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Kultur Essen ist die neue Politik

Ausgerechnet im Konsumzeitalter zerbrechen wir uns den Kopf über die korrekte Wahl der Lebensmittel. Ein Streifzug durch die aktuelle Ernährungskultur

Da gibt es diesen Cartoon mit Hänsel und Gretel. Sie stehen im Wald und schauen verängstigt aufs Lebkuchenhaus. Aber nicht die Hexe macht ihnen Sorgen. „Ich weiß nicht, Hänsel. Das sieht nicht glutenfrei aus.“

Noch vor zehn Jahren hätte diesen Witz vermutlich kaum jemand verstanden. Heute weiß jeder, worum es geht. Essen ist kompliziert geworden. Es lauern Allergene, Gifte und Unverträglichkeitsrisiken darin. Demgegenüber suggerieren bestimmte Ernährungsformen Erlösung von allem Übel. Von Krankheiten und Übergewicht, von Klimawandel und wirtschaftlicher Ausbeutung.

Drei Mahlzeiten am Tag mit Sättigungsbeilage – das war einmal. Heute gibt es die ausgefeiltesten Ernährungstrends. Vegan oder paleo (eine Abkürzung für die so genannte „Steinzeit-Ernährung“ mit viel Fleisch, aber ohne Milch und Getreide), gluten- und laktosefrei, low carb (wenig Kohlehydrate), streng regional oder fair-trade. Sich einfach nur bio oder vegetarisch zu ernähren, ist dagegen fast schon unspezifisch und banal. Warum machen wir es uns so schwer mit der Ernährung?

Rechts oder links, vegan oder paleo

Gunther Hirschfelder, Professor für Kulturwissenschaften in Regensburg, beschäftigt sich seit Jahren mit europäischer Ess- und Trinkkultur. Ihn wundert die „Thematisierungskonjunktur“, die das Essen gerade erlebt, nicht. „Jede Gesellschaft braucht ein Narrativ“, sagt er. Also einfach gesagt, etwas, über das man reden, streiten und sich auch definieren kann. In den Siebziger- und Achtzigerjahren lieferte die Politik dieses Narrativ. Da ging es dann darum, ob man für oder gegen den Nato-Nachrüstungsbeschluss ist, für oder gegen Atomkraft, wie man zur Bundeswehr steht und ob man Kapitalist oder Kommunist ist. „Das haben wir total überhöht. Zwar hatte es relativ wenig Einfluss auf unsere Lebensrealität, aber es war das ständige Thema unserer Studienzeit“, sagt der Kulturwissenschaftler. „In den Jahren nach 1990 haben wir die narrative und ideologische Leitperspektive verloren, die uns erzählt hat, wie wir uns sozial verorten können.“ Mit anderen Worten: Nach einer Zeit des ideologischen Stillstands ersetzt inzwischen die Diskussion über das Essen die Diskussion über die Politik.Dabei werden Positionen gerne auch vereinfacht und zugespitzt. Auch solche Komplexitätsreduktionen finden sich in jeder Gesellschaft wieder. Komplexe Sachverhalte werden auf ein schlichtes Für und Wider heruntergebrochen. Auch damals drehte sich alles um die Frage, ob man für oder gegen Kommunismus ist. „Die Probleme der dritten Welt, was soll mit Äthiopien passieren, was mit Mosambique oder die Diskussion um die Apartheid – das war alles eine Frage von rechts oder links“, so Hirschfelder. „Heute haben wir wieder eine Komplexitätsreduktion, aber wir machen sie am Essen fest.“Das könnte auch erklären, warum unterschiedliche Ernährungsphilosophien nebeneinander existieren, die einander widersprechen. Wer nicht mehr über „rechts“ und „links“ streiten kann, muss eben über Ernährungsdogmen streiten. Hirschfelder nennt ein Beispiel: „Während der eine sagt, der Apfel aus Neuseeland ist klimakritisch, daher esse ich lieber Sauerkraut im Winter, sagt der andere, das südamerikanische Rindfleisch ist aber für meinen Körper optimal.“

Weltretter und Selbstoptimierer

Für die unterschiedlichen Ernährungstrends gibt es unterschiedliche Beweggründe. Hirschfelder unterscheidet die Weltretter und die Selbstoptimierer. „Wir haben Menschen, die denken in Kontexten von Nachhaltigkeit, von Stoffkreisläufen, von Footprints (also ökologischen Fußabdrücken). Und wir haben Menschen, denen geht es darum, ihren Körper fitter und gesünder zu machen.“ Dabei werde – und das liegt in der Natur des Narrativs – zwar viel über Ernährung gesprochen, doch nicht alles davon finde auch seinen Niederschlag in der Lebensrealität. „Zum Beispiel ist die Paleo-Diät zwar ein Riesenthema, in vielen Foren, auf jeder Metzgerfete, in vielen Pressepublikationen – aber versuchen Sie mal, Leute zu identifizieren, die sich paleo ernähren. Die finden Sie überhaupt nicht. Ähnliches gilt für die sogenannten Superfoods. Viele Leute streuen das so ein bisschen ins Leben ein, ziehen das aber nicht wirklich durch.“Dennoch ist die Selbstoptimierung ein großes gesellschaftliches Thema geworden. Und das betrifft nicht nur die Ernährung im engeren Sinne. Auch die Konjunktur von Nahrungsmittelzusätzen gehört dazu. Ob für den sportlich aktiven Menschen, fürs Herz oder die Menopause – für jede Lebenssituation gibt es speziell zugeschnittene Vitamin- und Mineralstoffmischungen oder pflanzliche Präparate. Auch hier gilt: Kontrolle ist alles. Wer Magnesium- oder Calciumtabletten schluckt, tut dies im Wissen oder zumindest im Glauben daran, wie viel davon dem eigenen Körper zugeführt werden sollte, um optimal zu funktionieren. Auch die körperliche Aktivität wird zunehmend vermessen. Sensorsysteme helfen dabei, die Bewegungsaktivität zu erfassen und den Energieverbrauch zu berechnen. So lässt sich Nahrung wiederum passgenau zuführen.Warum überhaupt dieser Kontrollwahn? Warum trauen wir nicht einfach unserem Körpergefühl? Hirschfelder hält das für einen Reflex auf die spätkapitalistische Gesellschaft. „Junge Menschen optimieren sich heute selber, auch ohne das zu thematisieren, weil sie wissen, dass sie einen optimalen Körper brauchen, um unter schwierigen Marktbedingungen überhaupt überleben zu können. Das gilt für die Partnerwahl ebenso wie für das Berufsleben.“ Überspitzt gesagt sei der BMI heute wichtiger als der IQ.

Arme-Leute-Essen – gibt es das noch?

Früher sprach man von „Arme-Leute-Essen“, wenn günstige und leicht verfügbare Lebensmittel wie Kartoffeln mit Quark auf den Teller kamen. Nicht jeder konnte sich das tägliche Stück Fleisch leisten. Doch das ist lange her. Heute sind Lebensmittel so billig geworden, dass niemand unter Hunger leiden muss. Das bedeutet allerdings nicht, dass Geld bei der Ernährung keine Rolle mehr spielt. Im Gegenteil: „Das Thema des billigen Essens hat für einen erheblichen Teil der Gesellschaft nach wie vor große Relevanz“, hat Hirschfelder beobachtet. Für den Hartz-IV-Empfänger geht es daher auch nicht um die Frage der Nährstoff-Bilanz von Chia-Samen, sondern darum, wo es heute das Kilo Hackfleisch für 2,99 Euro gibt – auch wenn es in diesen Gesellschaftsgruppen ebenfalls Prestige-Produkte gibt wie Marken-Coca-Cola, Pepsi oder Red Bull. Im Umkehrschluss bedeutet das aber auch, dass das Narrativ über die richtige Ernährung nur in bestimmten Gesellschaftsschichten relevant ist. Zumal es für den Einkauf im Bioladen schon einen besser gefüllten Geldbeutel braucht und auch spezielle, oft in Pulverform konzentrierte Superfoods ihren Preis haben. „Da gibt es einen starken Unterschied zwischen urbanem, akademischem Hip-Publikum und der schweigenden Masse auf dem Land“, so Hirschfelder.Bleibt die Frage, wie lange der Kult um die Ernährung noch Bestand hat. Politische Streitthemen, an denen sich neue Narrative entwickeln ließen, gibt es spätestens seit der Flüchtlingskrise ja zur Genüge. Allerdings hat das Sprechen über das Essen noch einen anderen großen Vorteil. Man kann die Masse an bedrückenden weltpolitischen Themen wunderbar damit überblenden. „Es schmeckt, es gibt gleich was – das ist die Psychologie der Ernährung“, sagt Hirschfelder. „Wenn wir als Gesellschaft immer nur Horrorthemen spielen, dann werden wir depressiv. Lieber unterhalten wir uns über Fußball, über schöne Menschen, über Tiere, die Sonne – und eben über das Essen.“

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