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Theater Konstanz spiegelt mit Molière den Besitzstandswahn am Bodensee

Haben ist offenbar doch die größte Lust: Klaus Hemmerle inszeniert „Der Geizige“

Es ist für eine Volkswirtschaft kein gutes Zeichen, wenn Gärten zur begehrtesten Form der Geldanlage aufsteigen. Zu Molières Zeiten griffen Wohlhabende zum Spaten, um ihr Geld hinterm heimischen Rosenbusch zu vergraben. Denn für die Elite war Geld zum Besitzen da, nicht zum Handeln. Die Wirtschaft ging in der Folge den Bach runter. Und welche Menschen ein solches System hervorbringt, ließ sich eindrucksvoll in Molières Komödie „Der Geizige“ studieren: Leute wie den Geschäftsmann Harpagon, der in seiner Skrupellosigkeit und Geldverliebtheit als Vorläufer Dagobert Ducks gelten mag.

In Konstanz zwängt er sich als gewöhnlicher Theaterbesucher (Jörg Dathe) in letzter Sekunde durch die sich schließende Tür, schiebt sich schweißgebadet, keuchend, pustend durch die Reihe bis zu seinem Platz. Glück gehabt: doch nicht verfallen, die teure Theaterkarte! Und solange auf der Bühne nichts passiert, holt er sich bei seinen Platznachbarn schnell noch Anlagetipps ab. Hunderttausend Euro: Was macht man damit? „Dem Theater spenden!“, ruft geistesgegenwärtig einer aus dem Publikum. Da muss sogar der Geizhals im feinen Zwirn Beifall klatschen.

Doch dann schwingt er sich auf die Bühne, auf einen breiten Steg, der an diesem Abend wahlweise als Anlegestelle oder Bootsdeck dient (Bühne: Tilo Steffens). Man möge sich doch nur hier am Bodensee umschauen, ruft Harpagon. Die Immobilienpreise – einfach abartig! Weil die von da drüben alles wegkaufen, diese… na Sie wissen schon. Die Zinsen sind auch im Keller. Bleibt also nur noch eine Anlageoption: Gold. Was zum Anfassen. Und zum Einbuddeln im Garten. Darf natürlich nur niemand drauf kommen, dass es da liegt. Weshalb Harpagon alles tut, um die Menschen am See von diesem Gedanken abzubringen. Er solle bloß nicht herumlügen, sein Geld sei im Garten vergraben, blafft er etwa den Diener seines Sohnes (Thomas Fritz Jung) an. Es werde doch etwa niemand den Gerüchten glauben, er habe eine Geldkassette im Garten liegen? Also der Garten wäre wohl der letzte Ort, an dem er sein Geld verstecken würde!

Dabei scheint sich für diesen ominösen Garten tatsächlich niemand zu interessieren. Die Jugend vom Bodensee jedenfalls lässt es lieber krachen, statt Scheine zu zählen: Partys am nächtlichen Ufer mit Sekt und Musik. Ließe der Alte ihn nur die mittellose Mariane (Elena Weiss) heiraten, würde sich Harpagons Sohn Cléante (Julian Härtner) um die Goldbarren gar nicht kümmern. Und bekäme Tochter Élise (Johanna Link) nur ihren geliebten Valère (Tomasz Robak), wäre auch ihr der ganze väterliche Reichtum schnuppe.

Doch so einfach ist das nicht. Denn Papa geht es gar nicht um sein Gold und Geld. Es geht ihm um das Glück des Besitzens. Haben ist die größte Lust, und genau deshalb will er sich selbst die schöne Mariane angeln, über Valère als Diener verfügen und seinen Kindern am liebsten auch noch den See, das Ufer und die Luft zum Atmen vorenthalten.

Nicht alles an diesem barocken Stoff lässt sich ohne Weiteres ins heutige Südbaden übertragen. Regisseur Klaus Hemmerle erkennt das und macht aus der Not eine Tugend, aus den höfischen Liebesverwirrungen eine Art Nummernrevue mit musikalischer Begleitung (Musik: James Douglas). In dieser zirkushaften Zuspitzung blitzen immer wieder überraschende Fragen auf: Muss ein heiratswilliger Vater bei seiner Brautschau Rücksicht auf den Sohn nehmen? Und ist er wirklich verpflichtet, so einem Lebemann seinen Besitz zu vererben, damit der ihn verschleudern kann? „Meine Jacht? Meinen Liegeplatz? Meine Villa auf der Höri?“

Welches Leben verwerflicher ist, ob eines im Zeichen des Besitzens oder nicht doch vielmehr jenes unter dem Diktat des Konsums: Diese Entscheidung lässt Hemmerle – anders, als Molière es nahe legt – in der Schwebe. Die kluge Übertragung auf lokale Verhältnisse, der Sinn für aktuelle Pointen und der Verzicht auf billige Lacher machen aus dieser federleichten und doch anspruchsvollen, lustigen und trotzdem nachdenklichen Inszenierung ein echtes Theatervergnügen.

Einen großen Anteil daran hat Hauptdarsteller Jörg Dathe. Sein Geizhals ist auf anrührende Weise Gefangener seiner eigenen Lebensmaxime: Wer sein Heil nur im Besitztum sucht, merkt nicht, dass er selbst besessen ist. Julian Härtner gibt einen wunderbar sonnigen Herrn Sohn, Johanna Link überzeugt als trotzige Tochter. Neben Thomas Fritz Jung in der Rolle des raubeinigen Dieners La Fleche ist zwingend auch Bettina Riebesel als herrlich durchtriebene Kupplerin zu erwähnen.

Sein zwischenzeitlich gestohlenes Geld bekommt Harpagon am Ende wieder, die Frau muss er seinem Sohn überlassen. Als Ersatz bietet sich eine exzellente Partie an: reiche Touristin aus der Schweiz. „Na?“, fragt sie keck. „Wie goat’s?“ Doch der Geizhals sucht fluchtartig das Weite: nicht, dass sie ihm noch sein Boot wegkauft.K

Zum Stück

Der Geizige (früher als "Der Geizhals" übersetzt) ist eine Komödie von Molière in fünf Akten und in Prosaform, die am 9. September 1668 im Théâtre du Palais-Royal uraufgeführt wurde. Molière nahm für das Stück Anleihen bei der Komödie Aulularia des römischen Dichters Plautus. In L'Avare wird der Typ des reich gewordenen, aber engstirnig und geizig gebliebenen Bürgers karikiert, der seine lebensfrohen und konsumfreudigen Kinder fast erstickt. Molière (eigentlich Jean-Baptiste Poquelin; am 14. Januar 1622 in Paris geboren und am 17. Februar 1673 ebenda gestorben) war ein Schauspieler, Theaterdirektor und Dramatiker. (sk)

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