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Kultur Überraschende Sichtweisen

Das Museum im Lagerhaus in St. Gallen zeigt Außenseiterkunst aus der Sammlung Dammann

Else Blankenhorn war überzeugt davon, die Frau Kaiser Wilhelms II. zu sein. Während ihres Aufenthalts im Kreuzlinger Sanatorium Bellevue beginnt sie zu malen. Eines ihrer Bilder erzählt von der Erlösung durch die Kraft der Liebe. Ein strahlend weiß gekleideter Lohengrin sitzt in einem Boot, das die Form eines Schwans hat. Eine große Sehnsucht spricht aus dem Bild des edlen Schwanenritters. Kommt er gefahren, um die psychisch erkrankte Künstlerin zu retten? Oder verarbeitet Blankenhorn Erinnerungen an ihr früheres Leben, als sie, Tochter aus gutem Hause, regelmäßig Theateraufführungen in Karlsruhe besuchte?

Nicht nur Ernst Ludwig Kirchner war von Else Blankenhorns Gemälden begeistert. Auch Gerhard Dammann schätzt die 1920 in Konstanz verstorbene Außenseiterkünstlerin. Dammann arbeitet als Chefarzt am Spital Münsterlingen. Zusammen mit seiner Frau Karin hat er über die Jahre eine hochkarätige Sammlung sogenannter Outsider Art zusammengetragen. 2006 wurde die Sammlung erstmals einer größeren Öffentlichkeit vorgestellt. Nun zeigt das Museum im Lagerhaus in St. Gallen die Neuerwerbungen des Thurgauer Sammlerpaares aus den letzten Jahren. Der Titel der Ausstellung ist bewusst doppeldeutig: „Wahnsinn sammeln“ wirft zum einen die Frage auf, ob es möglich ist, Wahnsinn zu sammeln, zum andern wird selbstironisch angedeutet, dass Sammeln Wahnsinn sein kann.

Dass sich Gerhard Dammann als Psychologe besonders für Kunstwerke interessiert, die von Menschen mit psychischen Problemen gemalt wurden, passt ins Bild. Denn dass die Outsider Art, für die der französischen Künstler Jean Dubuffet auch den Namen „Art brut“ prägte, lange Zeit nahezu ausschließlich Psychiater interessierte, wird in der Ausstellung ausdrücklich thematisiert. In den psychiatrischen Anstalten wurde diese Kunst vor allem zu diagnostischen Zwecken gesammelt, glaubte man doch, in der Kunst Geisteskranker Hinweise auf bestimmte psychopathologische Merkmale zu entdecken. Eine der prominentesten Sammlungen baute der Heidelberger Mediziner Hans Prinzhorn auf. Fünf Bilder aus seiner Sammlung gelangten 2012 in den Besitz Dammanns.

Die Ausstellung in St. Gallen setzt unterschiedliche Schwerpunkte, die es erlauben, einen guten Überblick über die Vielseitigkeit der Außenseiterkunst zu gewinnen. Einem Block mit Arbeiten älterer, inzwischen verstorbener Künstler, die heute als Klassiker der „Art brut“ gelten, stehen aktuelle Beiträge gegenüber. Auch sie wurden von Menschen mit besonderen Lebensumständen geschaffen, wie etwa Michel Nedjar, der aus Lumpen, Plastiksäcken und einem Schuh eine eigenwillige Fetischfigur kreiert hat. Sie scheint verwandt zu sein mit den faszinierenden Gestalten, die der 2012 verstorbene Franz Huemer aus alten knorrigen Wurzeln geschnitzt hat. Akribisch und mit einem gehörigen Maß von Pedanterie geht Martin Erhard ans Werk. Auf mehreren zusammenhängenden Zeichnungen entwirft er eine fiktive, aber genau kartografierte Landschaft, durch die eine Eisenbahnlinie führt. Die Chinesin GUO Fengyi stellt ein rosafarbenes Engelswesen vor, das in Janko Domsics gelben Engel – eine Zeichnung mit Filzstift und Kugelschreiber – seinen Gegenpart findet.

Die Außenseiterkünstler konfrontieren uns immer wieder mit überraschenden Sichtweisen. Einige Arbeiten bestechen mit ihrem (pseudo)wissenschaftlichen Anspruch. So schildert Karl Hans Janke den „Werdegang der ersten Lebewesen“, während Jean Perdrizet Multiplikations- und Additionstafeln präsentiert. Das Prinzip der Wiederholung kennzeichnet die Beiträge mehrerer Künstler, die verschiedene Motive wie Grammophone, Reiter oder Bänke schier endlos aneinanderreihen. Jean Dubuffet schätzte die Ungezwungenheit der Außenseiterkünstler. Sie leben in ihrer eigenen Welt. Eine oft höchst eigentümliche Welt, an der sie uns mit ihren Bildern teilhaben lassen. August Walla, ein Patient der bekannten psychiatrischen Klinik in Gugging, bastelt zum Beispiel einen „Zauberschlüssel“ aus buntem Dosenblech. Er soll, wie ein kleiner, handgeschriebener Zettel erklärt, das Tor zur Ewigkeit aufschließen und ihn als Talisman vor Unglück schützen.

Wahnsinn sammeln – Outsider Art aus der Sammlung Dammann, Museum im Lagerhaus, Davidstr. 44, St. Gallen, Bis 2. März, Di bis Fr 14–18 Uhr, Sa/So 12–17 Uhr

www.museumimlagerhaus.ch

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