Kultur Germanist Peter von Matt: "Wissenschaftliche Qualität ist keine Frage der Nationalität"

Peter von Matt, Schweizer Germanist und Autor, feiert am 20. Mai 2017 seinen 80. Geburtstag. Im Interview sagt er, was er sich zu diesem Anlass wünscht und was er von der Schweizer Literaturwissenschaft hält

Herr von Matt, Sie feiern am 20. Mai Ihren 80. Geburtstag. Welche Dichter aus den vergangenen Jahrhunderten würden Sie gerne zu einer Tafelrunde einladen?

Sappho, Walther von der Vogelweide, E.T.A. Hoffmann, Adelheid Duvanel.

Und welche Germanisten?

Die Brüder Grimm und Albrecht Schöne.

An den Universitäten scheint es heute solche Kapazitäten und große Namen wie Walter Muschg in Basel nicht mehr zu geben – täusche ich mich?

Ja, ich glaube, Sie täuschen sich … Die Zeiten haben sich auch an den Universitäten geändert. Die einstige Herrschaft einzelner Ordinarien über ein ganzes Fach gibt es nicht mehr. Und der Ruhm ist immer auch ein Glücksfall und von vielen Faktoren abhängig. Walter Muschg hat mit seiner Gotthelf-Monografie „Die Geheimnisse des Erzählers“ das wahrscheinlich beste germanistische Buch der Schweiz im 20. Jahrhundert geschrieben. Aber das heißt nicht, dass die guten, selbstdenkenden und produktiven Literaturwissenschaftler an den Universitäten ausgestorben sind. Ich kenne jedenfalls eine ansehnliche Zahl, auch wenn sie nicht beweihräuchert werden wie in den 1950er-Jahren.

Fehlen nicht die großen Kontroversen? Der Zürcher Literaturstreit 1966 mit Emil Staiger gilt auch in Deutschland und Österreich als eine der wichtigsten Auseinandersetzungen.

Das war in der Sache keine wichtige Auseinandersetzung, es war einfach ein großer Lärm. Wichtig wurde der Vorgang nur als ein Auftakt zu den antiautoritären Aktivitäten der 1968er-Bewegung. Die Frage, ob die Gegenwartsliteratur mehrheitlich unsittlich sei, war damals längst kein echter Diskussionsgegenstand mehr. Seither hat es immer wieder scharfe Kontroversen gegeben, um Botho Strauss zum Beispiel, Christa Wolf, Martin Walser oder Günter Grass.

Und die Schweiz? Bis heute gibt es keine umfassende Literaturgeschichte, kein Grundlagenwerk der Schweizer Literatur.

Eine Literaturgeschichte im alten Sinn, wie es sie bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts gab, ist heute kaum mehr möglich. Es gibt aber Literaturgeschichten zu bestimmten sozialen Gruppen, zu Zeitabschnitten oder literarischen Gattungen. Dazu kommt unabdingbar die Medien- und Verlagsgeschichte. Die eigentliche Crux aber ist, dass seit den 1970er-Jahren ein unbestrittener literarischer Kanon der deutschen Literatur fehlt.

Manche meinen, es gäbe zu viele deutsche Literaturwissenschaftler an den Schweizer Universitäten.

Wissenschaftliche Qualität ist keine Frage der Nationalität. Die Universität Zürich wurde 1833 mit lauter deutschen Professoren gegründet, die aus politischen Gründen in die Schweiz geflohen waren, nur ein paar Theologen waren einheimisch. Umgekehrt gibt es Schweizer Professoren in Deutschland in beträchtlicher Zahl. Grundsätzlich ist festzuhalten: Die Schweiz ist weder kulturell noch wissenschaftlich selbsttragend. Ich habe jahrzehntelang mit vielen deutschen Kolleginnen und Kollegen zusammengearbeitet, völlig problemlos. Und die Studierenden haben ohnehin nur darauf geschaut, wie inspirierend ein Professor war.

Sie sind so prominent wie kein zweiter Schweizer Literaturwissenschaftler der Gegenwart – wie haben Sie aus dem Elfenbeinturm herausgefunden?

Ich war an der Universität nie in einem Elfenbeinturm. Das Wort ist eine fixe Idee der Schweizer Journalistik. Es gibt angesehene Zeitungen, in denen es in jedem Bericht über Universitätsfragen auftaucht. Aber eine präzise Analyse dessen, was es bedeuten soll, habe ich noch nie gelesen. Man weiß das einfach. Der Hintergrund dieser abschätzigen Vokabel ist die Tatsache, dass die Wissenschaften heute hoch spezialisiert sind und man jeden, der in einem wenig bekannten Bereich forscht, für einen weltfremden Nerd hält.

Die Themen, die Sie sich vornehmen, sind nicht weltfremd. Ihr jüngstes Buch handelt vom Kuss in der Literatur.

Es handelt davon, wie die Literatur das Glück und das Unglück der Menschen erzählend erforscht, wobei der jeweilige Ausgangspunkt ein dramatisch inszenierter Kuss ist. Die Fein­struktur einer bedeutenden Erzählung ist oft so raffiniert wie eine Spitzenuhr, wie eine „Grande Complication“, aber wir sehen nur das hübsche Zifferblatt. Das möchte ich zeigen.

Sie sind ein Meister der Rede. Mir scheint, die Redekunst ist eine aussterbende Gattung. Winston Churchills Kriegsrede 1940 oder „I have a dream“ von Martin Luther King 1963 – solche weltbewegenden Reden fehlen heute, obwohl die Welt im Umbruch ist.

Ihre Beispiele liegen ziemlich weit auseinander. Das zeigt, dass weltberühmte Reden selten sind, weil sie mit historischen Krisenmomenten zusammenhängen. An meinem Gymnasium hatten wir ein Jahr lang Rhetorik. Wir mussten lernen und üben, wie man eine Rede schreibt und wie man sie hält und wie man sich die Aufmerksamkeit der Zuhörer bis zuletzt sichert. Da ist halt etwas hängen geblieben.

In Ihrer Rede zum 100. Geburtstag von Max Frisch sprechen Sie vom „Schrecken der Vollkommenheit“. Gibt es die Furcht vor Erstarrung auch bei Ihnen?

Nein, das war der Stachel in Frischs Seele. Er hat ihn gequält und angetrieben – als Künstler wie als Liebhaber.

Sie waren für Max Frisch ein idealer Festredner. Welche drei Festredner wünschen Sie sich zum 80. Geburtstag?

Drei sympathische Taubstumme.

Zur Person

Der Schweizer Germanist Peter von Matt (79) lehrte von 1976 bis 2002 als Professor für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Zürich. Er ist unter anderem Mitglied des Ordens Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste sowie der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Seine scharfe Beobachtung der kleinen Dinge hat ihn zu einem gefragten Redner gemacht. Von Matts aktuelles Buch heißt „Sieben Küsse. Glück und Unglück in der ­Literatur“ (erschienen im Verlag Carl Hanser, 22 Euro).

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