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Karlsruhe Von brutal bis melodiös: Die Musikszene feiert Rihm

In der Regel werden die Jubiläen toter Komponisten ausgiebig gefeiert und die Geburtstage lebender Musiker dezent ignoriert. Aber keine Regel ohne Ausnahme: Zu seinem 60. Geburtstag im März darf sich Wolfgang Rihm über jede Menge Aufmerksamkeiten freuen.

Der in Karlsruhe geborene Komponist Wolfgang Rihm ist in seiner Heimatstadt auch körperlich präsent. Die stattliche Erscheinung des überzeugten Fußgängers ist nicht zu übersehen. Derzeit prangt selbst auf Straßenbahnen sein Charakterkopf. Er wirbt für die diesjährigen Europäischen Kulturtage im März und April, die unter dem Motto „Musik baut Europa“ sein Werk in den Mittelpunkt rücken.

Pünktlich zum 60. Geburtstag des Komponisten, am 13. März 2012, präsentiert das Badische Staatstheater die Uraufführung „Vers une symphonie fleuve VI“ - eine Auftragskomposition für die Stadt Karlsruhe. Aber auch die internationale Musikszene steht den Rest des Jahres ganz im Zeichen Rihms. Er dürfte der derzeit meistaufgeführte lebende Komponist sogenannter „E-Musik“ sein. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht irgendwo auf der Welt eines seiner mehr als 350 Werke gespielt wird.

Rihm hat sein Komponistenhandwerk von der Pike auf gelernt. Im Jahr 1952 geboren, ließ er sich vom obligatorischen Blockflöten- und Klavierunterricht nicht abschrecken. Schon als kleiner Junge schrieb er erste Kompositionen. Eugen Werner Velte nahm den 16-Jährigen in seine Kompositionsklasse an der Karlsruher Musikhochschule auf.

Später hinterließen Vorbilder wie Karlheinz Stockhausen, Wolfgang Fortner und Klaus Huber tiefe Eindrücke. Von großem künstlerischen Einfluss ist für Rihm die Freundschaft zu dem genialen Münchner Komponisten und Lehrer Wilhelm Killmayer (*1927). Ihm hat er viele seiner Werke gewidmet. Mit Killmayer verbindet ihn das Bekenntnis zu einer totalen Freiheit. Während Komponistenkollegen in den 70er Jahren sich noch verbissen ins serielle Korsett zwängen ließen, schockierte bereits der junge Rihm mit einer neuen Expressivität.

Rihms Musiksprache kennt keine Tabus. Das kann mit brutalen Schlagwerkgewittern verstören, um plötzlich in hauchzarte Melodik umzuschlagen. Die kompositorischen Mittel der Avantgarde beherrscht Rihm ebenso virtuos wie traditionelle Techniken. Einer von Rihms Lieblingssätzen: „Unwissenheit hat noch nie Kunst hervorgebracht.“
 Das hat dazu geführt, dass seine Kompositionen den Weg ins Orchester- und Kammermusikrepertoire gefunden haben – und das, obwohl er billige Anbiederei verschmäht. „Crossover“ ist ihm ein Gräuel, „Verbindungsgematsche“, wie er es bezeichnet.

Man kann sich Wolfgang Rihm also als „glücklichen Komponisten“ vorstellen. Das traditionelle Publikum liebt ihn, die Avantgarde-Fans ohnehin. Viele seiner Schüler sind inzwischen selbst erfolgreiche Komponisten. Rihms mehr als 100 Seiten dickes Werkverzeichnis umfasst nahezu alle musikalische Gattungen, von Klavierwerken über Kammermusik bis zu Opern, Balletten und Sinfonien. Und im „Rihm-Jahr 2012“ stehen seine Kompositionen weltweit auf den Programmen. Das reicht vom Leipziger Gewandhaus, über das Festspielhaus Baden-Baden, bis zu Konzerten in New York, Berlin und London.

Diese Weltgewandtheit mischt sich bei Rihm mit Heimatverbundenheit. Er fühlt sich wohl in Karlsruhe, wo er an einer der Hauptverkehrsstraßen wohnt und an der Musikhochschule unterrichtet. „Der Ort wirkt auf die Übersteigerungen der Seele mäßigend“, schreibt er. Für das Weltstädtische hat er aber noch eine kleine Bleibe in Berlin
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