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Kultur Gerhard Richter: Mit Abstand das Ungeheuerliche berührt

Das Frieder-Burda-Museum in Baden-Baden zeigt Gerhard Richters Birkenau-Zyklus und andere Werke des bedeutenden Künstlers.

Er ist wieder da. Zuletzt 2008, vor acht Jahren, waren Werke von Gerhard Richter im Frieder-Burda-Museum zu sehen. Der Künstler selbst kuratierte seinerzeit die Ausstellung mit Bildern aus privaten Sammlungen. Ein paar Arbeiten steuerte er aus seinem persönlichen Besitz bei. Doch das war nicht Richters Debüt in Baden-Baden. Schon 2004, zur Eröffnung des helllichten Hauses, geplant vom US-Architekten Richard Meier, war der erfolgreichste lebende Maler der Welt dabei. Zum Bilderberg gehörte ein leicht verschleiertes „Kerzenbild“ (1982) aus der Sammlung Frieder Burda. Der Künstler und der Museumsgründer sind ziemlich gute Freunde. Sie lernten sich in den 1980er-Jahren kennen. Damals wurde Richters Werk noch nicht so hochpreisig gehandelt wie in unseren unruhigen Zeiten. Burda konnte vergleichsweise günstig einkaufen.

Nun also wieder Richter. Und wieder ist's ein Ereignis. Erstaunlich? Nicht wirklich! Richter wiederholt sich nicht, er langweilt nicht, auch wenn er in Serien oder Zyklen arbeitet. Er hat zu Recht das Image eines Stilpluralisten. Keine Malrichtung scheint sich notwendig aus der vorherigen zu ergeben. Eine jede ist jederzeit abrufbar. Er malt abstrakt, wenn andere auf Gegenstand setzen (und umgekehrt). Er legt keinen gesteigerten Wert auf ein einprägsames Markenzeichen (das ist womöglich seins). Der Mainstream kümmert ihn nicht. Und über jeden Malstil verfügt er mit verblüffender Nonchalance. Kurzum: Man wird mit diesem Maler nicht fertig. Vielleicht macht das sein Werk so anziehend.

Die vom Intendanten des Museums, Helmut Friedel, eingerichtete Ausstellung „Gerhard Richter. Birkenau“ zeigt Richters abstraktes Werk, dem im Übrigen immer auch ein Bezug zum Abbild eigen ist. Dieser Maler macht keinen Unterschied zwischen einem Landschafts- und einem ungegenständlichen Bild. Richters Abstraktionen stellt der Kurator der Ausstellung Werken von Carl Andre, Sol LeWitt, Blinky Palermo, Imi Knoebel und Sigmar Polke gegenüber. Sie kommen zu einem Teil aus dem Umfeld der Düsseldorfer Galerie Konrad Fischer, mit der Richter in den 1960er-Jahren in regem Austausch stand. Aber auch der unvermeidliche Andy Warhol sowie die abstrakten Expressionisten Clyfford Still, Adolf Gottlieb und Willem de Kooning sind dabei. Sie ergänzen die Richter-Gala und belegen, „wie zeitgenössische Künstler gerade mithilfe der Abstraktion in der Lage sind, das Unbeschreibliche festzuhalten oder das Nichtdarstellbare abzubilden“ (Friedel).



Im Zentrum der Ausstellung steht allerdings das titelgebende vierteilige Werk Richters „Birkenau“. Es ist, aufs Ganze gesehen, ein monumentales Farbfeld. „Birkenau“ besteht aus Schwarz-, Weiß- und Grautönen, aus roten und grünen Farbzonen, die mit einer großen Spachtel aufgetragen worden sein müssen, anders sind die Schlieren, Risse, Krümel, Fetzen und Pocken nicht zu erklären. Bild- und Ausstellungstitel nehmen Bezug auf das traurige Symbol für den Holocaust. Auschwitz-Birkenau war das größte deutsche Vernichtungslager während der Zeit des Nationalsozialismus. Von den sechs Millionen Opfern des Holocaust wurden 1,1 Millionen im Todeslager Birkenau ermordet, darunter eine Million Juden.

Richters beunruhigender Zyklus hieß ursprünglich „Abstrakte Bilder“ (937/1-4) – die Nummer 937 bezog sich auf das Werkverzeichnis. Der Künstler zeigte ihn erstmalig im Februar 2015 im Albertinum in Dresden; anschließend wurde er in der Fondation Beyeler in Basel-Riehen ausgestellt, dort bereits versah ihn Richter mit dem heutigen Titel. In Dresden fand sich noch kein konkreter Hinweis, worauf sich die Gemälde beziehen. Allein in der Pressemitteilung wurde ausgeführt, dass die Werke auf „vier, von einem Häftling im August 1944 im Konzentrationslager Birkenau aufgenommene Fotografien zurückgingen“. Die Fotos sind allerdings nicht mehr sichtbar.

Richter wollte mit dem Zyklus kein Aufsehen erregen. Möglicherweise hatte er auch Skrupel, eine Bilderserie mit einem dermaßen geschichtsbeladenen Titel auszustatten. Der Name Auschwitz produziert Kopfbilder des Grauens; der vierteilige Zyklus löst sie nicht ein, auch wenn eine Wut lebt in dieser Malerei, wütende Trauer. Wer nicht weiß, worauf sich der Zyklus bezieht, für den bleibt er ein Farbgewitter, Malerei pur – wobei das bei Richter schon ein Wert an sich ist. Ihm allerdings zu unterstellen, dass er hier mit einer sprachlichen Aufrüstung für einen Überbau sorgt – ein Vorwurf, mit dem Anselm Kiefer leben muss –, wird ihm und seinem Werk nicht gerecht.

„Birkenau“ steht am Ende von Richters Beschäftigung mit dem Holocaust, die seit 1967 dokumentiert ist. In seinem Ideenkosmos „Atlas“, einem Konvolut von 15 000 einzelnen Stücken, die Helmut Friedel 1996 als Direktor der Münchner Lenbach-Galerie für sein Haus erworben hat, gibt es unzählige Schwarz-Weiß-Fotos aus Konzentrationslagern und viele Skizzen. Auch sie werden im Burda-Museum gezeigt, dazu Tafeln für das Buch „War Cut“ (2004). Trotz verschiedentlicher Anläufe einer „Verarbeitung“ des Themas – etwa auch bei der Gestaltung des Bundestags – ist es ihm in der Malerei erst mit dem „Birkenau“-Zyklus geglückt. „Es hat gedauert, bis ich die richtige Form gefunden habe“, sagte Richter in Baden-Baden. Und: „Ich habe abstrakt gemalt, weil diese Fotos unübertroffen sind – ich kann es nicht besser.“

Er weiß: Auschwitz kann man nicht malen. Richter kennt Adornos Satz, wonach ein Gedicht nach Auschwitz zu schreiben barbarisch sei. „Birkenau“ hat nichts von Historienmalerei – das leistet Richter noch mit seinem RAF-Zyklus, mit dem er die Geschehnisse 1977 in Stuttgart-Stammheim thematisiert. Es ist ein Mahnmal auf Leinwand, vor allem aber das Ergebnis einer sehr persönlichen Beschäftigung mit unserer großen Schuld. Richter hat aber, um es mit einem Wort der Berliner Kunstkritikerin Ingeborg Ruthe zu sagen, mit Abstand das Ungeheuerliche berührt.

Zur Person


Gerhard Richter, wurde 1932 in Dresden geboren. Er begann seine künstlerische Laufbahn in der DDR. Ende Februar 1961 floh er nach Westdeutschland. Seine in der DDR geschaffenen Werke musste er zurücklassen. Er studierte an der Kunstakademie Düsseldorf weiter, von 1971 bis 1993 war er dort Professor. Richter lebt in Köln, zu seiner Geburtsstadt Dresden hat er immer noch Kontakt. Seine Werke sind auf dem Kunstmarkt die teuersten eines lebenden Künstlers.

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