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Kultur Fahr wohl – du lebest nun oder bleibest!

Abschiede sind immer Ausnahmezustände, oft und von vielen Literaten beweint. Im Silvesterrätsel sind zehn von ihnen versteckt

Und nun ist meine Geschichte zu Ende. Ich blicke noch einmal zurück – das letzte Mal –, bevor ich diese Blätter schließe. Ich sehe mich mit Agnes auf der Straße des Lebens wandern. Ich sehe unsere Kinder und unsere Freunde um uns, und ich höre das Rauschen vieler Stimmen, die mir nicht gleichgültig sind auf meiner Reise.

Welche Gesichter sind mir am deutlichsten in dem verschwimmenden Gewühl? Hier ist meine Tante mit einer stärkeren Brille und unzertrennlich von ihr ist Peggotty, meine gute alte Amme, auch mit einer Brille, die wie gewöhnlich abends irgend etwas näht, nun aber die Lampe ganz nahe an sich heranzieht. Zu einer späteren Zeit finde ich meinen lieben alten Traddles in seiner Kanzlei im Temple mit geschäftiger Miene arbeiten, und sein Haar ist durch die beständige Reibung der Advokatenperücke noch rebellischer als je geworden. „Es waren herrliche Tage in Holborn Court, David! Nicht war?“ sagt er mit schelmischem Lächeln zu mir.

Und in der Tat, es waren herrliche Tage. Und doch waren sie unwiederbringlich vorbei. Die Zeit schreitet voran und es muss das Herz bei jedem Lebensrufe bereit zum Abschied sein und Neubeginne, um sich in Tapferkeit und ohne Trauern in andre, neue Bindungen zu geben. Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Als mein Kindermädchen verschwand

Wie oft war ich nun tatsächlich in meinem Leben vor einem Neubeginn gestanden? Wie oft hatte ich mich von Liebgewonnenem verabschieden müssen? Stets mit einem weinenden Auge, weil ich etwas zu verlassen hatte, aber auch mit einem Lächeln im Gesicht, weil ich voller Spannung in die Zukunft blickte. Der erste Abschied, der in trauriger Erinnerung meine früheste Kindheit überschattete, war das Verschwinden meines geliebten, magischen Kinderfräuleins. Zugegeben sie tat es auf durchaus wundersame Weise. Über dem Dach zeigte sich ein leuchtender Fleck, der von Minute zu Minute höher stieg. Es sah aus, als hätte er alle Funken und Flammen des Feuers in sich aufgespeichert. Er glühte wie ein kleiner Lichtkern im schwarzen kalten Himmel. Über die Fensterbrüstung gelehnt verfolgten wir vier Kinder seine Bahn. Unsere Wangen lagen schwer in unseren Händen, und schwer lag uns das Herz in der Brust. Wir versuchten nicht, uns den Vorfall zu erklären, denn wir wussten, um unser Kinderfräulein herum geschahen Dinge, die sich nicht erklären ließen. Keiner konnte sagen, woher sie gekommen war; und wohin sie ging, ahnten wir nicht. Nur eins stand für uns fest: Sie hatte ihr Versprechen gehalten. Sie war bei uns geblieben bis sich die Tür geöffnet hatte, und dann hatte sie uns verlassen. Und es blieb ungewiss, ob wir die steife Gestalt je wiedersehen würden.Nachdem also unser Kindermädchen so plötzlich auf Nimmerwiedersehen verschwunden war, wurde meine Erziehung in andere professionelle Hände gelegt. Meine Eltern brachten mich ins Internat! Noch heute kann ich meine Aufregung spüren, als ich meinem Vater auf dem Bahnsteig am Gleis neundreiviertel Lebewohl sagen musste. „Vor Thestralen muss man keine Angst haben“, erklärte er mir. „Das sind freundliche Wesen, die sind überhaupt nicht gruselig. Außerdem werdet ihr nicht in den Kutschen zur Schule gefahren, sondern in den Booten.“

Ich werde neue blaue Punkte haben

„Aber Papa“, unterbrach ich ihn. „Ich muss zwar jetzt gleich fortgehen, weil es in wenigen Minuten zwölf Uhr ist. Aber du weißt doch, was geschehen muss, damit ich wiederkommen kann. Wenn ich wiederkomme, werde ich neue blaue Punkte haben. Dann werde ich dir ganz viele Wünsche erfüllen.“ Der Zug setzte sich an diesem Samstag in Bewegung, und mein Vater ging neben ihm her. Er lächelte und winkte. ... Die letzten Dampfschwaden lösten sich in der Herbstluft auf.So musste ich also schon in jungen Jahren lernen Abschied zu nehmen. Doch schützt das Alter leider nicht vor weiteren schmerzlichen Erfahrungen. Denn natürlich ereilte mich mit dem Erwachsenwerden auch die Liebe. Und nichts liegt näher beieinander als Liebe und Leid. So inniglich liebte ich zum ersten Mal, dass ich wünschte, ich wär der Handschuh doch auf ihrer Hand, und küsste ihre Wange. Allein es gab kein glückliches Ende für uns beide.Als ich von einer Reise zu einem fernen Apotheker zurückkam, fand ich sie tot in der Gruft liegend. Der schwarze Gevatter hatte sie mir allzu früh entrissen, und dieser Abschied war ein endgültiger: „Augen blickt euer Letztes! Arme, nehmt die letzte Umarmung! Und, o Lippen, ihr, die Tore des Odems, siegelt mit rechtmäß'gem Kusse den ewigen Vertrag dem Wuch'rer Tod!“ So klagte ich an ihrem Totenlager und für lange Zeit konnte nichts mich trösten. Auch schien ich für die Liebe unbrauchbar geworden. Keine Frau konnte Gefühle in mir wecken und mehr als einmal brach ich aufs Grausamste ein weibliches Herz.Selbst für die rassige Südstaatenschönheit, die mich wie keine andere zu fesseln vermochte, hatte ich am Ende nur harte Worte. „Ich weiß nur, dass du mich nicht mehr liebst und dass du weggehst. Ach, Lieber, wenn du gehst, was fange ich nur an?“ so flehte sie mich an und einen Augenblick schwankte ich, als erwöge ich, ob nicht eine freundliche Lüge wohltätiger wäre als die Wahrheit. Dann zuckte ich die Achseln. Ich seufzte kurz auf und sagte leichthin, aber weich: „Mein Kind, es ist mir ganz gleichgültig!“So konnte und wollte ich nicht weiterleben. Ich musste wieder zu mir selbst finden. Also zog ich mich für einige Zeit an einen einsamen Ort zurück und dachte über mich und mein Leben nach. Beim Abschied von der Insel nahm ich als Erinnerungszeichen mit mir an Bord die große Ziegenfellmütze, die ich mir selbst gemacht hatte, sowie meinen Sonnenschirm und einen meiner Papageis. Und noch einen geliebten Menschen ließ ich zurück am Ort meines selbst gewählten Exils. Der beste Freund, den sich ein Mensch wünschen kann – wir hatten sogar Blutsbruderschaft geschlossen, so nah fühlten wir uns einander – geriet leider unverschuldet in einen Schusswechsel und starb in meinen Armen. Es ging ein konvulsivisches Zittern durch seinen Körper; ein Blutstrom quoll aus seinem Munde; der Häuptling der Apachen drückte nochmals meine Hände und streckte seine Glieder. Dann lösten sich seine Finger langsam von den meinigen – er war tot!Wie unermesslich war mein Schmerz. Zum wiederholten Male hatte ich den mir teuersten Menschen ohne mein Verschulden verloren. Und so klagte ich: „Doch ach! schon mit der Morgensonne verengt' der Abschied mir das Herz: In deinen Küssen welche Wonne! In deinem Auge welcher Schmerz! Ich ging. Du standst und sahst zur Erden, und sahst mir nach mit nassem Blick – und doch, welch Glück, geliebt zu werden! Und lieben, Götter, welch ein Glück.“

Trotz aller Abschiede vom Glück erfüllt

Rückblickend muss ich also einräumen, dass ich trotz all der schmerzlichen Abschiede immer auch von Glück erfüllt war. War doch die Liebe ein großer Teil meines Lebens. Und so bin ich denn nun wieder an einer weiteren Schwelle angelangt und blicke gespannt in die Zukunft. Wie einstens der Freund, der mir voranging und dem ich zurief: Lebewohl, Hans Castorp, des Lebens treuherziges Sorgenkind! Deine Geschichte ist aus. Fahr wohl – du lebest nun oder bleibest!

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