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Salem Musik für Liebhaber

Nach den Diskussionen um ihr neues Album geben sich die Söhne Mannheims in Salem bewusst unkontrovers. Ihr Publikum möchte sowieso lieber Balladen hören

Es passiert am Ende von „Power of the Sound“. Trotz seiner beachtlichen Statur hat sich Rolf Stahlofen mit seinen Gesangskollegen Marlon B. und Henning Wehland gerade ein Wettrennen im Auf-der-Stelle-Strampeln geliefert. Als der Schlussakkord verhallt, wendet sich ein durchgeschwitzter Stahlofen an das Publikum: „Wir sind die Söhne Mannheims. Wir sind aus den USA, Deutschland, Zimbabwe – wir haben Familie in Ghana, Algerien und Indien. Und wir lassen uns vor keinen Karren spannen.“ Donnernder Applaus ist die Antwort, als er ergänzt: „Wir haben unseren einen eigenen Karren und der ist gefüllt mit Liebe und Respekt.“

Stahlofens Bekenntnis zur Toleranz kommt in der Mitte des zweistündigen Auftritts. Es tut dem Abend gut. Denn trotz der Aussicht auf bestes Open-Air-Wetter und ein beinahe ausverkauftes Konzert vor der Prachtkulisse des Schloss Salem, hatten die Schlagzeilen um das neue Album der Söhne Mannheims die Vorfreude auf den Auftritt getrübt. Angesichts möglicher Reaktionen auf die von vielen als rechtspopulistisch interpretierten Textzeilen des Protestlieds „Marionetten“ hatte die Polizei Konstanz sogar von einer erhöhten Sicherheitslage gesprochen.

Wer am Freitagabend am Konzertgelände ankommt, kann von diesem Gefahrenpotenzial allerdings nur wenig erkennen. Statt einer Meute fahnenschwingender Reichsbürger findet sich nach und nach ein bunt gemischtes Publikum aller Altersgruppen auf der Wiese vor dem Schloss ein. Arbeitskolleginnen um die 35 Jahre gönnen sich einen Feierabend-Radler. Neben ihnen im Gras: junge Hip-Hop Fans mit schrägsitzender Kappe und weiten Hosen. Wiederum ein Stück dahinter sucht ein schick gekleidetes älteres Ehepaar nach dem passenden Platz. Selbst Kinder im Grundschulalter sind direkt vor der Bühne auszumachen.

Als der Auftritt gegen 21 Uhr beginnt, erheben sich die Zuschauer. Die zwölfköpfige Formation eröffnet mit dem optimistischen „So wird es geschehen“. Aber schnell macht Xavier Naidoo – normalerweise der Wortführer der Gruppe – klar, wie wenig ihm nach Aufwiegelei zumute ist. Nach den beiden Auftaktliedern überlässt er erst einmal seinen fünf Mitsängern die Bühne. Als er zurückkommt, lobt er deren Performance: „Ich hab’ gerade von der Seite aus zugesehen und ich fühl mich fast wie ein stolzer Vater.“ Ganz der rücksichtsvolle Papa, macht er das Publikum kurz darauf auf den Sonnenuntergang aufmerksam, der den Himmel im Rücken der Zuschauer in prächtiges Lila taucht. Als sich der Sänger gegen 23.15 Uhr verabschiedet, wird er allen einen sicheren Nachhauseweg wünschen.

Dazwischen liegen zwei Stunden, in denen die Söhne in rotierenden Gesangs-Besetzungen ihre stilistische Vielfalt unter Beweis stellen. Mit einer versierten Band im Rücken zeigen die Mannheimer, dass sie sich nicht nur mit Pop und Soul, sondern auch mit Rock, Funk und Dancehall auskennen. Spätestens als die Sänger bei „Lieder drüber singen“ in roten Nebel gehüllt salvenartige Rap-Parts hin- und herfeuern, haben sie die Zuschauer auf ihrer Seite.

Als die Mannheimer wenig später die langen Mikrofonständer auf die Bühne holen und die Balladen „Vielleicht“ und „Das hat die Welt noch nicht gesehn“ anstimmen, reckt das Publikum reflexartig die Handys in den dunklen Abendhimmel. Es sind eben diese Songs aus den Neuziger- und Nuller-Jahren, an die man sich nach dem Auftritt erinnern möchte. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass die Gruppe auf den kontroversen Song „Marionetten“ lieber verzichtet.

Der Höhepunkt des Abends ist dann erreicht, als Naidoo mit Sangesbruder Claus Eisenmann zum Keyboard schlendert, wo Florian Sitzmann die Anfangstöne von „Und wenn ein Lied“ erklingen lässt. „Und wenn ein Lied meine Lippen verlässt, dann nur damit du Liebe empfängst“, singt Naidoo mit leicht gebrochener Stimme und der ganze Innenhof stimmt mit ein. Naidoo und Eisenmann verstummen und lauschen, während Salem sich selbst ein Liebeslied singt. Spätestens in diesem Moment wird deutlich: Ihr Publikum schätzt die Söhne Mannheims nicht etwa wegen ihrer kontroversen Attitüde. Im Gegenteil: Es liebt sie viel eher für ihr harmonisches Gespür. Beim Salem Open Air beweisen Xavier Naidoo und seine Kollegen, dass sie diese sanften Töne auch nach über zwei Jahrzehnten im Musikgeschäft immer noch beherrschen wie wenige sonst.

Fotos vom Konzert finden Sie aufwww.suedkurier.de/bilder

Der Problemsong

Kritiker werfen Xavier Naidoo vor, im Songtext von „Marionetten“ rechtspopulistische Theorien zu bedienen. Jan Rathje von der „Amadeu Antonio Stiftung“ sagt, dass der Sänger schon früher darauf hingewiesen habe, dass jeder Staat sein Feind sei. „Auch sein positiver Bezug zu Oliver Janich (Klimaskeptiker und Verschwörungstheoretiker, Anm. d. Red.), lässt vermuten, dass er im Bereich rechtslibertärer Verschwörungsklüngel einzuordnen ist.“

.So berichteten wir über die Diskussion um den Song „Marionetten“: www.sk.de/exklusiv

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