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Kultur Generation Allah

Der Berliner Publizist Ahmad Mansour warnt vor einer Radikalisierung junger Muslime in Deutschland

Wie wird jemand Terrorist? Schwierige Frage. Was den letzten Kick zu einem Selbstmordattentat gibt, wissen vermutlich nicht einmal die Täter selber. Beginnen wir einfacher. Wie wird man radikal? Es ist banal. Es funktioniert nach den Regeln von Angebot und Nachfrage: Ein Mensch fragt nach Halt, Anerkennung und Sinn – und eine radikale Gruppe hat genau diese Elemente im Angebot. Freikorps, SS-Staat, IS-Staat, das war immer so.

Auf einen Nenner gebracht, radikalisieren sich Menschen: wenn sie zwischen 13 und 26 Jahre alt sind; wenn sie nicht in Beruf und Familie verankert sind; wenn sie sich oder andere ungerecht behandelt fühlen; wenn sie Aufwertung und Abenteuer in einer festen Gruppe suchen – und wenn in einem Land genau so eine radikale Gruppe zur Verfügung steht: mit strengen Regeln und Geboten, mit einer extremistischen Ideologie, die Überlegenheit verspricht.

Ahmad Mansour wurde 1976 in einer kleinen Gemeinde bei Tel Aviv geboren. In seinem Buch „Generation Allah“ beschreibt er, wie er als arabischer Israeli selber zum Islamisten wurde – und wie er wieder herausfand. Seit zehn Jahren lebt er in Berlin und betreut als Diplompsychologe diverse Projekte gegen Extremismus. Bei Muslimen stellt er fest: „Radikalisierung, Abschottung, religiöser Fundamentalismus sind besonders bei jungen Leuten auf dem Vormarsch.“ Ahmad Mansour sorgt sich, wie naiv Politiker seien, wie überfordert die Sozialarbeiter, wie hilflos die Lehrer im Umgang mit jungen gewaltbereiten Muslimen. Die erste Generation passte sich noch an oder duckte sich in einer Parallelgesellschaft ab. Die neue Generation ist selbstbewusster und offensiver. Das ist die „Generation Allah“.

Die „Generation Allah“ beharrt auf der eigenen Religion und Tradition. Sie kann Deutsch, sie kennt sich aus, sie fühlt sich als Teil unserer Gesellschaft – und ist deshalb bei Zurückweisung stärker verletzt als die Vorväter. Sie zieht sich auf die eigene, oft undemokratische, patriarchale Kultur zurück – und wird dabei erst noch freudig von den eigenen Eltern unterstützt. Endlich ist sich die Familie einig, endlich Ruhe.

Zur kulturellen kommt eine politische Rückbesinnung aufs Herkunftsland. Warum? Die sich zuspitzenden Konflikte in den arabischen Ländern sind täglich in den Medien präsent. Sie sensibilisieren die „Generation Allah“ für das Versagen von Staatsgebilden – und für politische Fehlentscheidungen des Westens. Junge Muslime gefallen sich in der Opferrolle. Opfer der Kolonialisierung, der US-Aggression, der Juden: „Antisemitismus ist eine der größten Gefahren, die mit dem Islamismus Hand in Hand gehen“, schreibt Mansour. Die Hetzschriften sind im Internet für jedermann zugänglich; das IS-Magazin Dabiq gibt es jetzt sogar auf Deutsch. Äußerlich mögen junge Muslime im T-Shirt und Markensportschuh westlich wirken; innerlich wenden sich viele vom Westen ab.

Religion wird wichtigster Baustein ihrer Identität. Viele Jugendliche definieren sich nicht mehr ethnisch (als Araber) oder national (als Libanesen), sondern religiös. Sie fühlen sich als „stolze Muslime“. Sie sagen: „Religion ist das Wertvollste, was wir haben.“ Ihre fromme Haltung erlaubt keine Zweifel. Debatten, stellt Mansour fest, sind kaum noch möglich. Das innere Bedürfnis nach Halt in der Religion wird von außen gerne aufgenommen: „Zentral ist, dass die meisten arabischen beziehungsweise muslimischen Länder gezielt die Missionierung von deutschen Muslimen in Deutschland steuern.“

Die Türkei unter Erdogan, die Muslimbrüder in Ägypten oder Katar, sie alle missionieren. Die Zahl radikaler Prediger, die im Westen auf Jugendfang gehen, ist „enorm gestiegen“. Die Radikalisierung der „Generation Allah“ zeigt sich auch an der zunehmenden Geschlechtertrennung. Sexuelles wird stärker tabuisiert als zuvor. Koran und Internet schüren Angst durch Höllenvisionen. Verbot, Scham, Schande, brutale Strafen drohen. Die Unsicherheit der jungen Männer im Umgang mit Sexualität kippt in Abwehr und Verachtung der Frau.

Was verwundert: Dreißig Prozent derer, die zu den Salafisten überlaufen, sind Frauen. Warum? Weil dort eine neue, schräge Form von Gleichberechtigung herrscht. Sex vor der Ehe ist hier nicht nur der Frau verboten, sondern auch dem Mann. Durfte die junge Muslimin abends nicht auf die Straße gehen, so zieht sie jetzt wie ein Mann in den Mittleren Osten zum Kampf.

Ahmad Mansour schätzt, dass in Deutschland zwischen 1500 und 1800 Jugendliche in den Dschihad gezogen sind. Zuverlässige Zahlen fehlen. Ebenso fehlt eine Statistik über die Zahl der Salafisten und die Verbreitung ihrer Ideologie in Moscheen, Schulen und Jugendzentren. „Fahrlässig“, nennt Mansour die Unkenntnis des Staates. Der Verfassungsschutz stellte für Deutschland fest, dass weniger als ein Prozent der Muslime radikal eingestellt sind. Also nur sehr wenige? Kommt drauf an: Der Zentralrat der Muslime (ZMD) schätzt, dass 80 Prozent der Flüchtlinge, die 2015 nach Deutschland kamen, Muslime sind. Wie viele Salafisten darunter sind, weiß niemand. Zehn Prozent der Salafisten gleiten nachweislich in den IS-Terrorismus ab.

Die Integration in die Arbeitswelt wird Jahre dauern. Der Frust wächst. Die Hass prediger bekommen zu tun. Ahmad Mansour ist gegen Panikmache wie gegen Verharmlosung: „Wir müssen uns die Besonderheit der heutigen Situation vergegenwärtigen: dass wir es nicht nur mit ein paar Hundert jungen Islamisten zu tun haben, sondern mit einer ganzen Generation, die der starken Gefährdung einer Radikalisierung ausgesetzt ist und die einige der ideologischen Inhalte dieses Radikalismus auf eine beinahe selbstverständliche Weise in ihr Denken integriert hat.“

Was tun? Mansour plädiert für zügige Präventionsarbeit, denn: „Mindestens 80 Prozent der künftigen Radikalen lassen sich jetzt erreichen!“ Für die Westgesellschaft heißt Prävention zum einen: Abbau der Diskriminierung, Integration durch Schule, Arbeit, Sport und Spiel. Und zum anderen: strikte Überwachung religiöser Fundamentalisten. Zum dritten: massive Aufklärung und Gegenpropaganda im Internet.

Für muslimische Organisationen im Westen heißt Gewaltprävention: Reformierung des praktizierten Islam. Weg mit Angstpädagogik und Patriarchat in der Familie. Weg mit Buchstabengläubigkeit, Höllenvisionen, Opferdenken und Hasspredigten gegen „Ungläubige“ in der Moschee. In einer Koranschule, die im Westen steht, müssen theologische Debatten und Gespräche über sexuelle Erziehung möglich sein. Islamverbände müssen im Zweifelsfall die freie Gesellschaft verteidigen – und zwar so laut, dass wir es alle hören können.

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