Freiburg Flucht in die Abstraktion

Mit dem Opernprojekt „Zaïde/Adama“ endet am Theater Freiburg die Ära von Intendantin Barbara Mundel

Elf Jahre Theaterdirektion Barbara Mundel, elf Jahre Theater mit intellektuellem Anspruch und sozialkritischem Bemühen: Am Theater Freiburg geht Ende Juli eine Ära zu Ende. Als letzte Opernpremiere gab man „Zaïde/Adama“, ein Wechselspiel zwischen Mozarts unvollendetem Singspiel und der dissonanten Klangwelt der israelisch-amerikanischen Komponistin Chaya Czernowin.

Das Publikum sitzt auf Seitenbühnen und Hinterbühne. Von drei Tribünen blickt man auf die Spielfläche, im Zentrum das für den zeitgenössischen „Adama“-Part zuständige Instrumentalensemble, präzis dirigiert von Johannes Knapp. Dass für Mozarts „Zaïde“ zuständige Philharmonische Orchester Freiburg, Dirigent Daniel Carter, sitzt Richtung obligatem Zuschauerraum. Man sieht die Musiker bei der Arbeit. Video-Screens für die Zuschauer, Monitore für die Mitwirkenden und über allem der nachtschwarze Bühnenhimmel mit Schnürboden und Spots: Hier sind nicht nur die Künstler zu erleben, sondern auch die logistisch-technischen Leistungen der Theatermaschinerie.

Die Theatermaschinerie ist das eine. Das andere ist die Toleranzmaschine dieses Bühnenprojekts. Seine Abstraktheit macht alle gleich. Das ist nett und human gedacht, verwischt aber die realpolitischen Fronten. Um zu ahnen, was die Toleranzmaschine anrichtet, muss man den ursprünglichen Sprengstoff von „Zaïde“ und „Adama“ kennen.

Zunächst das Mozart-Fragment: In „Zaïde“ begehrt ein türkischer Herrscher die europäische Sklavin Zaide, die wiederum in den europäischen Sklaven Gomatz verliebt ist. Als die beiden fliehen wollen, rast der Sultan vor Rachgier gegen die Christenhunde. Blutrünstige Türkei, böser Islam? Politisch korrekt ist diese Erzählung natürlich nicht, ergo ist auch nichts davon in Freiburg zu sehen.

Zum anderen „Adama“: Chaya Czernowin strebt, wie sie sagt, eine politische Erzählung an, den Nahost-Konflikt. Die Komponistin stellt eine zweite Dreiergruppe auf die Bühne. Ein Palästinenser und eine Israelin lieben sich, der Vater bekämpft die Verbindung. Auch dieser Konflikt wird nicht verortet. Alle spielen und singen auf neutralem Bühnen-Terrain in Alltagskleidern (Bühne und Kostüme Ric Schachtebeck). Regisseur Ludger Engels tritt die Flucht in die Abstraktion an. Das ist sein gutes Recht, doch insoweit ärgerlich, als das Mundel-Theater sich gerne politisch-provokativ gibt.

Wie beim Fussball gilt: Das Spiel entscheidet sich auf dem Platz. Dieser Inszenierung fehlt ein guter Trainer. Sänger und Statisten müssen bedeutungsschwer im Viereck gehen. Der Chor (Leitung: Bernhard Moncado) muss die Populisten geben. Zuerst murmelt er pazifistisch etwas von Freedom, Frida, Frieden; später geriert er sich als Hechelmeute im Dienste der Macht. Junge Statisten müssen fremdländische Gesichter vor die Kamera halten, vermutlich zum Zeichen, dass sie Opfer sind. Was gestern Theater-Avantgarde war, wirkt heute wie Bedeutungsgetue.

Mozart rührt das alles wenig, dafür rührt seine Musik umso mehr. Es gibt auch bei Czernowin berührende Stellen. Doch wenn nach ihrer bissigen, schrundigen Komposition plötzlich Mozart erklingt, dann spielt das Orchster reinste Seelenmusik. Besänftigend, menschlich, zutiefst human.

Weitere Aufführungen: 22., 24., 29. 6.; 1.7. Karten und Infos: www.theater.freiburg.de

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