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London London würdigt Pink Floyd mit großer Ausstellung

Victoria and Albert Museum zeigt Zeugnisse der 50 Jahre währenden Band-Geschichte

Ein Schwein schwebt hoch oben in der Luft, genauso wie die Kopie eines Kriegsflugzeugs, während ein gigantischer, aufblasbarer Lehrer mit Rohrstock in der Hand auf den Besucher herunterblickt. Er wirkt psychisch gestört und tut das natürlich mit Absicht. Auch er im übertragenen Sinne ein Schwein ist für seinen Erschaffer, Roger Waters.

Der Musiker hat die Erfahrung mit seinem bösen Lehrer, dessen Ausbildung laut des berühmten Lieds niemand braucht, künstlerisch verarbeitet. Das Schwein flog dagegen über die Londoner Battersea Power Station und bildete das legendäre Cover für das Album „Animals“ – auch diese Szenerie mit dem Nachbau der Station veranschaulicht in der neuen Ausstellung des Victoria and Albert Museums über die britische Band Pink Floyd. Der Titel „Their Mortal Remains“, ihre sterblichen Überreste, klingt zwar etwas finster. Aber die Schau, die bis zum 1. Oktober läuft, ist eine faszinierende und gleichwohl eindringliche Erinnerung daran, wie lange Pink Floyd bereits die Bühnen dieser Welt rocken.

Das Cover des Albums "Animals" zeigt ein Foto des Kohlekraftwerks Battersea Power Station mit einem fliegenden Schwein zwischen den Schornsteinen. Um dieses Bild zu erhalten, ließ die Band ein 9 × 4,5 Meter großes mit Helium befülltes Stoffschwein über dem Kraftwerk aufsteigen. Das Schwein wurde von dünnen Kabeln gehalten, die auf dem späteren Foto nicht mehr zu sehen sein sollten. Für den Fall, dass sich das Schwein losriss, wurde ein Scharfschütze engagiert, um das Schwein notfalls abschießen zu können.
Das Cover des Albums "Animals" zeigt ein Foto des Kohlekraftwerks Battersea Power Station mit einem fliegenden Schwein zwischen den Schornsteinen. Um dieses Bild zu erhalten, ließ die Band ein 9 × 4,5 Meter großes mit Helium befülltes Stoffschwein über dem Kraftwerk aufsteigen. Das Schwein wurde von dünnen Kabeln gehalten, die auf dem späteren Foto nicht mehr zu sehen sein sollten. Für den Fall, dass sich das Schwein losriss, wurde ein Scharfschütze engagiert, um das Schwein notfalls abschießen zu können. | Bild: DANIEL LEAL-OLIVAS (AFP)

Die Reise geht durch die experimentelle und eindringliche Welt. Es ist eine Expedition durch fünf Jahrzehnte, dargestellt an Hand von Original-Instrumenten, Briefen, Outfits und Kunstobjekten, Bühnen-Accessoires und Fotografien, Video-Aufnahmen und Tagebucheinträgen. Der Besucher betritt die Schau durch eine Replik des ursprünglichen Tourbusses und landet sofort in der psychedelischen Welt der Sechzigerjahre aus Licht- und Videoshows. Gegründet 1965 von Syd Barrett, Nick Mason, Roger Waters und Rick Wright, experimentierten die Musiker bereits zu Beginn ihrer Karriere sowohl mit Kunst, mit Neuerungen in der Tontechnik als auch mit Drogen und waren zu Beginn Teil einer rebellischen Jugendkultur.

Die Ausstellung wurde chronologisch nach Alben geordnet und man erkennt, wie sich die Band stets neu erfunden hat. Am Ende kreierten die Meister der visuellen Effekte auf der Bühne ein wahres Rock-Theater und lieferten bombastische und aufwendige Bühnenshows vor bis zu 90.000 Menschen. Und so feiere die Ausstellung eben auch „eine 25-jährige goldene Zeit, als Albumverkäufe durch die Decke gingen und die Industrie überflutet wurde mit Geld“, sagte Aubrey Powell bei der Vorab-Besichtigung. Er ist einer der Gründer des Design-Teams von Hipgnosis, das für die berühmtesten Plattencover verantwortlich zeichnet und gemeinsam mit dem Museum und den noch lebenden Bandmitgliedern die Retrospektive zusammengestellt hat. Pink Floyd hätten das Motto gehabt: „Die Kunst kommt zuerst, Geld erst danach“, erinnert er sich. So hieß es offenbar stets unter den Musikern: „Was immer es kosten mag, mach es.“

Das 'Hokusai Wave'-Schlagzeug des Schlagzeugers Nick Mason der britischen Rockgruppe Pink Floyd, das nach einer Tournee der Gruppe durch Japan bemalt worden war, im V&A Museum in London.
Das 'Hokusai Wave'-Schlagzeug des Schlagzeugers Nick Mason der britischen Rockgruppe Pink Floyd, das nach einer Tournee der Gruppe durch Japan bemalt worden war, im V&A Museum in London. | Bild: Lauren Hurley (PA Wire)

Das 1973 erschienene Album „The Dark Side of the Moon“ machte Pink Floyd zu globalen Superstars. Doch es fällt auf, wie sich die Künstler umso mehr zurückzogen, je euphorischer sie auf der Weltbühne gefeiert wurden. „Welcher von ihnen ist Pink?“, lautete der Dauerwitz und er bezog sich auf die Zurückhaltung der Musiker. „Sie hätten sich während ihrer eigenen Auftritte ihrem Publikum anschließen können, ohne erkannt zu werden“, befand Ende der 80er der Journalist und Produzent John Peel über die Beinahe-Anonymität von Pink Floyd. Das alleine sei schon eine Leistung. Die Retrospektive im Victoria and Albert Museum macht deutlich, dass es nur wenige Bands in der Rockgeschichte geschafft haben, ihre Kreativität so auszuleben beim gleichzeitigen Versuch, die Aufmerksamkeit weg von ihnen als Persönlichkeiten und mehr auf ihre Musik zu ziehen.

Rund 250 Millionen Alben haben sie verkauft, mit ihren Liedtexten provoziert, sich stets neu erfunden und versucht, politische Botschaften zu vermitteln, von denen viele bis heute aktuell sind – ob es sich um Mauern handelt oder Krieg.

Ein Brief des Gründungsmitglieds der britischen Rockgruppe Pink Floyd, Syd Barrett (1946-2006), an seine Freundin Jenny Spires.
Ein Brief des Gründungsmitglieds der britischen Rockgruppe Pink Floyd, Syd Barrett (1946-2006), an seine Freundin Jenny Spires. | Bild: Joel Ryan (Invision/AP)

Dass immer wieder die Fetzen zwischen den Bandmitgliedern flogen, klingt an, aber leise. Dabei betonte Roger Waters, der „The Wall“ geschrieben hat und 1985 ausgestiegen ist, noch vor zwei Jahren in einem Interview mit dieser Zeitung, wie „unangenehm“ die letzten zehn Jahre in der Band gewesen waren. Das Missbehagen sei gekommen, „nachdem wir mit ‚The Dark Side of the Moon’ irgendwie erreicht hatten, was wir als junge Männer erreichen wollten: erfolgreich zu sein. Unsere Wege gingen philosophisch und politisch auseinander.“ Es war das erfolgreichste Album von Pink Floyd und selbst 44 Jahre nach dem Erscheinen ist es dieses Plattencover, das jedem Fan als erstes beim Gedanken an Pink Floyd in den Sinn kommen dürfte und dem in der Ausstellung ein ganzer Raum gewidmet ist: Vor schwarzem Hintergrund bricht ein weißer Lichtstrahl an einem Prisma, der sich dadurch in die Spektralfarben auffächert.

„Wish You Were Here?“, fragten britische Medien diese Woche in Anspielung auf den berühmten Song. Und taten das aus gutem Grund. Rund 45.000 Tickets wurden bereits vorab verkauft, das V&A rechnet mit einem ähnlichen Erfolg wie vor vier Jahren, als die David-Bowie-Ausstellung einen Rekord aufstellte. Es war die am schnellsten ausverkaufte Ausstellung in der Geschichte des Museums. Pink Floyds sterbliche Überreste sollen an diesen Erfolg anknüpfen.

Die britische Rockgruppe Pink Floyd bei einer Probe zu ihrem Mammutspektakel "The Wall" in der Dortmunder Westfalenhalle (Archivfoto vom 11.02.1981).
Die britische Rockgruppe Pink Floyd bei einer Probe zu ihrem Mammutspektakel "The Wall" in der Dortmunder Westfalenhalle (Archivfoto vom 11.02.1981). | Bild: Hartmut Reeh (dpa)

Die Band

Pink Floyd wurde 1965 gegründet. Ihren Namen erhielt die britische Rockband von den Bluessängern Pink Anderson und Floyd Council. In den ersten Jahren galt Pink Floyd als Geheimtipp der Londoner Underground-Szene. Nach dem Ausscheiden des Exzentrikers Syd Barrett entwickelte sich die Band unter Roger Waters (Gesang) mit Richard Wright (Keybord), Nick Mason (Schlagzeug) und dem später hinzugekommenen David Gilmour (Gitarre) dann aber zum Vorreiter des Psychedelic-Rock. Mit den Alben „Dark Side Of The Moon“ (1973), „Animals“ (1977) und „The Wall“ (1979) setzte Pink Floyd Meilensteine der Musikgeschichte. Weltweit verkaufte die Band über 250 Millionen Alben. (sk)

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