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Kino Neu im Kino: "Das kalte Herz" – Entscheidung zwischen Geld oder Liebe

Die hochkarätig besetzte Verfilmung von Wilhelm Hauffs Schwarzwald-Märchen „Das kalte Herz“ ist eine Parabel über die Gier. Der Film, der unter anderem in Loßburg und am Schluchsee entstanden ist, ist in jeder Hinsicht großes Kino, findet unser Kritiker Tilmann P. Gangloff

Als der Schwabe Wilhelm Hauff vor knapp 200 Jahren sein Märchen „Das kalte Herz“ veröffentlichte, war die Industrielle Revolution bereits in vollem Gange. Obwohl der Schwarzwald damals wie heute fernab von den großen Wirtschaftszentren lag, bekamen die Menschen auch dort zu spüren, dass sich etwas änderte. Der Beruf des Köhlers zum Beispiel war nicht mehr zeitgemäß; Kohle wurde in großem Stil in Bergwerken abgebaut. Es ist also kein Zufall, dass Hauff einen Kohlebrenner zum Helden seiner düsteren Erzählung machte. Weil Köhler-Sohn Peter (Frederick Lau) mit seinem Dasein unzufrieden ist, sucht er eines Tages das Glasmännlein (Milan Peschel) auf, einen Waldgeist, der Sonntagskindern drei Wünsche erfüllt. Der junge Mann wählt seine Wünsche allerdings nicht besonders klug, sodass er bald wieder mit leeren Händen da steht.

Nun wendet er sich an den Holländer-Michel (Moritz Bleibtreu), einen finsteren Unhold, der auf einer Gegenleistung besteht: Man muss sein Herz gegen einen Stein eintauschen. Stolz präsentiert er seine Sammlung: Jeder, der es im Schwarzwald zu Macht und Reichtum gebracht hat, zählt zu seinen Kunden. Peter, der das alles in Kauf nimmt, um der schönen Glasmacher-Tochter Lisbeth (Henriette Confurius) ein angemessenes Leben bieten zu können, wird von einem Tag auf den anderen hartherzig – und verliert Lisbeths Liebe.

Im Unterschied zu den ungleich bekannteren Geschichten der Gebrüder Grimm ist „Das kalte Herz“ kein typisches Kindermärchen; und deshalb ist auch die jüngste Verfilmung kein Kinderfilm. Interessanterweise orientiert sich Johannes Nabers Adaption allerdings weniger ans Hauffs Vorlage, sondern an Paul Verhoevens Defa-Werk aus dem Jahr 1950, das damals den Start der äußerst erfolgreichen ostdeutschen Kinderfilm-Tradition markierte. Gleiches hatte schon für Marc-Andreas Bocherts im Jahr 2014 ausgestrahlte Märchenverfilmung fürs ZDF gegolten – beide Filme wirken daher wie ein Remake des DDR-Klassikers, zumal sie wie dieser auf die religiösen Elemente der Vorlage verzichten und dafür als Parabel über die Gier unverhohlene Kapitalismus-Kritik betreiben.

Während sich der ZDF-Film an die ganze Familie richtete, hatte Naber ein mindestens jugendliches Publikum vor Augen – selbst wenn es seiner etwas konventionellen Inszenierung aus Sicht der von Hollywood verwöhnten Zuschauer an Tempo und Raffinesse mangeln dürfte. Das war schon beim Kammerspiel-Drama „Zeit der Kannibalen“ so; die Kapitalismus-Satire lebte von der Geschichte und den Schauspielern. Dieses Mal kommt eine herausragende Bildgestaltung dazu: Kameramann Pascal Schmit hat bei der Beleuchtung offenbar konsequent auf künstliches Licht verzichtet, sodass viele Szenen im Zwielicht spielen. Die Nachtaufnahmen erinnern an die Gemälde des Romantikers Caspar David Friedrich, eines Zeitgenossen von Wilhelm Hauff.

Die fast noch größere Faszination des Films liegt jedoch in der Welt, die Naber geschaffen hat. Dank einer mutigen Mischung aus historischer Authentizität und eigener Fantasie haben Ausstattung und Kostüm den Schwarzwald gewissermaßen neu erfunden. Während die Waldgeister bei Hauff die Kleidung der verschiedenen Stände widerspiegeln, präsentieren sie sich hier mit einer Körperbemalung, die Naturvölkern nachempfunden wurde. Die typischen Schwarzwald-Bilder sind in Loßburg und am Schluchsee entstanden, die Szenen mit dem Glasmännlein und dem Holländer-Michel im sächsischen Elbsandsteingebirge. Das Dorf wurde auf dem Studiogelände in Babelsberg errichtet. Die Musik (Oliver Biehler) wurde vom Filmorchester Babelsberg eingespielt. Auch die gezielt eingesetzten Effekte erfüllen höchste Ansprüche. Endgültig großes Kino wird „Das kalte Herz“ durch die namhafte Besetzung selbst kleiner Nebenrollen.

 

Abspann

Genre: Märchenfilm

Produktionsland: Deutschland 2016

Buch: Johannes Naber, Christian Zipperle, Andreas Marschall, Steffen Reuter

Regie: Johannes Naber

Darsteller: Frederick Lau, Henriette Confurius, Moritz Bleibtreu

Verleih: Weltkino

Länge: 119. Minuten

FSK: ab 12 Jahren

Das Fazit unseres Kritikers: Prominent besetzter und großartig fotografierter Märchenfilm für Erwachsene.

 

„Das kalte Herz“

„Das kalte Herz“ ist eines der bekanntesten deutschen Märchen und eines der bedeutenden literarischen Werke der Spätromantik. Es erschien 1827 und spielt im Schwarzwald. Geschrieben hat es der schwäbische Schriftsteller Wilhelm Hauff (1802-1827). Es erzählt vom Schwarzwälder Köhler Peter Munk, der sein Herz verkauft und es gegen ein Herz aus Stein austauscht, um reich zu werden – damit aber ins Unglück stürzt. Das Märchen wurde mehrfach verfilmt. 1924 entstand der erste gleichnamige Spielfilm, weitere folgten. 1950 wurde aus dem Märchen eine der erfolgreichsten Kinderfilmproduktionen der DDR.

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