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Kultur Nach den Wahlerfolgen für die AfD: Bekommen wir wieder "Weimarer Verhältnisse"?

Seit Wochen geistern Vergleiche der aktuellen Lage mit der Weimarer Republik durch die Presse. Das ist ziemlich abwegig – bis auf eine überraschende Parallele, hat SÜDKURIER-Kulturchef Johannes Bruggaier recherchiert.

CDU-Urgestein Heiner Geißler sieht sie schon kommen. SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann warnt vor ihnen. Und auch die AfD-Vorsitzende Frauke Petry erspürt sie schon: die „Weimarer Verhältnisse“. Zwar hat es eine strukturelle Annäherung an die Weimarer Republik in den vergangenen Jahren nicht gegeben. Die Lehren aus den Fehlern der Reichsverfassung sind nach wie vor im Grundgesetz verankert: etwa die Fünf-Prozent-Hürde für eine leichtere Regierungsbildung, der Schutz von Grundrechten vor Notverordnungen oder auch die Möglichkeit, diese Grundrechte vor einem Verfassungsgericht einzuklagen. Und doch ist plötzlich wieder von einer zersplitterten Parteienlandschaft und gesellschaftlicher Spaltung die Rede.

Kai Diekmann, ehemaliger Chefredakteur der Bild-Zeitung, twitterte noch am Abend der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt ein Balkendiagramm: das Ergebnis der Reichtstagswahl von 1930 weist in Teilen frappierende Ähnlichkeiten zu den Prozentzahlen in Magdeburg auf, jedenfalls dann, wenn man etwa die Vergleiche von AfD mit NSDAP und Linkspartei mit KPD für angemessen hält. Sind die „Weimarer Verhältnisse“ durch eine Hintertür zurückgekehrt?

Auseinandersetzung zwischen liberalen und autoritären Politikmodellen

Sven Reichardt, Professor für Zeitgeschichte an der Universität Konstanz, warnt vor voreiligen Schlüssen. Historische Parallelen zu ziehen, sei verlockend, könne aber in die Irre führen. „Anders als in der Weimarer Republik gibt es heute nicht mehr die Spannung zwischen Rechts- und Linksradikalen – die Linkspartei hat ja bei den jüngsten Wahlen kaum eine Rolle gespielt. Primär geht es heute um eine Auseinandersetzung zwischen liberalen und autoritären Politikmodellen.“

Diekmanns Vergleich von AfD und NSDAP sei oberflächlich: „Im Unterschied zur AfD waren die Nationalsozialisten nicht nur thematisch breiter aufgestellt. Im Zentrum ihrer Politik stand ein gewaltsamer Antisemitismus, Antikommunismus und Rassismus. Die Fremdenfeindlichkeit in der AfD erreicht nicht annähernd diesen Radikalitätsgrad.“

Wenn heute eine Zersplitterung der Parteienlandschaft beklagt werde, so sei das im Vergleich zur Weimarer Republik ein Jammern auf hohem Niveau. Grundsätzlich habe sich die Fünf-Prozent-Hürde bewährt, ein bisschen mehr Pluralismus sei doch nur zu begrüßen.

Auch in der Weimarer Republik gab es eine Flüchtlingskrise

Und doch: Es gibt Parallelen, ganz erstaunliche sogar. Erstaunlich deshalb, weil es ganz andere sind als die vermeintlich Naheliegenden wie Radikalisierung und Zersplitterung der Parteienlandschaft. Denn was im öffentlichen Bewusstsein kaum verankert scheint: Auch in der Weimarer Republik gab es eine Flüchtlingskrise – sogar in einem größeren Ausmaß als die gegenwärtigen Migrationsbewegungen. 2,5 Millionen Russen, sagt Reichardt, seien infolge der Oktoberrevolution ins deutsche Reich geflohen. Zusätzlich habe das Land schon damals die Integration von 250 000 Muslimen bewältigen müssen, die aus unterschiedlichsten Gründen ins Land gekommen waren.

Was heute die Angst vor dem islamistischen Terrorismus ist, war in der Weimarer Republik die Sorge vor einem Übergreifen der kommunistischen Revolution. Dass die Flüchtlinge sich selbst als Opfer des Kommunismus sahen, wollten viele Bürger nicht wahrhaben. Die Ähnlichkeit zu heute verbreiteten Ressentiments gegenüber syrischen Kriegsflüchtlingen liegt auf der Hand.

Ohnehin scheint es, dass die Erinnerung an Weimarer Verhältnisse ein mehr kulturell denn politisch bedingtes Phänomen ist. Die Tageszeitung „Die Welt“ hat vor kurzem „Stichproben aus der Kultur der Zwanzigerjahre“ entnommen und dabei Stoffe gefunden, die sich zum Teil wie ein Kommentar auf die Gegenwart lesen. Von Oswald Spenglers „Untergang des Abendlandes“, einer akademischen Vorlage für die Pegida-Bewegung, über Sigmund Freuds „Unbehagen an der Kultur“ bis zu Erich Kästners Roman „Fabian“ („Fabian arbeitet bei der Lügenpresse“): Der Buchmarkt am Vorabend des Dritten Reichs strotzte nur so vor Auseinandersetzungen mit den Erscheinungsformen einer zersplitterten Gesellschaft. Spiegelt sich in den Bestsellern der Vergangenheit die Zerrissenheit der Gegenwart?

Der Konstanzer Literaturwissenschaftler Matthias Schöning warnt auch hier vor einer Gleichsetzung. Die Wendung „Untergang des Abendlandes“ etwa sei längst ein bloßes Schlagwort für Missstände aller Art geworden, das reiche von der Angst vor Islamisierung bis zu Rechtschreibschwächen deutscher Schüler: Spenglers Thesen selbst dagegen spielten kaum noch eine Rolle. Wenn das „Abendland“ plötzlich eine ungeahnte Renaissance erlebt, dann sei das lediglich der Sehnsucht nach „Großbegriffen“ geschuldet, unter denen sich eine durch und durch individualisierte Gesellschaft wieder versammeln kann: „Bis zuletzt ist das Thema unserer Zeit die Individualisierung gewesen – jetzt versucht man plötzlich wieder, ein Kollektiv zu bilden.“

Manche versuchen, ein Kollektiv zu erhalten. Botho Strauß etwa, der sich als „letzter Deutscher“ fühlt. Oder Peter Sloterdijk, der sich angesichts eines angeblich verbreiteten „schlechten Lesens“ und „Nuancen-Mords“ eine lektürefähige Gesellschaft zurückwünscht. Für Schöning kommen darin zwei Phänomene zum Ausdruck. Zum einen das Phänomen der Trauerarbeit: „Eine ältere Generation blickt auf eine veränderte Welt und stellt fest, dass das nicht mehr die ihre ist.“ Zum anderen treffe die These vom „Nuancen-Mord“ durchaus ein Unbehagen, das geradezu im Widerspruch zu den Verhältnissen in der Weimarer Republik steht. Sloterdijk spiele schließlich darauf an, dass es einen ausgeprägten Konsens darüber gebe, was man sagen darf und was nicht. In der Weimarer Republik habe es weder einen solchen Konsens selbst gegeben noch dessen Behauptung: „Damals gab es ein breites Feld sehr pointierter, nuancierter, radikaler Kulturen. Davon sind wir heute weit entfernt.“

Einst war der politische Streit das Problem – heute ist es der politische Konsens. So zeigt sich in der Kultur, dass bei Weitem nicht alles, was an Weimarer Verhältnisse erinnert, auch tatsächlich deren Wiederkehr bedeutet: Oft speist sich die Erinnerung aus dem exakten Gegenteil.

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