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Kultur Klare Strenge trifft auf explosive Dynamik

Im Kunstverein Radolfzell entfalten Skulpturen und Bilder von Karl-Heinz Bogner und Michael Dekker spannungsreiche Strukturen im Raum

Dynamisch und farbintensiv in den Raum drängende Holzobjekte sowie strenge und kubisch ruhende Architekturkonstruktionen in tiefem Schwarz: dieser extreme Kontrast begegnet dem Betrachter in der Ausstellung des Kunstvereins Radolfzell mit Werken von Michael Dekker und Karl-Heinz Bogner. Unter dem Titel „Strukturen im Raum“ thematisiert die Schau die komplexe Interaktion zwischen Architektur, Natur und Skulptur.

Karl-Heinz Bogner, geboren 1966, studierte Architektur und Design an der Kunstakademie Stuttgart und ist seit 1995 als freischaffender Künstler in Stuttgart tätig. Im Zentrum seines Schaffens steht die spannungsvolle Wechselwirkung zwischen Architektur und Raum. Seine modellhaft anmutenden Werke, die er als Sockel- und Wandplastiken präsentiert, sind freie Raumkompositionen, die den Charakter skulpturaler Architektur besitzen. Ohne jede erkennbare Funktionalität sind sie als autonome Gestaltschöpfungen und gleichsam als Gedankengebäude zu lesen. Bogner entwirft konstruktive Raumgefüge aus ineinandergreifenden Flächen- und Formelementen und linearen Strukturen, die mit ihren verschachtelten Plattformen, Fensterrahmen, Etagen und Ebenen an Gebäudefragmente erinnern. Blockhaft Massives trifft schwerelos Schwebendes, klare Flächenmodule auf filigrane Stege. Die absolute Reduktion des Kolorits auf mattes Schwarz verleiht den Skulpturen eine objekthaft entrückte Wirkung.

Um Durchdringungen von Licht und Raum, Fläche und Relief kreisen auch Bogners konstruktive Gemälde. In subtilen Farbtönen ausgeführt, erinnern sie an Innenraumsituationen, Fensterausblicke oder Fassadenteile von modernen Bürobauten. Wie in seinen Skulpturen geht es Bogner in den Bildschöpfungen um tektonische Schichtungen zwischen Außen und Innen, um Durchbrüche, Einschnitte und Aussichten, die sich im Spannungsfeld zwischen Konstruktion und freier Erfindung von Wirklichkeiten entfalten.

Michael Dekker, geboren 1983, absolvierte zunächst eine Ausbildung als Diplom-Landwirt, bevor er Bildhauerei an der Kunstakademie Düsseldorf bei Tony Cragg und Geografie an der Universität Duisburg-Essen studierte. Dekker lebt und arbeitet in Düsseldorf. Ausgehend von seiner Inspiration durch Natur und Geologie greift Dekker in seinen organisch anmutenden Skulpturen aus Holz, Aluminium und Bronze elementare Formprozesse und kraftvolle Bewegungen auf, deren wuchtige und explosiv in den Raum ausstrahlende Energien an erdhafte Erosionen oder Gesteinsformationen erinnern. Besonders eindrucks- und effektvoll erscheinen die großformatigen Holzskulpturen, die Dekker aus einer Vielzahl von fragmentarisch zersplitterten Multiplex-Segmenten zu furiosen, modular anwachsenden Formgebilden verdichtet. Dekonstruktivistische Konstruktion prägt das Gestaltungsprinzip dieser Arbeiten, die wie gewaltige Eruptionen mit enormer Sprengkraft in den Umraum intervenieren. Jenen gleichsam entfesselt wirkenden abenteuerlichen Konstrukten aus Holz und Lack stehen die kompakten Volumina der Skulpturen aus Metall gegenüber, die verborgene Kräfte des Erdinneren nach außen tragen und unmittelbar erfahrbar machen. Sie lassen Einflüssen seines renommierten Lehrers Cragg spürbar werden. „Fragmentierungen“ nennt Dekker schließlich seine farbstarken Gemälde, in denen expressive Schichtungen von dynamischen Farbspuren und zerfaserten Formstrukturen den ungestümen Ausdruck bestimmen.

Mit der überzeugenden Kombination von Karl-Heinz Bogner und Michael Dekker stellt der Kunstverein Radolfzell in den wunderbaren Räumen der historischen Villa Bosch zwei in ihrer Eigenständigkeit faszinierende bildhauerische und malerische Positionen der Gegenwartskunst vor.

Strukturen im Raum – Karl-Heinz Bogner und Michael Dekker, Kunstverein Radolfzell e.V. in der Villa Bosch, bis 4. Mai, Di–So 14–17.30 Uhr, Karfreitag geschlossen, Ostermontag geöffnet

www.kunstverein-radolfzell.de

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