Kultur Russisch durch und durch

Gelungener Start am Theater Basel mit Modest Mussorgskis Oper „Chowanschtschina“

Alles neu am Theater Basel: neu sind Intendant Andreas Beck und Operndirektorin Laura Berman; neu sind Obermaschinerie, die 860 Zuschauersessel, Kasse, Toiletten, Belüftung. 72 Millionen Franken kostet der Umbau bis 2018. Fast schon ein Wunder, dass am Premierentag alles klappte. Mit Mussorgskis „Chowanschtschina“ legte die Oper einen gewaltigen Kraftstart hin. Am Ende waren über 100 Personen auf der Bühne, es gab mächtigen Applaus.

In Mussorgskis dramatischer Volksoper (hier in der Schostakowitsch-Fassung mit dem Schluss von Strawinsky) ist alles drin, was unser Russlandbild prägt. Gewalt und Gottesfurcht. Russische Volks- und Kirchenmusik. Altgläubige gegen Bibelreformer und Lutheraner. Putsch gegen den Zar und Selbstzerfleischung der Putschisten. Wie kann man dieses Mammutwerk inszenieren?

Regisseur Vasily Barkhatov, 32, in Moskau geboren, versucht gar nicht erst, durch Regie-Protzerei zu imponieren; er inszeniert keinen Kommentar zur Krimkrise, keinen billigen Putin-Chowanski. Er deutet Aktualität nur an. Bühnenbildner Zinovy Margolin, 1960 in Minsk geboren, verlegt die Handlung in einen Bahnhof mit eisernem Treppenaufgang; hier herrscht von Beginn die Miliz (Kostüme Olga Shaishmelashvili), hier liegen Tote, hier leidet das Volk, hier gibt es keinen (glücklichen) Ausgang.

Der zweite Akt führt zwar hinaus ins Schneegestöber, doch in der Jagdgesellschaft der Putschisten kämpft jeder gegen jeden. Auf der Videoleinwand führen Eisenbahnschienen ins Nirgendwo, rattern rasende Züge, Panzer rollen heran. In der Wartehalle des Bahnhofs harrt man vergeblich auf Erlösung durch Gott. Als alles verloren ist, verabreicht der Pope den Todestrank wie eine Hostie. Die Inszenierung entwickelt subkutan, wie politische Gewalt in religiösen Wahn und Massenselbstmord mündet. Ansonsten verlässt sich Regisseur Vasily Barkhatov sehr zu Recht auf die enorme Qualität des Chors und Extrachors (Leitung Henryk Polus) und auf das stupende Einfühlungsvermögen vom Sinfonieorchester Basel (Gastdirigent Kirill Karabits).

Zu hören sind Sänger der Extraklasse, vorwiegend russischer Provenienz (wie fast der gesamte Stab). Vladimir Matorin beherrscht als Iwan Chowanski die Szene mit seinem mächtigen Bass, ein Brocken von Mann, in den Unmengen Wodka hineinpassen. Ihm stimmlich gewachsen ist der kraftvolle Bass von Dmitry Ulyanow, als Oberhaupt der Altgläubigen ein ebenbürtiger Gegenspieler. Herausragend auch Dmitry Golovnin als Fürst Golizyn, begabt mit einem eloquenten Tenor. Von großer Beweglichkeit ist der lyrische Bariton von Pavel Yankovsky, der den Verräter Schaklowity gibt. In dieser Männer-Oper, wo Frauen wie Emma (Betsy Horne) eine Nebenrolle spielen, brilliert die Bulgarin Jordanka Milkova (als Marfa) mit ihrem Mezzosopran. Einheimische Kräfte wie der Schweizer Rolf Romei (als Chowanski-Sohn) konnten sich daneben durchaus hören lassen. Keine Frage, hier wird beste Qualität produziert; dass die Regie dahinter zurücktritt, ist zu verschmerzen.

Die nächsten Vorstellungen: 25. und 31. Oktober; 2., 4., 6., 8. und 14. November. Karten und Infos:

www.theater-basel.ch

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