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Richard Wagner grüßt die Donaueschinger Musiktage

Das Abschlusskonzert des Festivals mit dem SWR Symphonieorchester unterstrich, wo in diesem Jahrgang die Trends lagen. Eine Bilanz

Halb, halb. Das hätte über den diesjährigen Donaueschinger Musiktagen stehen können. Nicht, weil die Bilanz gemischt ausfiele. Aber weil dieser Jahrgang einer des Übergangs war. Die Uraufführungen waren teils noch von Armin Köhler initiiert worden, teils aber schon von dessen Nachfolger Björn Gottstein. Und das neu fusionierte SWR Symphonieorchester ist auch noch eines, das aus zwei Hälften besteht, einer Freiburger und einer Stuttgarter. Weil sie ein ziemlich großes Ganzes ergeben (es soll durch natürliche Fluktuation irgendwann auf seine endgültige Größe mit 119 Planstellen geschrumpft sein), spielte die eine Hälfte das Eröffnungskonzert, die andere das Abschlusskonzert. Im Hinblick auf die Stuttgarter Musiker, die in Sachen Neuer Musik noch nicht dieselbe Erfahrung haben wie die Freiburger, ist das auch vernünftig so.

Eine weitere vernünftige Entscheidung war die, den Orchesterpreis, mit dem das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg immer das beste der von ihm aufgeführten Werke des Festivals gekürt hatte, in diesem Jahr ruhen zu lassen. Das Orchester müsse erst einmal zueinander finden, bevor es über einen gemeinsamen Preis nachdenkt, hieß es. Es wäre auch wenig sinnvoll gewesen, sich auf ein Werk einigen zu wollen, das nur eine Hälfte der Musiker erarbeiten und entsprechend intensiv kennenlernen konnte.

Halb, halb. Auch stilistisch kann man hierin eine Bilanz ausmachen. Werke mit Referenzen an lärmige Noise Music, an Rock und Schlager stehen dem Trend gegenüber, sich auch mal wieder in (mehr oder weniger konterkarierten) Wohlklang fallenzulassen. Beim Abschlusskonzert mit dem SWR Symphonieorchester kam beides noch einmal zum Ausdruck.

Franck Bedrossians "Twist" stand dabei für die Noise-Richtung. Das erstaunte insofern, als der Franzose vor einigen Jahren den Orchesterpreis für das Werk "itself"erhalten hatte, das durch ein dichtes und fein gewirktes Klangbild überzeugte. Davon ist das lärmige "Twist" weit entfernt. Es wird stark von der elektronischen Zuspielung dominiert. Gleichwohl überzeugt auch hier die überbordende Klangphantasie des Franzosen.

Georg Friedrich Haas' Konzert für Posaune und Orchester fiel der Kategorie "Wohlklang" zu. Der Österreicher wagt sich hier weit vor. Im ersten, klangbadartig auf- und abwallenden Teil grüßt Richard Wagner so derartig unverhohlen, dass es fast schon wieder trotzig wirkt. Haas' Markenzeichen, die Mikrointervallik, kommt hier noch nicht so deutlich zu tragen wie im Mittelteil mit dem ausgedehnten Posaunensolo (Mike Svoboda). Insgesamt dürfte das neue Haas-Werk eines seiner affirmativsten sein. In Auftrag gegeben wurde es noch von Armin Köhler, der selbst Posaunist war. Es war als Schlusspunkt seiner Intendantentätigkeit in Donaueschingen gedacht. Doch sein Tod kam dem zuvor.

Ein Dauerleid, mit dem Musiker der Neuen Musik zu kämpfen haben, sind die knapp vor Schluss eingereichten Uraufführungspartituren, die dann unter Hochdruck einstudiert werden müssen. In diesem Jahr wurde Marco Stroppa erst gar nicht fertig mit seinem Stück. Es wurde daher durch Elliott Carters "A Symphony of Three Orchestras" ersetzt. Das bereits 1976 komponierte Werk hat nichts an Aktualität eingebüßt, obwohl es ohne Elektronik und ohne ein erweitertes Repertoire an Spieltechniken auskommt. Der Amerikaner, der sich gerne auf Charles Ives als Vorbild berief, teilt das Orchester hier in drei Gruppen. Eine komplexe Struktur ist damit vorgezeichnet. Und doch kommt die Musik elegant und poetisch daher. Es ist Wohlklang auf eine ganz andere Art und Weise.

Überhaupt: die klassischeren Ansätze der Neuen Musik sollten über den Versuch, die Trends des Festivals zu benennen, nicht übergangen werden. Auch hier kann das Ergebnis so oder so ausfallen. An dem einen Ende der Skala steht da Wieland Hobans "Urðarbrunnr" – das akademischste und überflüssigste Stück des Festivals -, am anderen Ende aber Rebecca Saunders "Skin", ein klangfarblich fein austariertes Werk für Sopran (Juliet Fraser) und 13 Instrumente. In eine eigene Kategorie wiederum fällt Peter Eötvös' opernhaftes Stück „Sirens Cycle“ für Koloratursopran (Audrey Luna), Streichquartett (Calder Quartett) und Elektronik (IRCAM).

Was in diesem Jahr fehlte, waren multimediale Ansätze. Videoprojektionen, die manche Jahre geradezu dominierten, blieben außen vor. Formal gesehen war es eine konservative Ausgabe. Ob das Zufall war oder Konzept – die nächsten Jahre werden es zeigen.

.Die gesamte Berichterstattung mit Klangbeispielen vom Festival finden Sie hier: www.sk.de/exklusiv

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