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Lauter schöne Götterfunken

Jazzbassist Dieter Ilg lässt in Allensbach Beethovens Musik aus dem Geist des Jazz neu erstehen

Das Gedankenspiel ist spekulativ, aber faszinierend: Welche Art von Musik würde Ludwig van Beethoven heute wohl komponieren? Für Dieter Ilg gibt es keinen Zweifel: Jazz natürlich. Und wenn man hört, wie der Bassist Beethovens Kompositionen interpretiert, muss man ihm zustimmen. Zum Abschluss der diesjährigen „Jazz am See“-Staffel stellte Ilg gemeinsam mit dem aus Ravensburg stammenden Pianisten Rainer Böhm und dem französischen Schlagzeuger Patrice Héral in der erneut ausverkauften Allensbacher Gnadenkirche „seinen“ Beethoven vor.

Ähnlich wie Ilgs mit dem Echo Jazz ausgezeichnetes jüngstes Album („Mein Beethoven“, ACT), an dessen Ablauf sich auch das Konzert hielt, war der Abend ein buntes Potpourri aus bekannten und weniger bekannten Werken, darunter auch irische Volkslieder, die Beethoven einst bearbeitet hat. Selbst bei den Auszügen aus „Pastorale“ oder „Pathétique“ musste man allerdings sehr genau hinhören, um die bekannten Melodien zu erkennen.

Natürlich ist der Jazzbassist nicht der erste, der sich einen Klassiker aneignet; das Spektrum reicht von Jacques Loussier („Play Bach“) bis zu den holländischen Symphonic-Rockern Ekseption. Auch der „gute alte Ludwig van“ hat unter anderem dank Wendy Carlos und ihren Variationen für Stanley Kubricks Film „Uhrwerk Orange“ schon Einiges mitmachen müssen. Ilg aber hat Beethovens Musik nicht nur vom Meister emanzipiert, er hat sie auch neu erfunden.

Mindestens ebensoviel Respekt gebührt jedoch seinen Mitstreitern. Böhm und Héral waren auch schon dabei, als sich Ilg vor Wagner („Parsifal“) und Verdi („Otello“) verbeugte. Gerade der trotz zwanzigjähriger Konzerterfahrung vergleichsweise jugendlich wirkende Böhm verdeutlichte spätestens mit seinem Solo, dass er einen Abend ohne Weiteres auch allein bestreiten könnte. Ilg versteht sich offenbar als Primus inter pares. Mitunter hatte es den Anschein, als bereite er den Kollegen einen Klangteppich, auf dem sie sich austoben können, was allerdings zur Folge hatte, dass sein Bass einige Male keine Chance gegen Hérals Schlagzeug hatte. Bei aller Anerkennung für die Virtuosität des Franzosen: Am eindrucksvollsten waren jene Momente, in denen er seinem Instrument Geräusche entlockte, als würden Vögel über die Trommeln laufen. Beim Allegro aus der „Pathetique“, dem letzten Stück vor der einzigen Zugabe, durfte Héral alle Fesseln abwerfen und ein donnerndes Solo hinlegen.

Das war das einzige Mal, dass sich das Publikum einen Szenenapplaus traute. Ansonsten wurde jedes Stück buchstäblich bis zum Verhallen des letzten Klangs ausgekostet, wobei Böhm nach seiner Einlage mit besonders innigem Beifall bedacht wurde. Der Reiz des Konzerts lag ohnehin nicht zuletzt in der musikalischen Bandbreite. Ilg und seine Mitstreiter begannen dank „Pastorale“ und einer überraschend verhaltenen „Ode an die Freude“ geradezu zärtlich mit Musik zum Loslassen. Dann allerdings brach ein Sturm über das bis dahin eher ergriffene als mitgerissene Publikum hinweg, das zwei Stunden später hochzufrieden den Heimweg antrat. Aber das ist bei „Jazz am See“ in Allensbach im Grunde immer so.

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