Kultur Kunst des prekären Gleichgewichts

Erste gemeinsame Ausstellung von Waltraud Späth und Barbara Ehrmann im Fruchtkasten des Klosters Ochsenhausen

Ein Ausgleich von Gegensätzen ist geschaffen, wenn die Verbindung die Spannung aushält – und sie zugleich erhält. Sonst entsteht kein Ausgleich, sondern ein Mischmasch ohne Eigenschaften. Sowohl Waltraud Späth (Friedrichshafen) als auch Barbara Ehrmann (Ravensburg) können als Künstlerinnen des Ausgleichs gelten, denn jede stellt auf ihre Weise ein von Gegensätzen geschaffenes Kraftfeld her – Späth in Plastiken und Skulpturen, Ehrmann in Zeichnungen, Collagen, Objekten und Videos. Nun stellen die Künstlerinnen, die einander seit den Studienjahren an der Stuttgarter Akademie kennen, im Fruchtkasten des Klosters Ochsenhausen erstmals gemeinsam aus.

Waltraud Späth schafft ihre Skulpturen und Plastiken aus der Kombination grundverschiedener Werkstoffe: beliebig formbarer Beton, unnachgiebig-homogener Stahl, Holz mit seinen natürlichen Wuchsrichtungen. Späth sucht nicht die brave Mitte, sondern findet den Ausgleich etwa im splitternden Holz, um das sich ein Betonmantel wie ein heilender Verband schmiegt – und sie geht über Maß und Mitte hinaus wie in der Arbeit „Eins zuviel“, bei der sie Holzkeile in einen Stahlzylinder schlägt, bis er reißt. Waltraud Späth versteht ihre Arbeit als Gleichnis zu zwischenmenschlichen Beziehungen, aber auch gesellschaftlichen und politischen Prozessen. „Eins zuviel“ wirkt indes wie ein kritischer Kommentar an den Realitäten.

Aber generell wird Späths Arbeit immer kühner: Einen mehrere Meter langen Balken ließ sie von gewaltigen Maschinenkräften auseinanderbrechen. Aufgeklappt stehen die beiden Hälften nun parallel nebeneinander, an der Bruchstelle gesplittert und doch nicht restlos zertrennt – eine letzte Holzschicht, dünn wie ein Span, verbindet die Hälften noch immer. Die brachialsten Kräfte konnten nichts gegen diese Beharrungskraft ausrichten. Denkt man an Gewalt und Unrecht, die Menschen widerfahren, macht diese Arbeit Mut – weil sie Widerstandskräfte nicht wie ein Denkmal es täte als Behauptung in den Raum stellt, sondern sie schlichtweg demonstriert.

Zu den stärksten, weil vieldeutigsten unter den 31 und bis zu 1,2 Tonnen schweren Plastiken Waltraud Späths gehört die neue Arbeit „Gebremste Dynamik“ – ein spiralförmig gewachsenes Stämmchen, das von Beton viereckig ummantelt wird und den Stamm dabei teilweise sichtbar lässt – ein Miteinander, das zum Gefängnis und zum Würgespiel zu werden droht, und in dem doch der Beton wie das Futteral wirkt, in das der Baum sich einschraubt. Und so ist die Balance der Materialien, Formen und Kräfte bei Waltraud Späth prekär oder sie ist es nicht.

Die erreichten Leichgewichte Barbara Ehrmanns sind anderer Art und erzeugen einen Schwebezustand, der sich in ihren Zeichnungen andeutet. Auch in ihren erst in jüngerer Zeit in Zusammenarbeit mit ihrem Mann Alexander Nelles entstandenen Videos wird er deutlich: Sie zeigen Ehrmann, wie sie ohne Hilfsmittel ihre reusenartigen Gitterobjekte umtaucht, in einem Zustand zwischen Steigen und Sinken, kurzum: im Wasser schwebend. Prekär ist auch dieser Gleichgewichtszustand, denn das Apnoetauchen ist nicht ungefährlich. Barbara Ehrmanns Tauchvideos wirken wie die logische Weiterentwicklung ihrer Zeichnungen: Auch in ihnen erreicht sie einen Schwebezustand – zwischen tiefschwarz-massigen Formen und fast substanzlos leichten; zwischen der faktischen Nähe, die zwischen ihnen und dem Betrachter besteht, und ihrem drohenden Verschwinden in weiter Ferne, denn Ehrmann gießt viele ihrer Zeichnungen in eine Wachsschicht ein, die alles Dargestellte dem Auge entzieht wie das Meer einen Schwimmer, der dem Grund entgegensinkt. Verständlich also, dass die Taucherfahrungen wiederum auf die Motivwelt der Zeichnungen zurückwirken.

Barbara Ehrmann begreift dieses Eingießen in Wachs als einen Akt des Konservierens. Die eingegossenen Motivwelten werden gleichsam aus der Gegenwart entrückt und in eine andere Zeitlichkeit versetzt. Der skizzierte schwebende Körper des Tauchers gewinnt etwas Mumienhaftes, und umgekehrt treten archaische Zeichen aus dem Grund einer fernen Vergangenheit in die Gegenwart ein. „Mythische Vergangenheit und gegenwärtige individuelle Befindlichkeit, unsere gefährdete Existenz, beides möchte ich in meinen Werken spürbar machen“, sagt Barbara Ehrmann.

Bis 1. Mai in der Städtischen Galerie im Fruchtkasten des Klosters Ochsenhausen. Geöffnet Di–Fr 10–12 und 14–17 Uhr sowie Sa, So und Feiertage 10–17 Uhr. Die Künstlerinnen führen am 3. April und 1. Mai, jeweils 15 Uhr, durch die Ausstellung.

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