Luther Luther aufs Maul schauen (24): Hinweg mit den Floskeln! (Passion 3)

Martin Luther hat nicht nur die Kirche reformiert, sondern in Teilen auch unsere Sprache. In unserer Kolumne zeichnen wir seinen Einfluss nach

Die Wochen vor Ostern sind eine besondere Zeit: Die einen kaufen Marzipan-Hasen und süßen Stuten im Supermarkt, die anderen fasten, und manche betonen sogar: „Das hat nichts mit Religion zu tun“; einige wenige hören Johann Sebastian Bachs Matthäus-Passion.

Wir schauen in Luthers Übersetzung der Folter- und Hinrichtungs-Geschichten – und lernen gutes Deutsch: Verständlich, einfach und schön. Luther blähte die Sprache nicht auf wie viele seiner Epigonen. Mit gerade mal neun Wörtern lässt er die Geschichte des Leidens beginnen, neun Wörter des Verrats:

„Was wollt Ihr mir geben? Ich will ihn euch verraten.“

Das ist Luthers Sprach-Stil:

  • Die Wiederholung: Zweimal: wollen; zweimal: ich und mir; zweimal Ihr und euch.
  • Das Gewicht der Verben: Zwei Verben, darunter das starke „verraten“, das die Handlung antreibt.
  • Kein Substantiv: „verraten“ statt Verrat, Verben sind stärker.

Knapper geht es nicht; die meisten Krimi-Autoren brauchen zig Seiten, um einen Verrat zu erzählen und aufzublähen. Ihnen wie Politikern, Managern und Theologen sei empfohlen, bei Luther in die Schule zu gehen.

Selbst in einem Buch wie Margot Käßmanns „Schlag nach bei Luther“ ist das Vorwort voller Floskeln und Blähungen, unter denen Luther schon physisch litt. Über Luther, „den meistgelesenen Autor seiner Zeit“, schreibt Käßmann, als müsse sie alle Allgemeinplätze in einen Satz packen: „Martin Luther bleibt im Zentrum des Geschehens, so sehr er auch durch andere Personen und gewiss durch die geschichtlichen Umstände geprägt wurde.“

„Pompöses Wortgeklingel“ nennt Wolf Schneider solch „Imponierjargon“. Doch ohne Floskeln kommen wir offenbar nicht aus, selbst Luther neigte dazu: „Und es begab sich, da Jesus alle diese Reden vollendet hatte, sprach er zu seinen Jüngern.“ Da schwätzt er wie ein Radio-Moderator, der die Überleitung sucht vom Liebeslied zur Trauer-Ballade.

Johann-Sebastian Bach lässt in seiner Matthäus-Passion Luthers Geschwätzigkeit einmal nicht zu: „Und es begab sich“, streicht er einfach.

.Alle Beiträge aus unsererReihe „Luther aufs Maul schauen“ können Sie nachlesen auf www.suedkurier.de/luther

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