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Kunst Lawrence Weiner – eine Legende im Kunsthaus Bregenz

Im Kunsthaus Bregenz gastiert der US-amerikanische Konzept-Künstler Lawrence Weiner. Das Material des 74-Jährigen sind nicht Farben, sondern Worte. Die monumentalen Schriftzüge machen manchmal ratlos, üben aber vor allem eine große Faszination aus

Künstler sind bisweilen radikal. Die Avantgardisten unter ihnen gehen selbst so weit, dass sie den Boden, auf dem sie stehen und arbeiten, infrage stellen. Ein solches existenzielles Experiment hat zum Beispiel zu Beginn des 20. Jahrhunderts Kasimir Malewitsch unternommen. Der russische Künstler malte damals ein schwarzes Quadrat und verkündete damit das Ende der Tafelmalerei – wie wir wissen, ist das Tafelbild, ob abstrakt oder gegenständlich, immer noch angesagt.

Fast zeitgleich mit Malewitsch erklärte der französisch-amerikanische Künstler Marcel Duchamp ein verschrottetes Fahrrad-Rad zur Skulptur. Duchamp nannte sein bizarres „Roue de bicyclette“ ein Ready-made – was mehr als nur eine Anekdote zur Kunst geworden ist, denn mit den Ready-mades (Alltagsgegenstände, die zu Kunstobjekten erklärt werden) erweiterte Duchamp die Collage-Technik der Kubisten ins Plastische.

Zwischen diesen für die Kunst der Moderne nicht ganz unwichtigen Interventionen und dem aktuellen Werk von Lawrence Weiner, dem das Kunsthaus Bregenz (KUB) nun eine Ausstellung eingerichtet hat, liegt fast ein Jahrhundert. Und doch hat Weiners Werk, zumindest der Idee nach, mit Malewitsch und noch mehr mit den originären Frechheiten von Duchamp zu tun. Der mittlerweile 74 Jahre alte US-Amerikaner gilt als Konzept-Künstler, mehr noch, laut KUB-Direktor Thomas D. Trummer ist er „natürlich eine Legende“. Das darf mit großer Sicherheit von Duchamp gesagt werden, der (dazu) zu den Wegbereitern des Dadaismus und des Surrealismus zählt.

Weiners frühe Arbeiten umfassen Experimente mit geformten Leinwänden und aus Teppichen ausgeschnittenen Quadraten. Eine künstlerische Sackgasse, aus der er Ende der 1990er-Jahre triumphal mit (eben) Concept Art herausfand. Wie sein Kollege, der US-amerikanische Minimalist Sol LeWitt, oder ein anderer Mitstreiter, Joseph Kosuth, der mit Bedeutung arbeitet und nicht mit Form und Farbe – am Rathaus von Singen ist eine Arbeit von ihm installiert –, formulierte auch Weiner eine ziemlich radikale Programmatik.

In seiner „Declaration of Intent“ (Absichtserklärung) von 1968 heißt es unter anderem, dass ein Kunstwerk nicht ausgeführt zu werden braucht: „Jede Möglichkeit ist gleichwertig und entspricht der Absicht des Künstlers.“ Das heißt, es kann auch nur Idee bleiben, reine Kopfgeburt. Was Weiner damit sagen will? Er will die Grenzen der Kunst austesten, dabei orientiert er sich, wie gesagt, an den alten Avantgardisten.

Wer die Ausstellung im Kunsthaus Bregenz unter diesem ideenhaften Aspekt betrachtet, der könnte zu der Auffassung gelangen, dass sich Weiner der Verwirklichung einer/seiner Kunstsache verweigert oder aber auf halber Strecke aufgegeben habe. An den blanken, grauen Betonwänden der vier Ausstellungssäle des Zumthor-Gebäudes kleben lediglich weiße, blaue, orangene, gelbe oder/und schwarz gerandete monumentale Schriftzüge. Mehr ist da nicht. Keine Skulptur mitten im Raum, lediglich Sitzbänke für erschöpfte Besucher. Und auch das, was an den Wänden in deutscher und englischer Sprache in Großbuchstaben zu lesen ist, hilft nicht unbedingt, das Schrift- und Kunstwerk von Weiner zu entschlüsseln. „Aufgebaut mit vom Himmel gefallenen Steinen“ steht da. Oder: „Steinmassen die das nächtliche Licht abschotten“ oder: „Aus einem Stein heraus“ …

Rätselhafte Sätze. Sie halten nicht einmal die Regeln der Grammatik ein, sie sind fragmentarisch und folgen auch keiner Narration. Wer sich die Mühe macht, die Buchstaben, die ungeachtet dessen eine physische Ausstrahlung in den Raum hinein haben, eine eigene Ästhetik entwickeln – die Schönheit der Typographie –, dramaturgisch komponiert und eindrucksvoll platziert sind, zu interpretieren, der ist verloren im postmodernen Anything Goes – alles ist erlaubt. Es gibt nicht die eine, es gibt keine falsche, es gibt zig Interpretationen. Auch die von Weiner: „It‘s a sculpture; there is no message; it says what it says“ – es ist nur eine Skulptur; es gibt keine Botschaft; sie ist was sie ist.

Weiner versteht sich – wie Duchamp – als Bildhauer, so wie Malewitsch sich als Maler fühlte. Weiners Material sind allerdings Worte. Er betrachtet Sprache als Tatsache, als Faktum. Sie hat für ihn dasselbe Gewicht wie ein Stein. Buchstaben sind für ihn etwas Körperliches, etwas Gegenständliches. In früheren Ausstellungen hat er sie in Eisen gießen lassen oder an Hauswänden angebracht, auf Lampenschirmen oder auch ganz minimalistisch auf Streichholzschachteln – Weiner ist Raucher, er dreht die Zigaretten selbst.

Der eine oder andere Besucher der Bregenzer Ausstellung wird das KUB ratlos verlassen. Das erging den Besuchern der Moskauer Ausstellung auch so, als sie zum ersten Mal das Schwarze Quadrat von Malewitsch sahen; das erging nicht anders den Besuchern von Duchamp, als sie es in seinem Atelier mit den Ready-mades zu tun bekamen. Dieses Risiko geht Weiner ein. Er fordert eine Offenheit, die in einer überregulierten Gesellschaft immer seltener wird. Daher ist auch zu verstehen, dass Weiner im Allgemeinen als Künstler-Künstler gilt, also als einer, dessen investigative Arbeiten besonders von den Kollegen geschätzt werden.

„Lawrence Weiner – Was es braucht“: Kunsthaus Bregenz, bis 15. Januar 2017. Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr, Donnerstag von 10 bis 20 Uhr. Internet: www.kunsthaus-bregenz.at

Zur Person

Lawrence Weiner wurde 1942 in der New Yorker Bronx geboren. Der Konzept-Künstler, der sein Werk theoretisch begründet und in bedeutenden Museen ausgestellt sowie mehrfach an der documenta in Kassel teilgenommen hat, bezeichnet sich als Bildhauer. Seine Skulpturen bestehen bevorzugt aus Sprache, meist sogar nur aus einer Reihe von Wörtern an markanten Orten oder Un-Orten im öffentlichen Raum. Für sein Werk hat er zahl-reiche Preise erhalten. Er lebt und arbeitet in New York und Amsterdam.

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