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Buchmesse Frankfurter Buchmesse: Das gedruckte Buch wird zum Luxusobjekt

Die 68. Frankfurter Buchmesse hat ihre Tore geöffnet. Eine große Rolle spielt dort in diesem Jahr die Kunst. Nicht weniger wichtig, das wird bei der Eröffnung deutlich: der Kampf um die Freiheit des Wortes. SÜDKURIER-Redakteur Siegmund Kopitzki ist vor Ort in Frankfurt

Was macht der britische Maler und Multimedia-Künstler David Hockney auf der Buchmesse? Über Kunst reden, natürlich, über seine Kunst. Der 79-Jährige, einer der letzten großen Vertreter der Pop-Art, stellte bei der Eröffnungs-Pressekonferenz der Messe sein großformatiges, 35 Kilogramm schweres Buch „Sumo“ vor, das limitiert und handsigniert um die 2500 Euro kostet. Hockney redete in Frankfurt nicht über das Buch, in dem eine Verlagsvertreterin mit weißen Handschuhen blätterte, sondern über seine iPad-Zeichnungen – Kakteen, Sonnenaufgänge, Porträts von Freunden. Auf einem großen Bildschirm konnten die Medienvertreter verfolgen, wie und warum der Künstler Bleistift und Papier auf die Seite gelegt hat, um nur noch auf der flexiblen Glasfläche des elektronischen Geräts mit Fingern oder Stift zu arbeiten. Durchschnittlich eine Stunde verwendet er für eine vollfarbige Zeichnung, der Arbeitsvorgang wurde in zwei Minuten auf dem Bildschirm abgespielt. Dem arbeitenden Künstler über die Schulter schauen – das geht heute so und nicht anders. Wenigstens bei Hockney.

Die 68. Frankfurter Buchmesse, die heute zunächst für die Fachbesucher ihre Tore öffnet – das große Publikum ist am Samstag und Sonntag eingeladen – hat die Kunst entdeckt. Unter dem Motto „The Arts+“ präsentiert sich zum ersten Mal die Kreativ- und Kulturwirtschaft. Das ist eine Messe innerhalb der Buchmesse. Deshalb haben die Veranstalter Hockney eingeladen, er sollte die neue Geschäftsidee mit internationalem Glamour schmücken. Der Coup ist gelungen. Aber auch der Taschen-Verlag, in dem das dicke Kunstbuch erschienen ist, darf sich wohl die Hände reiben. Denn die Veranstaltung war beste Werbung für das Produkt.

Angeblich ist der Kunstband im traditionellen Laden ein Auslaufmodell. Auch Jürgen Boos, Chef der Buchmesse, die der Dachverband alljährlich organisiert und die in diesem Jahr 7000 Austeller zählt, ist dieser Auffassung. „Das Buch wird zum Luxusobjekt“, sagt er. Daher werden auf „The Artist+“ die teuersten Kunstbücher zu sehen sein. Aber auch Museen präsentieren sich, wie das niederländische Van-Gogh-Haus, das Museum of Modern Art New York, das Google Cultural Institute und zahlreiche andere Institutionen.

Zu dieser Kunstinitative passt auch die Kooperation, die die Messe mit der documenta 14 eingegangen ist, der weltgrößten Ausstellung für zeitgenössische Kunst. Für „The Parthenon Of Books“ sammelt die argentinische Künstlerin Marta Minujin 100 000 Bücher, die einst verboten waren und nun wieder verlegt werden oder deren Verbreitung noch immer durch Zensur verhindert wird. Am 10. Juni 2017, zur Eröffnung der documenta in Kassel, wird die Installation der Öffentlichkeit gezeigt und dann für 100 Tage zu sehen sein. Die gesammelten Bücher werden als Kunstwerk nach dem Vorbild des Tempels auf der Athener Akropolis errichtet, der ästhetisch und politisch das Symbol der ersten Demokratie repräsentiert.

Der Kampf um die Freiheit des Wortes war auch Inhalt der Redebeiträge von Messe-Chef Boos und von Heinrich Riethmüller. Der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels lenkte – auch am Abend der offiziellen Eröffnung der Messe – den Blick auf die Türkei, wo zuletzt 140 Medienhäuser, darunter 30 Buchverlage, geschlossen wurden und 130 Autoren und Journalisten im Gefängnis sitzen.

„Die Freiheit des Wortes ist für uns ein Menschenrecht und nicht verhandelbar“, sagte Riethmüller und kritisierte die Politik für ihr Schweigen. Er verwies in dem Zusammenhang auf die Online-Petition FreeWordsTurkey, die der Börsenverein zusammen mit dem PEN-Zentrum Deutschland und der Organisation Reporter ohne Grenzen gestartet hat und die bereits von 80 000 Menschen unterzeichnet wurde.

Auch an anderer Stelle seiner Rede bekam die Politik ihr Fett weg. Im Urheberrecht, so Riethmüller, würden Reformen geplant, die die einzigartige deutsche Verlagslandschaft in ihrer Qualität und Vielfalt gefährdeten und damit deren gesellschaftlichen Auftrag in Frage stellten. Er kritisierte das Urteil des Bundesgerichtshofs, wonach Buchverlage an den Einnahmen der Verwertungsgesellschaft Wort nicht mehr beteiligt werden dürfen. Künftig sollen nur noch Autoren von der Ausschüttung profitieren. Außerdem müssen Verlage Leistungen, die sie in den vergangenen drei Jahren erhalten haben, zurückzahlen. Riethmüller nannte die Summe von 350 Millionen Euro. Das gefährde die Existenz vieler Verlage im Segment Wissenschaft, sagte der Vorsteher des Börsenvereins.

Ungeachtet dessen gehe es dem deutschen Buchmarkt ordentlich, so Riethmüller. Die Umsätze in der letzten Dekade seien stabil geblieben, trotz erheblicher Medien- und Gerätekonkurrenz. Am Abend der offiziellen Eröffnung der Messe sprach neben Riethmüller der Präsident des Europäischen Parlaments, Martin Schulz, sowie Vertreter aus Niederlanden und Flandern, dem diesjährigen Ehrengast.

 

Der Buchmarkt in Deutschland

  • Der Umsatz: Er schrumpft. 2015 waren es 9,19 Milliarden Euro (-1,4 Prozent). Vor einigen Jahren lag der Umsatz bei knapp zehn Milliarden Euro.
  • Die Neuerscheinungen: Im vergangenen Jahr gab es 76 547 neue Titel – damit könnte ein 2300 Meter hoher Bücherturm gebaut werden.
  • Die Kosten: Im Schnitt liegt der Preis für einen neuen Roman (Hardcover) bei knapp 17 Euro (+2,7 Prozent). Bei Kinder- und Jugendbüchern waren es 11,72 Euro (-3,2 Prozent).
  • Das E-Book: Es wächst nur noch langsam. 2015 lag der Umsatzanteil am gesamten Buchmarkt bei 4,5 Prozent. In absoluten Zahlen waren das 27 Millionen verkaufte E-Books.
  • Die Leser: Frauen sind Vielleser – 43 Prozent von ihnen lesen täglich oder mehrmals in der Woche ein Buch. Bei den Männern sind es nur 26 Prozent.
  • Die Läden: Statistisch gesehen gibt es in Göttingen die meisten Buchläden. Dort kommen 6193 Einwohner auf einen Laden. Auf Platz zwei liegt Heidelberg (7033) vor Würzburg (7764).
  • Der Export: Bei den Lizenzverträgen liegt China (20,1 Prozent) klar an der Spitze. In der Liste der Länder, in die deutsche Bücher verkauft werden, folgt Spanien (5,5) vor Italien (5,4) und Polen (4,9 Prozent).

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