 1976, an die Seite gestellt. Eine Kombination, die überzeugt, auch wenn die beiden Künstler letztlich nicht viel gemeinsam haben. Hinzu kommt ein griffiger Ausstellungstitel, der Neugierde und Aufmerksamkeit weckt. „Die Musterknaben“ fällt allein schon auf, weil auf dem deutschen Kunstmarkt deutsche Ausstellungstitel inzwischen zur absoluten Mangelware geworden sind. Warum eigentlich?

Um strenge Muster geht es in den Faltungen von Jirka Pfahl. Akkurate Faltungen gegeben seinen Arbeiten ein Raster vor. Doch die mathematisch strenge Form wird immer wieder aufgebrochen: durch das Licht, das auf die reliefartigen Faltungen trifft, und den Blickwinkel, der, sobald der Betrachter seine Position etwas variiert, die Ansicht des Kunstwerks immer wieder verändert. Spannende Muster entstehen auch durch die Farben, die den Bildgrund bilden.

Einen ganz anderen Charakter haben die Frottagen des Künstlers. Mit dieser klassischen Durchreibetechnik überträgt Pfahl die Rückseite eines alten Teppichs und schafft daraus ein riesiges Wandbild. Mit etwas Abstand ist das ursprüngliche Teppichmuster zumindest noch erahnbar. Am interessantesten sind jedoch die Arbeiten, in denen Pfahl die verschiedenen Techniken zusammenführt. Ein Siebdruck, eine Faltung, Frottage und Zeichnung. Für letztere benötigt der Leipziger Künstler keinen Stift. Stattdessen: Kabelbinder. Pfahl spielt mit den Materialien – und seien sie noch so gewöhnlich bzw. ungewöhnlich.

Zum Beispiel auch ein Hammer. Die aneinandergereihten Betonabgüsse von Hammerschlägen erzeugen eine erstaunliche Dynamik. Der Hammer ist das Symbol des Handwerks und der Arbeit und wurde von verschiedensten Regimen benutzt und ideologisch verunstaltet. Jirka Pfahl zeigt: auch rohe Gewalt kann zu einem Kunstwerk führen.

„Musterknaben“. Bis 11. Juli, Lachenmann-Art, Reichenaustr. 53, Konstanz, Mi bis Fr 11–18 Uhr, Sa 11–15 Uhr.

www.lachenmann-art.com

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