Kultur Heidegger und der Nationalsozialismus: Erben verwischen antisemitische Spuren

Die Judenfeindlichkeit des Philosophen war noch viel größer, als bislang bekannt. Seine Familie tut viel dafür, um das zu vertuschen.

Als Anfang des Jahres Martin Heideggers Schwarze Hefte veröffentlicht wurden, war das Entsetzen in der Öffentlichkeit groß. In seinen geheimen Notizbüchern legte der Philosoph eine Judenfeindschaft an den Tag, die selbst seine Kritiker kaum für möglich gehalten hätten. Heidegger sprach vom Krieg des „Weltjudentums“, und noch nach 1945 beklagte er einen jüdischen „Geist der Rache“, dem noch die Aufgabe bleibe, die „Deutschen geistig und geschichtlich auszulöschen“. Mit keinem Wort erwähnt, geschweige denn bedauert, wird der Holocaust.

Doch warum erfuhr die Öffentlichk eit erst so spät von Heideggers Judenfeindschaft? Und wenn der Antisemitismus seine Philosophie viel tiefer prägte als bisher gedacht: Sollten sich davon nicht Spuren in der Gesamtausgabe finden lassen, die seit 1975 im Verlag Vittorio Klostermann erscheint? Es gibt Spuren, aber Martin Heideggers Erben taten viel, um sie zu verwischen. Die Erben beanspruchen Deutungshoheit über das Heidegger-Bild in der Öffentlichkeit und üben eine strikte Kontrolle über die Gesamtausgabe aus. Wie diese Kontrolle funktioniert, hat zum Beispiel Peter Trawny erlebt, Professor in Wuppertal und Herausgeber der Schwarzen Hefte.

Retuschen im Werk

1995 betrauten ihn Professor Friedrich-Wilhelm von Herrmann, letzter Privatassistent Martin Heideggers und „leitender Herausgeber“ der Gesamtausgabe, sowie Hermann Heidegger, Sohn Martins und Nachlassverwalter, mit der Herausgabe von Band 69 – der um 1938 geschriebenen Geschichte des Seyns. Trawny machte eine erschreckende Entdeckung. Er stieß in der Handschrift auf eine Passage, in der Heidegger fragt, „worin die eigentümliche Vorbestimmung der Judenschaft für das planetarische Verbrechertum begründet ist“. Soll der skandalträchtige Satz in die Gesamtausgabe aufgenommen werden? Er habe sehr dafür plädiert, sagt Trawny heute, sich aber damals, als 31-Jähriger ohne sichere akademische Stellung, gegen von Herrmann und Hermann Heidegger nicht durchsetzen können – der Satz wird unterschlagen. Laut Trawny mit der Begründung, dass die Gesamtausgabe eine Ausgabe „letzter Hand“ sei, die den „Denkweg“ des Meisters als abgeschlossenen Text wie aus einem Guss präsentiere – und keine historisch-kritische Ausgabe, die Änderungen des Autors kenntlich und so die Textgeschichte überprüfbar macht.

Aber auch der Meister selbst hat bereits sein Bild retuschiert. Der 36-jährigen Philosophin Sidonie Kellerer ist es gelungen, eine solche Retusche an einem für die Nachkriegsrezeption Heideggers entscheidenden Punkt nachzuweisen. 1950 erschien im viel diskutierten Sammelband „Holzwege“ Heideggers Vortrag über die Zeit des Weltbildes, den er 1938 in Freiburg gehalten hatte. Heidegger, bis 1945 Mitglied der NSDAP und darum bemüht, sich neu zu inszenieren, versucht darin, sein Publikum davon zu überzeugen, dass er schon zwölf Jahre zuvor die nationalsozialistische Weltanschauung öffentlich kritisiert und vor den Gefahren der modernen Technik gewarnt habe.

Sidonie Kellerer bekam Zweifel an dieser Version und untersuchte daraufhin 2010 im Literaturarchiv Marbach, wo Heideggers Nachlass liegt, seine Manuskripte. Fassung eins, Fassung zwei, weitere Abschriften. Sie findet schließlich heraus, welche Version 1938 tatsächlich vorgetragen wurde. Das Ergebnis ihrer philologisch-philosophischen Kärrnerarbeit: Der 1950 in den „Holzwegen“ veröffentlichte Text weicht in wichtigen Passagen vom ursprünglich gehaltenen Vortrag ab. Heidegger fügte hinzu, strich weg, formulierte subtil um – und verschwieg all dies dem Leser.

Damit nicht genug. Verlangt Heidegger 1938 von den Deutschen, auf der Höhe der Neuzeit zu sein, die „entarteten“ Formen der Subjektivität zu bekämpfen und sich dabei der „totalen Mobilmachung“ und der „Züchtung“ zu bedienen, so behauptet er zwölf Jahre später, er habe den Nationalsozialismus als Höhepunkt einer von der Technik beherrschten Moderne kritisiert. Auch in der späteren Gesamtausgabe findet sich kein Hinweis auf die Manipulationen.

Bei ihrer Arbeit im Literaturarchiv Marbach stieß Sidonie Kellerer noch auf eine weitere Geschichtsfälschung. Für seinen Vortrag „Die Zeit des Weltbildes“, so behauptete Heidegger nach dem Krieg (und so steht es auch in der Gesamtausgabe), sei er 1938 von der NS-Zeitung „Der Alemanne“ heftig angegriffen worden, und die Universität habe ihn gegen diese Attacke nicht verteidigt. Tatsächlich stimmt das Gegenteil. Die Universität hatte das Kampfblatt sehr wohl scharf gerügt und sich vor ihr NS-Dozentenbundsmitglied Heidegger gestellt.

Kellerer kann dies anhand der Korrespondenz zwischen dem Pressesprecher der Universität und Heidegger nachweisen; aber der Briefwechsel, der das belegt, wurde ihr im Literaturarchiv Marbach nur versehentlich ausgehändigt, sie hätte ihn gar nicht einsehen dürfen, weil er bisher nicht in der Gesamtausgabe veröffentlicht ist – und dort steht er auch weiterhin nicht auf dem Editionsplan.

Familie hält heikle Unterlagen zurück

Die an die Übergabe des Nachlasses vonseiten der Erben Heideggers geknüpfte Bedingung lautet nämlich: Erst dann, wenn Handschriften in der Gesamtausgabe des Verlags Klostermann gedruckt sind, werden sie der Forschung zugänglich. Was aber wann und von wem dort publiziert wird, entscheidet der Nachlassverwalter: bisher Hermann Heidegger, promovierter Historiker, seit diesem Jahr sein Sohn Arnulf, praktischerweise Rechtsanwalt.

Wie der Kampf des Familienunternehmens um seine „Marke“, mehr noch: wie das Monopol auf Einsicht in den Nachlass sowie auf die Publikation der Schriften die Aufklärung verzögert, davon kann auch Marion Heinz berichten, Professorin für Philosophie an der Universität Siegen. 1999 arbeitete sie im Marbacher Archiv und stieß auf eine Mappe mit Seminarprotokollen, die ihr „versehentlich“ ausgehändigt wurde. Die Mappe enthielt studentische, von Heidegger korrigierte und somit autorisierte Nachschriften. In diesem im Wintersemester 1933/34 gehaltenen Seminar propagiert Heidegger Nationalsozialismus, Führerstaat und Antisemitismus. Die Juden nennt er „semitische Nomaden“, denen „die Natur unseres deutschen Raumes vielleicht nie offenbar wird“.

Bis heute fehlt dieses Seminar in der Gesamtausgabe, und dabei soll es laut Verlag auch bleiben, weitere Seminare Heideggers sollen dort nicht mehr publiziert werden. Damit blieben auch die Unterlagen zu mindestens fünf weiteren Seminaren des NS-Dozenten Heidegger der Forschung versperrt. Sidonie Kellerer nennt das eine Zensur, die die Erforschung eines wichtigen Kapitels deutscher Geschichte blockiere.

Auch Heideggers weltweite Wirkung versucht die Familie zu kontrollieren. So verbieten die Lizenzverträge des Verlags für Übersetzungen jede „inhaltliche Einführung“ und „Interpretation“ in Vor- oder Nachwort. Der amerikanische Heidegger-Forscher Theodore Kisiel nennt das „grotesk“: Wer nicht auf Deutsch publiziere, werde so in seiner wissenschaftlichen Freiheit beschnitten und auf das geistige Niveau der Herausgeber gedrückt.

Zensur, Intransparenz, die Missachtung wissenschaftlicher Standards: Für den 84-jährigen Theodore Kisiel ist das „Familienunternehmen Gesamtausgabe“ ein „internationaler wissenschaftlicher Skandal“. Marion Heinz sekundiert ihm: Forscher, die sich an die Editionsvorgaben der Familie hielten, gerieten in Widerspruch zu den Prinzipien von Kritik und Öffentlichkeit. Tatsächlich haben die Deutsche Forschungsgemeinschaft und das Literaturarchiv Marbach beträchtliche öffentliche Mittel für Erwerb, Aufbewahrung und Erschließung des Martin-Heidegger-Nachlasses ausgegeben – doch immer noch entscheiden seine Erben, wer Zugang zu den Manuskripten erhält. Deshalb fordert der Freiburger Philosoph Rainer Marten, der selbst aus Heideggers Schülerkreis stammt, die Erben auf, sie sollten endlich begreifen, dass Heideggers Werk der Welt und nicht der Familie gehöre.

Ob Kisiel, Heinz oder Marten: Ein wachsender Chor von Kritikern fordert, was der französische Philosoph Emmanuel Faye schon 2006 verlangte, nämlich Heideggers gesamten Nachlass für die Forschung zu öffnen und damit den Weg für eine historisch-kritische Edition frei zu machen.

Nährboden für Rechtsradikale

Die Möglichkeit dazu hätte es längst gegeben. In den Jahren vor Heideggers Tod wollte der Pfullinger Verleger Günther Neske zusammen mit den Verlagen Niemeyer und Klostermann die Kräfte für eine historisch-kritische Ausgabe in einem Konsortium bündeln, unterstützt von einer vom Land Baden-Württemberg finanzierten Forschungsstelle. Als Gegenleistung hätte die Familie Heidegger auf einen Teil der Publikationserlöse verzichten müssen. Aus dem Projekt wurde nichts. Auch das Angebot, der Familie nach Heideggers Tod ein wissenschaftliches Beratergremium zur Seite zu stellen, scheiterte, so erinnert sich Theodore Kisiel, an Witwe Elfride – sie wollte kein „Gremium“, das eine „Vorzensur“ über das Werk ihres Mannes ausüben könnte.

Man mag fragen, warum man sich heute noch mit Heidegger beschäftigen soll. Ist über den NS-Philosophen nicht alles Entscheidende gesagt? Und kann man den ernst zu nehmenden Teil seiner Philosophie nicht einfach den Spezialisten überlassen? Das könnte ein Irrtum sein. Denn für Nationalisten und radikale Rechte ist dieses Denken attraktiver denn je. Und Berührungsscheu gegenüber diesem Milieu scheint der innere Zirkel der Heidegger-Gemeinde nicht zu haben.

Zu den Schwarzen Heften befragt, erläuterte der 94-jährige Bundeswehr-Oberst a.D. Hermann Heidegger, der seine Erinnerungen an die Kriegsgefangenschaft im rechtsradikalen Verlag Antaios drucken ließ, dem (ebenfalls von Antaios herausgegebenen) Magazin Sezession, dass sein Vater „kritisch gegenüber dem Weltjudentum eingestellt“ gewesen sei, „ohne Antisemit zu sein“. Er sehe eine wichtige Aufgabe darin, des Vaters Kritik am Judentum dem heutigen Leser verständlich zu machen. 35 Jahre lang entschied Hermann Heidegger über Veröffentlichungen aus dem Nachlass.

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