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Konstanz Wände, die die Welt bedeuten: Emin Hasirci malt seit über 20 Jahren Graffiti

Werkstattbesuch: Vom LKW-Mechaniker zum internationalen Künstler. Seit über 20 Jahren malt Emin Hasirci Graffiti unter dem Kürzel Rusl

Was wollen Sie noch machen, bevor Sie sterben? Die Antwort können Konstanzer und Touristen auf einer Wand an der Konstanzer Marktstätte mit Kreide festhalten. Die Liebe meines Lebens heiraten, steht da. Den Sinn des Lebens kennen. Harry Potter treffen. Oder Donald Trump, „um ihn einen hässlichen Vogel ins Gesicht zu malen.“ Was ist Emin Hasircis Antwort? „Noch ganz viele Projekte rocken“, antwortet der Konstanzer Künstler, der für die Installation „Before I die, I want to...“ verantwortlich ist. Dabei ist die bisherige Liste an Hasircis Projekten schon ziemlich lange. Wenn man so will, ist vermutlich schon fast jeder Konstanzer und Tourist an einem seiner Werke vorbei gegangen.

Unter der Rheinbrücke zum Beispiel. Dort thront König Sigismund neben der Europaflagge, Papst Martin V. zeigt lässig das Peace-Zeichen und Oswald von Wolkenstein klimpert bei Kerzenlicht auf seiner Laute. Moderne Graffiti-Kunst trifft auf mittelalterliche Geschichte. Für das Konziljubiläum verwandelte Hasirci die graue Unterführung in eine bunte Galerie – im Auftrag der Stadt. Denn Graffiti bedeutet schon längst nicht mehr, dass jugendliche Täter Wände besprühen, die anderen gehören. Unternehmen werben mit Graffiti auf Hauswänden. Städte wie Konstanz bezahlen Sprayer für die Gestaltung von öffentlichen Flächen, weil die Bilder zur Stadtkultur gehören. Street-Art-Künstler wie Banksy sind längst salonfähig und für seine Werke ist die Kunstwelt schon mal bereit, bis zu sechsstellige Summen zu zahlen.

Vom LKW-Mechaniker zum Kommunikationsdesigner

Emin Hasirci kennt das noch anders. Angefangen zu sprayen hat er Anfang der Neunzigerjahre in seiner Heimatstadt Neckarsulm. Im goldenen Zeitalter der Hip-Hop-Kultur, in dem auf den Parties nicht nur gerappt, sondern auch gesprüht wurde, nicht immer ganz legal. Ein bunter Haufen war die Szene, erinnert sich Hasirci. „Und eine Hammer-Zeit“. Nach der Hauptschule macht Hasirci eine Lehre zum LKW-Mechaniker. Weiter zur Schule zu gehen, stand für ihn als Kind türkischer Gastarbeiter erst einmal nicht zur Diskussion. Doch nach der abgeschlossenen Lehre schmeißt Hasirci den Schraubenschlüssel hin und meldet sich an der Realschule an, mit dem Ziel, eine Ausbildung zum Grafik-Designer zu machen. Später studiert er Kommunikationsdesign an der Hochschule in Konstanz. 2015 schließt er seinen Master ab und macht sich mit seinem Studio für Kommunikationsdesign namens „Eminent“ selbstständig.

Neben der beruflichen Ausbildung hatte er aber immer eines dabei: Die Sprühdose. Hasirci macht sich als „Rusl“ einen Namen in der Graffiti-Szene, sprüht längst im Auftrag für Städte, Galerien, Unternehmen, Kunstvereine und auf Festivals. Für viele zeitgenössische Graffiti-Künstler ist er einer der Vorreiter, der die Graffiti-Kunst etabliert hat. Seine Handschrift und seine detailverliebten Buchstaben-Form haben Wiedererkennungswert. 300 sogenannte Rusl-Pieces fertigte er durchschnittlich in einem Jahr auf der ganzen Welt an: In der Schweiz, in Frankreich, Serbien, Spanien, China. Eine Stadt, die ihn besonders beeindruckt hat, war Sevilla. „Tagsüber hatte es 30, 35 Grad. Die Hitze brennt, man kann kaum malen. Erst ab 21 Uhr haben wir los gemalt, die ganze Nacht durch.“

Und dann ist da noch Adana in der Türkei. Dort hat Hasirci seine Wurzeln, die „Roots“, wie er sagt. Hasirici kehrt immer wieder dorthin zurück, wo noch ein großer Teil seiner Familie lebt. In der türkischen Graffiti-Szene gilt Hasirci als Vorbild. „Am Anfang malte dort niemand, ich war der Erste“, sagt er. Inzwischen ist auch dort die Szene gewachsen. „Wenn ich dort runter gehe, merke ich schon: Irgendetwas verbindet mich mit den Leuten. Die Kunst, die Sprache, keine Ahnung. Aber es ist ein gutes Gefühl.“

„Ich liebe diese Ruhe“

Mit 25 Jahren hat er schon 16 Länder gesehen, sagt Hasirci lässig und streichelt Lili. Der flauschige Hundeknäuel springt vom Teppich auf, lehnt sich an die helle Ikea-Couch, schaut zwischendurch aus dem Fenster Richtung Gewächshaus mit Reichenauer Gemüse. „Ich liebe diese Ruhe“, sagt Hasirci. Seine Wohnung ist aufgeräumt, das Bücherregal sauber sortiert, mit vielen Bildbänden in denen Hasirci alias Rusl abgebildet ist. Ihm ist wichtig, dass er nicht nur als Graffiti-Künstler wahrgenommen wird. Überhaupt, Kategorien passen ihm nicht. „Ich kann vieles, nicht nur Buchstaben.“ Er sei gerade dabei, sich neu zu sortieren. Weniger Rusl, mehr Designstudio.

Ist er jetzt Künstler oder Dienstleister? „Kunst ist frei, Design ist zweckgebunden. Ich sehe mich als Dienstleister“, sagt er. Kommunikationsdesign wirkt seriöser, wenn man so will. Bei Graffiti denken viele, dass es ja wohl nicht so schwer sein kann, mal schnell was Cooles an die Wand zu sprühen. Doch ein professionelles Sprüherleben ist teuer, wenn man davon ausgeht, dass allein eine Dose durchschnittlich sechs Euro kostet. Nach 235 Sprühdosen hatte Hasirci die Rheinunterführung zum Konziljubiläum fertig.

Und auch, wenn er sich in Zukunft mehr auf die klassische Sparte des Kommunikationsdesigns, dem Corporate Design, fokussieren will: Ein paar Ideen hätte er da schon noch, wie man die vielen grauen Wände in der Stadt bunter machen könnte. „Es gibt ein paar Plattenbauten, zum Beispiel in der Nähe der Cherisy. An den Fassaden könnte man was machen. Das wäre ne geile Galerie.“


Emin Hasirci

...im schnellen Kurzinterview:

Kaffee oder Tee? Kaffee.

Pinsel oder Laptop? Sprühdose. Oder Bleistift.

Hund oder Katze? Hund.

Berge oder Meer? See.

Konstanz oder New York? Konstanz.

WG oder eigene Wohnung? Eigene Wohnung.

Banksy oder Barbara? Banksy. Barbara kenne ich nicht. (sap)

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