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Kultur Was für ein kühner Gedanke!

Entstand der vielleicht erste neuzeitliche Bibliotheksraum in einem Palast nördlich der Alpen in Überlingen? Eine Spurensuche

Ein geheimnisvoller Raum verbirgt sich hinter dem prächtigen Gewand der Rustikafassade des Reichlin von Meldegghauses in Überlingen am Bodensee (heute Städtisches Museum). Es scheint beinahe, als habe sich dieser Raum im oberen östlichen Bereich des Palastes versteckt und das seit seiner Entstehung vor ungefähr 550 Jahren. Seine Vollkommenheit wird allein übertroffen von der Palastkapelle, über welcher er sich erhebt und in welcher nicht nur Länge und Breite (7 x 7 m), sondern auch noch die Höhe einander entsprechen. Beiden Räumen ist gemeinsam, dass eine zentrale Stütze das Gewölbe trägt.

In dem geheimnisvollen, steingrauen Raum mit den weißgetünchten Wänden und den schmalen, kleinen Fenstern im Obergeschoss springt nun in einem knalligen Rot dem Eintretenden eine in zeitgenössischen Schriftzügen gemalte Buchstabenfolge ins Auge. Sie ist an der Mittelsäule an zentraler Stelle platziert: AEIOU 1485, das Signum Kaiser Friedrich III. Seine Majestät weilte tatsächlich im Jahre 1485 in Überlingen und war offensichtlich Gast in diesem Raum – welch Ehre für die gastgebende Patrizierfamilie der Reichlin von Meldeggs! Warum hinterließ der Kaiser gerade in diesem verborgenen und für uns so bescheiden anmutenden Gewölbe sein Signum?

Die Lebenslust in der Antike

Es ist bekannt, dass der Bauherr Andreas Reichlin von Meldegg (ca. 1402-1477) Physikus am bischöflichen Hof und Stadtarzt von Konstanz war und später, versehen mit zahlreichen Privilegien, als solcher in Überlingen praktizierte. Bei der Durchsicht diverser Matrikelverzeichnisse der mittelalterlichen Universitäten stellen wir fest, dass Reichlin zusammen mit dem späteren Kardinal Nikolaus von Kues – während das Konzil in Konstanz tagte – in Heidelberg die freien Künste studierte und beide später in Padua die höheren Fakultäten besuchten, von Kues die Juristische und Reichlin die Medizinische. Gleichzeitig mit den beiden Deutschen studierten und lehrten an der italienischen Eliteuniversität Visionäre, die mit ihren humanistischen, an der Lebenslust der Antike orientierten Ideen das spätmittelalterliche Weltbild revolutionierten.Von Kues beschäftigte sich intensiv mit Kreis, Quadrat und Mittelpunkt als Hilfsmittel zu Aussagen über Gott und sein Verhältnis zum Universum. Seine Stiftung zum Bau des St. Nikolaus Hospitals in seinem Geburtsort Kues an der Mosel besitzt eine quadratische Kapelle und über der Sakristei eine quadratische Bibliothek. Das Gewölbe beider Räume wird von einer Säule im Zentrum gestützt. Es erstaunt, denn in jener Zeit finden sich Einstützenräume meist in Klöstern mit der Funktion von Kapitelsälen. Spannend ist außerdem, dass das Hospital in den 60er-Jahren des 15. Jahrhunderts und damit etwa gleichzeitig wie der Überlinger Palast seines Kommilitonen Andreas Reichlin entstand.Obergeschoss, quadratischer Raum, zentrale Mittelstütze, Gewölbe! Plante Reichlin etwa wie von Kues einen Bibliotheksraum über seiner Kapelle? Was für ein kühner Gedanke für einen Privatpalast, in einer Zeit, in der Bibliotheken gemeinhin noch Bestandteile von Klöstern und Universitäten waren, da ja das Lesen und Schreiben seit der Ausbreitung des Christentums an die Verbreitung der religiösen Schrift gebunden war. Bibliotheksräume entwickelten sich auch in den mittelalterlichen Klöstern erst allmählich. Zum Schutz vor Moder, Feuchtigkeit und Diebstahl ergab sich die Lage im Obergeschoss, meist über der Sakristei oder dem Kapitelsaal. Die feuerfeste Wölbung, wenig Licht und die quadratische Form, entsprechend der Räumlichkeiten darunter, waren weitere Merkmale. Die Bücher lagerten in Schränken oder in Kisten.Erst im ausgehenden Mittelalter wuchs bei den wohlhabenden Patriziern das Interesse daran, kostbare Bücher zu sammeln. Wir müssen lange suchen, bis wir im deutschen Sprachraum auf die ersten Bibliotheksräume außerhalb von Klöstern, gestiftet von privater Hand, stoßen. Interessanterweise wird man hier, außer in dem Hospital in Kues an der Mosel, allein in der Diözese Konstanz fündig und zwar genau zweimal.Der Ulmer Dr. Heinrich Neidhart, ebenfalls Student in Padua und später Konstanzer Domherr, stiftete 1437 im nördlichen Chorturm des Münsters nicht nur eine Kapelle, sondern auch 300 Bücher seiner Bibliothek. Diese sollten in der „Liberye“, einem extra hierfür gebauten Raum, über der Kapelle im Turm aufbewahrt werden. Der Bibliotheksraum war spätestens 1465 erbaut. Noch ein weiterer Konstanzer Domherr, Hans Guldin, Lizenziat der geistlichen Rechte, stiftete im selben Jahr eine Kapelle und eine „Bücherstube“ in seinem Geburtsort Isny. Seine gewölbte, quadratische Bibliothek wurde nach 1470 über der Sakristei der Nikolai-Kirche errichtet und ist heute noch ein besonderes Kleinod. Die Stiftungen von Guldin und Neidhart waren gleichzeitig mit der Stiftung von Kapellen und Pfründen für ein Predigeramt oder eine Kaplanei verbunden. Auch der Medicus Andreas Reichlin von Meldegg stiftete eine Kaplanei. Über die Stiftung einer „Bücherstube“ – wie Neidhart und Guldin es verfügten – gibt es allerdings kein schriftliches Zeugnis. Doch es existiert der geheimnisvolle quadratische, gewölbte Einstützenraum im ersten Obergeschoss über der Kapelle des Überlinger Palastes. Es ist auffallend, dass sich die Wege der genannten Stifter in Konstanz und in Padua kreuzen. Wer oder was weckte in Italien das Interesse der deutschen Frühhumanisten an den zukunftsweisenden Bücherräumen? Waren doch zu Studienzeiten des Heinrich Neidhart, von Nikolaus von Kues und Andreas Reichlin die berühmten Bibliotheksräume der Gonzaga, Montefeltro und Medici noch genauso wenig gebaut wie deren Paläste.Wir müssen nicht lange suchen, denn ein allseits bewunderter Vordenker der Renaissance, Francesco Petrarca, verbrachte seine letzten Lebensjahre in Arquà bei Padua (1369-1374). Petrarcas Büchersammlung ist die erste private Bibliothek, von der man im Mittelalter eine Nachricht hatte. Er bewahrte sie in seinem Studiolo auf.

Das Signum des Kaisers

Die Idee einen eigenen Raum zur Aufbewahrung der privaten Büchersammlung zu stiften, gab es bis dahin in Deutschland außerhalb der Kloster- und Universitätswelt wohl kaum – zumindest ist kein solcher Raum der Wissenschaft bekannt. Woran sollten sich also die Büchersammler für die Gestaltung ihrer Räume orientieren, wenn nicht an den quadratischen Bibliotheksräumen der Klöster? Trotz der traditionell anmutenden Hülle birgt der geheimnisvolle Überlinger Raum offensichtlich eine in jener Zeit bahnbrechende, humanistisch geprägte Idee. Das Signum des Kaisers offenbart, dass Andreas Reichlin sein Gewölbe auch als einen herausragenden Repräsentationsraum nutzte.Das eingangs erwähnte Prachtgewand des Reichlin von Meldegghauses gilt als die erste nachgewiesene Rustikafassade an einem Patrizierhaus nördlich der Alpen. Auch der an den Palast anschließende, große terrassierte Garten mit dem einzigartigen Ausblick ist ein revolutionäres Novum aus der Toskana. Erbaute Reichlin mit dem geheimnisvollen Gewölbe über seiner Kapelle den ersten Bibliotheksraum nördlich der Alpen in einem Patrizierpalast und einen der ersten privaten Bibliotheksräume überhaupt, welche den Anbruch der Renaissance verkörpern?Und das in Überlingen? – Eine Sensation! Was spricht dagegen?

Weitere Literatur, verfasst von der in Überlingen lebenden Autorin und Kunsthistorikerin Marion Harder-Merkelbach: „Das Reichlin von Meldegghaus. Eine Villa in der Stadt nach päpstlichem Vorbild und Bauboom in Überlingen“. In: 1100 Jahre Kunst und Architektur in Überlingen, Petersberg 2005, S. 139-170. – Zu der „Bibliothek“ über der Kapelle: Marion Harder-Merkelbach: „Die Waffenkammer im Überlinger Reichlin von Meldegghaus. Ein revolutionäres Weltbild in traditioneller Hülle?“. In: Leben am See, Bd.31, 2013, S. 183-193. Marion Harder-Merkelbach: „Der Medicus vom Bodensee“. Roman, 2008.

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