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Kultur Litanei für einen Wal

Das renommierte Hilliard Ensemble verabschiedet sich nach 40 Jahren mit einer Tournee von der Bühne. Nach einem Konzert in Konstanz folgt noch eins in Allensbach

Wer das international bekannte Hilliard Ensemble noch einmal live erleben möchte, sollte sich beeilen: Die Formation, bestehend aus vier A-capella-Musikern, wird sich zum Ende des Jahres auflösen. Auf seiner Abschieds-Welttournee machte es auch einen Halt in Konstanz, wo die Sänger im Rahmen des Fünften Konstanzer Chorfestivals in der Stephanskirche auftraten. Ein weiteres Konzert folgt im November in Allensbach.

Hilliard, das sind David James (Contratenor), Steven Harrold (Tenor), Rogers Covey-Crump (Tenor) und Gordon Jones (Bariton). Der Name der Formation geht zurück auf den Britischen Renaissance-Maler Nicholas Hilliard, der unter anderem für Königin Elisabeth I. von England malte. Die Renaissance und das späte Mittelalter stellen auch den musikalischen Schwerpunkt des Hilliard Ensembles dar: Die drei Tenöre und der Bariton haben sich auf Alte Musik vor 1600 spezialisiert.

Heuer feiert das Quartett sein 40-jähriges Bestehen. Man kann sich denken, warum dies die letzte Tournee werden soll: Nach mehreren Tausend Konzerten in den berühmtesten Kirchen der Welt und aufgrund des fortgeschrittenen Alters der Musiker will das Ensemble aufhören, wenn es am schönsten ist.

Und schön ist die Vokalmusik der vier Briten definitiv noch – wenn man sich darauf einlassen kann. Denn das sakral orientierte Repertoire der Musiker, das Jahrhunderte der Musikgeschichte umfasst, bedarf beim Konsum höchster Konzentration und Sensibilität für die einzelnen Stimmen. Nicht immer herrschen Wohlklang und Eingängigkeit, der Gesang fordert, provoziert den Zuhörer bisweilen, bevor sich die Stimmen versöhnlich übereinander legen. So auch in der Neuen Musik, beispielsweise bei Katia Tchemberdjis: „Aus Psalm 69“ löst beklemmende Gefühle aus, da sowohl Text („Gott, Hilf mir; denn das Wasser geht mir bis an die Seele“) als auch Gesang den Vorgang des Ertrinkens versinnbildlichen. Die verzweifelt flehenden Stimmen schwellen an, werden zu verzerrten Hilferufen; die Dissonanzen unterstreichen die Bedrohlichkeit der Situation. Der Wohlgefallen an solchen und anderen Stücken liegt in der exzellenten Umsetzung: in der gekonnten Intonation, den präzise ge-sungenen Fugen und einem harmonischen Stimmgeflecht, das Schwarmverhalten an den Tag legt: Dynamisch und ausdifferenziert verhält sich der Gesang des Quartetts wie ein einziger harmonischer Klangkörper, der sich rhythmisch ständig neu ausrichtet.

Erhaben schwebt die hohe Stimme von Contratenor David James über dem Cantus Firmus, der von den anderen fortlaufend moduliert wird. Schwer ist auszumachen, aus welchem Mund der Klang kommt, der sich sofort im gesamten Kirchenschiff ausbreitet. Das Hilliard Ensemble schafft ein beispielloses Miteinander, das keiner Stimmgabel, keinem Dirigat und kaum Blickkontakt bedarf.

In den Kontext von Renaissance-Balladen, Messen und Motetten auf Latein, Englisch, Italienisch und Deutsch passen die Werke des 20. Jahrhunderts von Komponisten wie John Cage, Maximilian Schnaus und Arvo Pärt überraschend gut, was natürlich auch der Interpretation der Musiker geschuldet ist. Einige Stücke wurden eigens für das Quartett geschrieben. Der sakrale Rahmen wird dadurch natürlich manchmal gesprengt, so wird eine Litanei für einen Wal (John Cage) abgehalten oder es werden sinnfreie Texte gesungen und Sprechgesänge vorgetragen. Dies zeigt, dass es der Neuen Musik, wie der Kunst der Moderne, weniger auf Inhalte als auf die Form ankommt. Selten kann man sich so gut auf den reinen Gesang konzentrieren, abschalten und den Klang in seinen Einzelbestandteilen wahrnehmen. Das Konstanzer Publikum konnte sich auf dieses Experiment einlassen, wie minutenlange stehende Ovationen zeigten.

Am 25. November ist das Hilliard Ensemble noch einmal in der Region zu erleben: Es tritt im Rahmen der Allensbacher Trialog-Konzerte in der dortigen Pfarrkirche St. Nikolaus auf. Karten und Infos:

www.allensbach.de

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