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Kultur Empörung als moralische Entlastung

Über die Gründe, warum viele Deutsche Israel gerne allein verantwortlich machen, kann man nur spekulieren

Im Jahre 1979 hatte ich meine Zivildienstferien in Israel verbracht. Es war hierzulande die Zeit der Palästinensertücher, Che-Guevara-Poster und Dritte-Welt-Läden. Nicht wenige Linke feierten Arafat als Befreiungskämpfer und verdammten Israel als nahöstliche Außenbastion des amerikanischen Imperialismus. Mir war das schon damals suspekt, und bis heute werde ich das Gefühl nicht los, dass bei aller vollkommen nachvollziehbaren Kritik israelischer Politik so mancher auf diesem Wege seine latente Wut über unsere deutsche Schuld auszuagieren versucht. Diese Schuld wird man nie los, auch nicht, wenn man nach 1945 geboren ist. Sie existiert und sie ist eine Bürde, ob es einem gefällt oder nicht.

In Jerusalem wohnte ich für ein paar Tage gegenüber dem Damaskustor in einem Hostel. Den Besitzer, einen beleibten Palästinenser, nannte man Kojak, weil er wie Telly Savalas einen runden Schädel mit Vollglatze hatte. Eine Nacht lang saß ich mit ihm bei Bier und Schnaps bis in die Morgenstunden zusammen, und er hätte am liebsten mitgetrunken, wäre nicht Ramadan gewesen, wo selbst ein laxer Moslem es sich nicht leisten kann, mit einer Fahne herumzulaufen. Es war eine reine Vorsichtsmaßnahme, keine religiöse Überzeugung.

Von Hitler bis Idi Amin

Dafür besaß er ein paar andere tiefsitzende Überzeugungen: Er fand Hitler toll und auch Idi Amin, der ebenfalls ein Hitler-Verehrer war und in Uganda gerade Hunderttausende seiner Landsleute bestialisch hatte abschlachten lassen. Da mir nicht einleuchten wollte, warum Kojak ausgerechnet auch noch diesen Massenmörder bewunderte, erzählte er mir, dass Idi Amin die Juden hasst, weil sie einst bei ihren Basler Zionistenkongressen sogar Uganda als Siedlungsort in Betracht gezogen hatten. Kojaks dritter Held war al-Husseini, jener Großmufti von Jerusalem, der als arabisches SS-Mitglied von Hitler schwärmte und jene Juden, die aus Deutschland nach Palästina entkommen waren, ebenso vollends vernichten wollte. Wäre Feldmarschall Rommel auf seinem Wüstenfeldzug nicht von den Briten in Ägypten gestoppt worden, hätten die Deutschen gemeinsam mit al-Husseini diesen Plan vermutlich auch zu verwirklichen versucht.Wie gesagt, Kojak war ein jovialer Herbergsvater, mit dem man locker diskutieren und debattieren konnte. Dass aber die Juden allesamt im Meer versenkt gehören, war für ihn – Leutseligkeit hin, Leutseligkeit her – eine klare Sache. Es war für ihn so selbstverständlich, dass er um den heißen Brei überhaupt nicht herumreden musste.Ein, zwei Jahre später war in einem Artikel der taz zu lesen, die Sonne im Nahen Osten habe den Israelis offenbar das Hirn ausgebrannt. Ich schrieb einen Leserbrief, der nicht abgedruckt wurde und bloß aus der Frage bestand: Warum nur den Israelis und nicht auch den Palästinensern? Ein Hetzartikel gegen Arafat hätte damals wahrscheinlich weit mehr Linke empört als einer gegen jenes Volk, das Deutsche wenige Jahrzehnte zuvor ausrotten wollten. Israel stilisierte man inzwischen zum alleinigen Aggressor, die Palästinenser zu unschuldigen Opfern. David gegen Goliath. Was in den letzten Wochen die Hunderte von Opfern auf palästinensischer Seite und die deutlich geringeren auf israelischer erneut zu beweisen scheinen. Auf den Straßen von London, Paris und Berlin grölt man sich deshalb die eingeschworene Gesinnung aus dem Leib, während Teile der arabischen Welt sich inzwischen zu anderen Sichtweisen durchringen.Auf den hiesigen Demonstrationsbühnen regiert die übliche überhitzte Moral, die nur die Dualität von Gut und Böse kennt, wogegen ein Blick in die Online-Portale arabischer Zeitungen zeigt, dass man dort auf den jüngsten Krieg mit nüchternen Analysen reagiert und Interessenkonflikte sortiert. Die Hamas bekommt dabei wenig Beifall.

Kritische Töne in der arabischen Welt

Die ägyptische Wochenzeitung Al-Ahram erklärt am 16. Juli 2014: „Es ist die Hamas, die mit den Gefechten anfing, und nicht Israel.“ Und in der algerischen Zeitung Liberté ist am 22. Juli zu lesen: „Die Vorherrschaft ideologischer ‚Bruder'-Gefechte unter Arabern und Moslems, die Clankriege ihrer Führer, ihre Korruption und ihre antinationalen Allianzen haben mit Sicherheit das Ihre dazu beigetragen, den nationalen und demokratischen Kampf der Palästinenser zu beschmutzen. Sie bedürfen einer inneren Intifada.“ Das sind keine Stimmen aus dem Westen, sondern aus der arabischen Welt, die genug davon haben, die hausgemachten Probleme der Palästinenser weiterhin kleinzureden. Hier bei uns verharren die Sichtweisen in Überzeugungsstarre, dort, wo man es lange am allerwenigsten für möglich gehalten hat, weichen sie auf.Dennoch machen einen jene mörderischen Bilder in den Nachrichten fassungslos. Wenn aber in Berlin Palästinenser mit Plakaten durch die Straßen ziehen, auf denen steht: Israel = Kindermörder, ist das weniger als die halbe Wahrheit. Die ganze offenbart sich hinter den Bildern und nicht auf ihnen. Wer Wirkung nicht mit Ursache zu verwechseln bereit ist, müsste immerhin bedenken, dass die Hamas mit ihren Raketenbeschüssen Israel nicht zum ersten Mal so lange provoziert, bis der Angegriffene zurückschlägt und der Welt vorführt, wie brutal er sein kann.Weil die Hamas weiß, dass sie militärisch unterlegen ist, will sie Israel als den großen Schlächter präsentieren. Und Israel, könnte man sagen, tritt immer wieder in diese Falle. Einerseits. Andererseits wäre es merkwürdig, wenn ein Land sich nicht gegen permanente Angriffe wehren würde. Schließlich scheint der Gaza-Streifen von militärischen Versorgungstunneln und Waffenlagern unterhöhlt zu sein, wobei die Hamas keinerlei Skrupel kennt, ihre Munitionsschächte direkt unter Schulen und Krankenhäusern anzubringen, anstatt dort Schutzbunker für die eigene Bevölkerung einzurichten. Auch hausen die Hamas-Terroristen nicht – wie einst Bin Laden – in Wüstenhöhlen, sondern operieren inmitten der Städte, wo sie, umgeben von Familien und Kindern, die eigene Bevölkerung in ihr Vernichtungsgeschäft gezielt mit einbeziehen. Wer nicht völlig realitätsfern tickt, müsste wenigstens ein klein wenig begreifen, dass jeder Staat auf der Welt versuchen würde, solche Feinde auszuschalten. Dass dabei Unschuldige umkommen, entspricht den Regieabsichten der Hamas ganz und gar.So mancher hierzulande hat den Nahostkonflikt schlichtweg satt und denkt: Israel soll endlich Ruhe geben! Dass die Dinge seit Jahrzehnten aufs Schlimmste verwickelt sind und der Konflikt unlösbar scheint, ist die eine Sache, die andere, dafür bloß Israel verantwortlich machen zu wollen. Vielleicht möchte man sich als Deutscher doch von einer Schuld entlasten, die – wie unbewusst auch immer – als unerträglich empfunden wird, sich aber auf diesem Weg am allerwenigsten mindern lässt.

Karl-Heinz Ott, 1957 in Ehingen/Donau geboren, studierte Philosophie, Germanistik und Musikwissenschaft. Er war Leiter der Schauspielmusik in Esslingen, Dramaturg in Freiburg und Chefdramaturg der Oper Basel. Ott lebt in Freiburg und ist Verfasser zahlreicher Romane. Zuletzt schrieb er mit Theresia Walser das Stück „Konstanz am Meer“, das am Originalschauplatz uraufgeführt wurde.

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