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Kunst Otto Dix und der Isenheimer Altar – sehenswerte Ausstellung in Colmar

Das Musée Unterlinden in Colmar zeigt das Werk von Otto Dix vor Matthias Grünewalds Isenheimer Altar, der dem Künstler als Vorbild diente. Das muss man gesehen haben, sagt SÜDKURIER-Redakteur Siegmund Kopitzki

Es ist ein Wallfahrtsort der Kunst, das Musée Unterlinden im elsässischen Colmar. Hier hängen Meisterwerke von Martin Schongauer, großartige Bilder von Lucas Cranach – und hier, in der ehemaligen gotischen Klosteranlage, wird auch ein anderes Juwel ausgestellt: Matthias Grünewalds Isenheimer Altar, ein Werk, das mit Ikonen der Kunstgeschichte wie Jan van Eycks Genter Altar oder dem Mailänder Abendmahl von Leonardo da Vinci verglichen wird.

Seit 1853 beherbergt das Museum den Flügelaltar, zu dem Grünewald Bilder und Niklaus von Hagenau Figuren geliefert hat. Ursprünglich war das zwischen 1512 und 1516 entstandene Wunderwerk für die Antoniterkirche im Dörfchen Isenheim bei Colmar geschaffen worden. Die Mönche des dortigen Klosters führten Kranke vor den Altar, um ihnen zu zeigen, dass Jesu' Leid größer war als ihr eigenes, aber auch, um den ebenso dargestellten heiligen Antonius anzurufen.

Wer sich hinter Matthias Grünewald (1475/80-1528) verbirgt, ist unklar. Schon sein Name gibt Rätsel auf: Mathis Gothard Nithard alias Grünewald. In einer seiner Zeichnungen wird er Mathis von Ossenburg genannt. Tatsächlich ist nicht Würzburg, seine Geburtsstadt, sondern Aschaffenburg der Ort, in dem der Meister am längsten gelebt hat (1504-1526). Unterbrochen wurde diese Strecke durch den Aufenthalt in Straßburg – am Oberrhein führte er den Auftrag zum Isenheimer Altar aus. Weitere Stationen sind Frankfurt, Mainz und Halle. Hier starb er.

Dass Grünewalds Begabung Ende des 19. Jahrhunderts entdeckt wurde, verdankt sich dem Franzosen Joris-Karl Huysmanns, der die Zeitgenossen wachrüttelte: "Zermalmte Arme an ausgerenkten Schultern; das Fleisch an den Muskeln ausgehöhlt, als hätten da dicke Stricke gerissen, es knirscht wie gebrochene Knochen – und hoch mit schreienden Fingern große gespenstige Hände, Hände, die fluchen wollen und Segen stammeln." Huysmanns war nicht der Einzige, der auf die naturalistischen Kreuzigungen Grünewalds reagierte, doch seine Worte über das dargestellte Elend und die Qual des Gekreuzigten wirkte nachhaltig.

Huysmann beschrieb Grünewalds Tauberbischofsheimer Altar (1524). In der Drastik steht der Isenheimer Altar diesem Werk nicht nach. Auch hier legt der Künstler den Finger in die Wunde. Er stellt die Passion so realistisch dar, fast abstoßend brutal, dass sie den Betrachter mitten ins Herz trifft. Er malte den gemarteten Körper aschfahl, mit einem Lendentuch kaum verhüllt, mit Dornen übersät, mit verkrampften Fingern und verzerrten Füßen.

Die von Huysmann begutachteten "schreiende Hände", von denen viele Aufnahmen kursierten, entwickelten sich bald zu einem Stilmerkmal expressionistischer Kunst. Wie überhaupt Grünewald zur Leitfigur von Künstlern wie Max Beckmann und Otto Dix wurde; für Paul Klee war er "ein ganz Wilder".

Eine Ausstellung der Galerie Aschaffenburg stellte 2003 folgerichtig die Rezeption Grünewalds in den Mittelpunkt; und auch das Museum Unterlinden dokumentierte gemeinsam mit der Kunsthalle Karlsruhe vier Jahre später in einer Ausstellung das Nachbeben Grünewalds in der Moderne.

Dass das Musée Unterlinden jetzt den Fokus allein auf Dix und den Isenheimer Altar richtet, hat gute Gründe. Im Frühjahr 1945 geriet der Soldat Dix in französische Gefangenschaft und wurde in Logelbach bei Colmar interniert. Der Kommandant des Lagers erkannte den Maler, dessen Werke von den Nazis als entartet gebrandmarkt waren, und gewährte ihm erleichterte Haftbedingungen. Insgesamt entstanden bis zur Rückkehr von Dix im Februar 1946 etwa 50 Zeichnungen und 25 Gemälde, darunter sein letztes Triptychon "Madonna vor Stacheldrat" (1945). Und der Künstler stand mehrfach vor dem Isenheimer Altar – "ein gewaltiges Werk von unerhörter Kühnheit und Freiheit", schrieb er im Herbst 1945 an seine Frau Martha nach Hemmenhofen auf der Höri, wo Dix seit 1936 lebte.

Das Musée Unterlinden besitzt mit acht Bildern eine der größten Werkgruppen des Künstlers in Frankreich – wo Dix noch kein großer Name ist. Zudem wird in diesem Jahr der 125. Geburtstag des Malers gefeiert. Und schließlich wird mit "Otto Dix – Isenheimer Altar" der neue Ausstellungssaal des im Frühjahr vollendeten und um 4000 Quadratmeter erweiterten Museums eingeweiht. Aber wichtiger bei alledem ist – der Einfluss des Altarmalers Grünewald auf Dix.

Der wird schon in der ersten expressionistischen Phase von Dix sichtbar. Auf der "Pietà" (1910) ist der Gekreuzigte mit aufgebrochenen Pestbeulen abgebildet – wie bei Grünewald –, der von einer verzweifelten Mutter in den Armen gehalten wird. Noch im Spätwerk, in dem sich Dix von der altmeisterlichen Lasurtechnik verabschiedete, um zur all-prima-Technik seiner Anfänge zurückzukehren, malte er – in der "Geißelung Christi" (1948) – einen gemarterten Christus. Dix selbst benannte seine Inspirationsquelle in einem Brief von 1943 an Ernst Bursche: "Es ist kaum möglich für mich, über Grünewald-Einflüsse hinaus zu kommen". Ab den 1950er-Jahren tauchen die Bezüge zum Isenheimer Altar selten im Werk des Künstlers auf, trotzdem blieben sie bis zu seinem Tod bestehen.

Die Kuratorin der Ausstellung, Frédérique Goerig-Hergott, hat 100 Werke von Dix aus aller Welt, aber auch aus der Region zusammengetragen – Singen etwa steuert den Farbentwurf für das Wandbild "Krieg und Frieden" (1960) bei, Friedrichshafen das Gemälde "Der Heilige Lukas malt die Madonna" (1943). Neben berühmten Werken wie "Flandern" (1934/36), sind auch weniger bekannte und noch nie öffentlich gezeigte Bilder des Künstlers ausgestellt. Man muss das sehen, vor Ort.

"Die Leute stehen schweigend, Kunsthistoriker sagen Grünewald", notierte der Kunstprofessor Alfred Salmony über das verschollene Dix-Gemälde "Schützengraben" (1923). Der Krieg war für den Wirklichkeitsmenschen Dix, der 1914 freiwillig an die Front ging, die wichtigste Erfahrung seines Lebens, die sich in vielen Werken und Zyklen ("Der Krieg", 1923) niedergeschlagen hat. Das Kreuzigungsmotiv steht daher auch für die Grausamkeit der Zeit, die sich in den beiden Weltkriegen und bitteren Vor- und Nachspielen äußerte. Mit der Darstellung des Triptychons "Der Krieg" (1929/32), erreicht das Grauen der von Granaten zerfetzten Soldatenkörper und der ikonografische Einfluss des Isenheimer Altars seinen Höhepunkt. Leider zeigt Colmar nur eine Reproduktion des Bildes, das Original hängt in der Galerie Neuer Meister in Dresden. Auch eine Reise wert.

 

"Otto Dix – Isenheimer Altar": bis 30. Januar 2017. Öffnungszeiten: Montag und Mittwoch 10 bis 18 Uhr, Donnerstag 10 bis 20 Uhr, Freitag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr. Internet: www.musee.unterlinden.com

 

Zur Person

Otto Dix wurde 1891 in Untermhaus bei Gera geboren, er starb 1969 in Singen am Hohentwiel. Besonders der Erste Weltkrieg, den der Künstler an der Front erlebte, hinterließ in seinem Werk tiefe Spuren. Schon früh hatte Dix das Werk von Matthias Grünewald (1475/80-1528) kennengelernt. Es wurde ihm zum Vorbild, zumal dann, wenn er biblische Motive darstellte. Während seiner Kriegsgefangenschaft (1945/46) im Elsass besuchte Dix Grünewalds Isenheimer Altar im Musée Unterlinden in Colmar. Die aktuelle Ausstellung beleuchtet mit 100 Werken das Verhältnis von Dix zum großen Werk von Grünewald. Zu sehen ist auch "Der heilige Lukas malt die Madonna".

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